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Innerer und äußerer Frieden -
Ein Gespräch mit Anselm Grün

Anselm Grün ist Deutschlands bekanntester Benediktinerpater. Mit uns hat er über inneren und äußeren Frieden in der Vorweihnachtszeit gesprochen.

Bald ist Weihnachten. Wie bei keinem anderen Fest ist der Gedanke an die Heilige Nacht mit dem Wunsch nach Ruhe, Gemütlichkeit, Liebe und Frieden verbunden. An Weihnachten wollen wir mit unseren Lieben zusammensitzen und die Gemeinschaft genießen. Es soll friedvoll zugehen. Doch allzu oft erfüllt sich dieser Wunsch nicht.

„Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen." Lukas 2:14

Was die himmlischen Heerscharen im Stall in Bethlehem freudig verkünden, möchten wir auch heute, mehr als zweitausend Jahre später, gerne feiern. Weihnachten soll ein Friedensfest sein. Doch wie können wir Frieden finden? Was ist das christliche Verständnis von Frieden? Worauf sollten wir achten, wenn wir die Weihnachtsfeiertage als ein harmonisches Fest erleben wollen? Über diese Fragen haben wir mit dem Benediktinermönch, Buchautor und Seminarleiter Pater Anselm Grün gesprochen.

Pater Anselm, was bedeutet Frieden?

Ich gehe da von der Wortbedeutung aus. Das griechische Wort für Frieden ist Irene. Es kommt aus dem Bereich der Musik. Frieden entsteht, wenn verschiedene Töne zusammenklingen. Frieden bedeutet nicht Einheitsbrei, sondern dass die Töne in ihrer Einzigartigkeit harmonieren. Dann gibt es einen Zusammenklang und Einklang.

Im Lateinischen heißt Frieden Pax, und das steht im Kontext von Verhandlungen. Frieden entsteht demnach, wenn wir miteinander ins Gespräch kommen. Indem wir die verschiedenen Wünsche und Positionen erklären und einen Weg finden, mit dem alle leben können. Das geht nur durch Verhandlung. Ich muss den Anderen mit seinen Anliegen ernst nehmen und kann dann überlegen, wie man gemeinsam zu einem Frieden kommen kann.

Ein berühmter Bibelspruch aus Philipper 4 lautet: „Und der Friede Gottes, welcher höher ist denn alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christo Jesu!“ Wie ist das zu verstehen?

Was im Menschen streitet, was in seiner Seele miteinander kämpft, kann in Gott zum Frieden kommen, weil Gott uns bedingungslos annimmt, auch mit allen Schattenseiten, die wir bekämpfen.

Ist das unmittelbar verknüpft mit dem Glauben an Gott?

Nun, da müsste man zunächst fragen, was heißt Glauben. Ist damit die Erfahrung Gottes gemeint? Augustinus sagt: „Unruhig ist das Herz, bis es ruht in Dir, mein Gott.“ (Confessiones/Bekenntnisse, I, 1,1) Damit verbunden ist die Bitte des Menschen um Frieden und die Erfahrung, dass in Gott ein Raum des Friedens ist wie auch umgekehrt: Wo Gott im Herzen des Menschen ist, da ist Frieden.

Weihnachten steht vor der Tür. Christi Geburt wird in den christlichen Traditionen als ein Fest der Liebe, des Lichtes und des Friedens verstanden. Was hat es mit der Bedeutung des Friedens zu Weihnachten auf sich?

Im Lukas-Evangelium wird die Weihnachtsgeschichte von der Geburt Jesu in Bethlehem bewusst im Kontrast zum römischen Herrscher Augustus erzählt, der als der große Friedenskaiser gilt. Jesus stellt ein Gegenprogramm dar, weil er den Frieden nicht mit Waffengewalt erkämpft.

Über dem Kind in der Krippe singen die Engel „Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen“ (Lukas 2:14). Viele verbinden den Weihnachtsfrieden mit Harmonie in der Familie, was sich allerdings oft nicht erfüllt, weil die Erwartungen zu hoch sind. Frieden stellt sich nicht von alleine ein, sondern entsteht nur, wenn ich erst mal versuche, mit mir selber im Frieden zu sein. Erst dann kann ich den Anderen so annehmen, wie er ist.

Was würden Sie einer Familie raten, die Weihnachten ohne Streit verbringen möchte? Wie kann man sich da vorbereiten?

Wie gesagt, Streit hängt immer mit Übererwartungen zusammen: Es muss doch Frieden sein, wenn wir zusammen feiern! Doch wenn ich das, was ich feiere, nicht glaube, wie könnte sich durch gemeinsames Feiern so ohne weiteres Frieden einstellen?

Frieden bedeutet, dass ich innehalte. Ich muss mich von den Illusionen verabschieden, muss versuchen, Ja zu sagen zu mir und zu meiner Familie. Damit verbunden sein kann die Trauer, dass wir nicht die ideale Familie sind, die wir besonders zu Weihnachten gerne sein möchten. Wir versuchen einfach, so gut miteinander umzugehen, wie wir sind.

Gewalt und Krieg sind in der Welt keine Ausnahmen. Weltweit sind Millionen Menschen auf der Flucht. Papst Franziskus spricht das immer wieder deutlich an und möchte die Politiker und gegnerischen Gruppen zu einer Umkehr bewegen. Haben Sie eine Vorstellung, wie wir einen Weltfrieden umsetzen könnten?

Gewalt entsteht häufig aus Angst und einem Gefühl von Minderwertigkeit heraus. Die Kunst würde darin liegen, diese Angst abzubauen. Natürlich gibt es bei der Gewalt auch das Böse, das sich verselbständigt hat, einfach Lust am Bösen hat und alle Grenzen überschreiten will. Da ist es wichtig, an das Gute zu glauben und ihm Macht zu geben. Aber auch zu spüren: Wie kann man diesen Hass überwinden?

Jeder Mensch hat Glauben und Unglauben in sich. Wenn ich auch den Unglauben in mir akzeptiere, dann bin ich toleranter. Die da so gewalttätig gegen die Ungläubigen kämpfen, haben Angst vor dem Unglauben im eigenen Herzen. Gewalt hat immer mit Angst zu tun, die ich dann nach außen projiziere. Ich muss andere töten, weil sie mich verunsichern. Da braucht es einen langen Versöhnungsprozess.

Meine Hoffnung ist, dass die toleranten gläubigen Muslime und Christen sich gegenseitig stärken, und dass die anderen, die gewalttätig sind, die Akzeptanz verlieren und spüren, dass sie sich selber ins Abseits begeben.

Es wäre also wichtig, immer wieder zu einem interreligiösen Dialog zu kommen?

Der ist heute wichtiger denn je. Denn wo Angst vor dem Fremden ist, da entsteht eben auch Gewalt.

Wie sehen Sie den Zusammenhang zwischen dem inneren und dem äußeren Frieden?

Ich kann nur äußeren Frieden schaffen, wenn in meinem Inneren Frieden herrscht. Wenn ich meinen inneren Frieden über den äußeren Frieden erwarte, dann komme ich immer zu spät. Das war der Fehler in so vielen Friedensbewegungen, die äußerlich Frieden schaffen wollten, aber innerlich zerrissen waren und von daher nur Spaltung erzeugt haben. Wer gespalten ist, der erzeugt auch Spaltung. Das Reich Gottes aber ist ein Reich des Friedens und keines der Spaltung.

Pater, vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Christian Salvesen.

Fotos: © Foto Koch, Kitzingen.

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