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Wer bin ich und was macht mich aus?

Im Mittelpunkt unseres Lebens steht ein Mysterium, dass wir zwar beschreiben, aber doch nicht wirklich benennen können: Das eigene Ich

Peter Pfrommer promovierte im Bereich der Gebäudeklimatik. Seit Jahren beschäftigt er sich mit Fragen der Selbsterforschung. © Christian Kruse

Gemeinhin gilt es als unsympathisch, wenn ein Mensch egozentriert, selbstsüchtig oder narzisstisch ist. Dabei ist der Ausgangspunkt für all unsere Gedanken und unser Handeln das eigene Selbst, also unser ‚Ich‘. Wie soll es auch anders sein? Ich denke darüber nach, wie ich mich verhalten möchte, was ich sagen soll oder was mein nächster Schritt sein könnte. All diese Gedanken funktioniere nicht ohne das handelnde Momentum – also das Ich. Selbst wenn wir intuitiv und ohne nachzudenken reagieren, irgendetwas oder irgendjemand muss die Handlung ja doch initiieren. Damit wären wir wieder bei der abstrakten Größe des ‚Ichs‘.

Ich – wer oder was ist das eigentlich?

Das fragen sich Peter Pfrommer, eigentlich Professor für Bauingenieurswesen, und seine Studierenden seit Jahren. Mit dem Hochschulseminar „Wer ist Ich?“ weicht Pfrommer von seinem eigentlichen Lehrgebiet ab. „Ich habe zwei Seiten in mir“, sagt er im Interview mit Madelaine Ruska (Hochschule Coburg). „Die mathematisch-naturwissenschaftliche und die philosophisch-spirituelle.“ Im Seminar erforschen die Studierenden anhand von Gedanken- und Verhaltensexperimenten, wie sie sich selbst wahrnehmen und warum das so ist. So kommen sie dem Kern ihres Wesens, ihrem ‚Ich‘ näher.

Warum das Ganze?

Was bringt dieses außergewöhnliche Seminar nun den angehenden Bauingenieuren? Das Ziel ist es, die Realität, wie ich sie wahrnehme, in ein neues Verhältnis zu setzen. „Unsere Gesellschaft ist ja sehr leistungsorientiert“, sagt Peter Pfrommer. „Man muss sportlich, beruflich, persönlich, in der Beziehung etwas erreichen. Wir sind immer auf dem Weg irgendwo hin und verpassen dabei das eigentliche Leben.“ Der Dozent hofft, dass die Studierenden durch die Erweiterung des Blickwinkels lernen, eine gewisse Gelassenheit zu entwickeln.

Wie kommt man einem Verständnis für das eigene ‚Ich‘ näher? Im Fall von Professor Pfrommer durch klug ausgewählte Experimente!

Wenn Du Lust hast, dann mache dieses erste Gedankenexperiment mit:

Stell Dir vor, Du wirst von einem Mitmenschen beleidigt. Vergegenwärtige Dir wenn möglich einen Fall, wo Du Dich gekränkt gefühlt hast. Vielleicht hat Dir am Arbeitsplatz ein Kollege oder eine Kollegin oder gar eine vorgesetzte Person in grobem Tonfall Inkompetenz vorgehalten. Das wird Dich sicher nicht unberührt lassen. Vermutlich wirst Du in irgendeiner Weise auf die Attacke reagieren, egal wie. Die Beleidigung hat etwas in Dir getroffen. Man könnte auch sagen: Dein „Ich“ wurde gekränkt. Aber worin besteht in diesem Zusammenhang das gekränkte „Ich“? Was genau wurde in der Kränkung getroffen? Überprüfe, ob die folgenden Ich-Ansichten der Kränkung tatsächlich gerecht werden:

  • „Ich bin der Körper.“

    Viele Menschen setzen sich selbst mit ihrem (einzigartigen) Körper gleich, der als biologisches bzw. physikalisches Objekt für sämtliche Lebensfunktionen verantwortlich ist und sich der Welt bzw. anderen Körpern als Gegenüber präsentiert. Aber kann man einen biologischen, also einen rein materiellen Vorgang tatsächlich beleidigen? Hat er tatsächlich eine Identität, die verteidigt werden müsste? Stell Dir vor, Du beleidigst eine Maschine. Du wirst wohl kaum eine Reaktion erwarten, es sei denn, die Maschine wäre entsprechend programmiert.

  • „Ich bin mein Denken/Gefühl.“

    Oft wird eine Grenze zwischen dem Körper und dem ihn steuernden Geist gezogen, wobei das Ich nur dem denkenden Teil zugeschrieben wird. In diesem Fall bin ich sozusagen der Ich-Geist mit seinen Gedanken und Gefühlen, der einen Körper „besitzt“. Aber was ist eigentlich ein Gedanke? Bei genauerer Betrachtung erkennt man, dass es sich hierbei um eine geistige Gestalt handelt, die eine bestimmte Aussage oder eine Vorstellung vermittelt. Der Gedanke „Der Tag fängt ja schon wieder gut für mich an“ ist zunächst einfach eine sprachliche Konstruktion, die als innere Stimme erscheinen mag und die eine Behauptung „über mich“ aufstellt. Aber kann man eine sprachliche Konstruktion beleidigen? Haben Worte und Töne eine Identität? In gleicher Weise können wir eine persönliche Identität von Gefühlen in Frage stellen. Die Empfindung „Hitze in der Brust“ kann sehr intensiv werden. Aber hat sie eine Identität?

  • „Ich bin die/der Wahrnehmende.“

    Es ist nicht zu leugnen, dass wir die Welt über unsere Sinne in Form von Sehen, Hören, Schmecken, Riechen und Spüren erfahren. Entsprechend könnten wir uns als den „Seher“ oder die „Hörerin“ definieren. Aber kann man hieraus wirklich eine Identität ableiten? Lassen sich die Feststellungen „Ich sehe rot“, „Ich schmecke Süßes“ oder „Ich rieche Rosenduft“ beleidigen? Vermutlich nicht.

  • „Ich bin meine Geschichte.“

    Viele Menschen beziehen scheinbar ihre Identität aus ihrer persönlichen, einzigartigen Lebensgeschichte, die zweifellos aus unendlich vielen Einzelereignissen zusammengewebt ist und die bei jeder Gelegenheit für grenzenlosen Gesprächsstoff sorgt. Aber auch das hilft uns nicht wirklich weiter. Die Tatsache eines bestimmten Geburtsdatums oder anderer lebensgeschichtlicher Fakten lässt sich wohl auch kaum kränken.

  • „Ich bin eine außergewöhnliche Person.“

    In diesem Fall identifizieren wir uns mit einer außergewöhnlichen Fähigkeit oder einem besonders attraktiven Körpermerkmal. Diese Einstellung ist daher nur ein Sonderfall der Annahmen „Ich bin der Körper“ bzw. „Ich bin mein Denken“, die bereits oben hinterfragt wurden.

  • „Ich bin der Entscheider.“

    Das ist eine besonders hartnäckige Form der Identifizierung. Sie zieht ihre Identität aus der scheinbaren Fähigkeit, eigene Gedanken zu erzeugen und damit freie Entscheidungen herbeizuführen. Viele Menschen empfinden sich als die Instanz, die ihr eigenes Leben kontrolliert, die also die Fäden des Handelns in der Hand hält. Aber selbst wenn es eine solche Instanz tatsächlich geben sollte, dann wäre zu begründen, wieso und inwieweit ein persönlicher Problemlösungs- oder Auswahlprozess beleidigt werden kann. Denk darüber nach!

Möglicherweise fallen Dir noch weitere Ich-Identifikationen ein. Du kannst das Experiment für Dich gerne erweitern, indem Du jedes Mal fragst, ob sich die jeweilige Identifikation beleidigen lässt. Du wirst vermutlich nie auf eine überzeugende Begründung einer solchen emotionalen Reaktion stoßen. Wir identifizieren uns mit den unterschiedlichsten Objekten, aber kein Objekt trägt wirklich eine Ich-Identität in sich, die sich beleidigen ließe. Jedes Mal, wenn wir glauben, eine treffende Beschreibung für unser Ich gefunden zu haben, dann gerinnt es zu einem Objekt, das sich jeglicher Personifizierung geschickt widersetzt. Beim Versuch, unser getrenntes Ich zu finden, laufen wir also wortwörtlich ins Leere. Kann es sein, dass es dieses getrennte Ich-Objekt überhaupt nicht gibt?

Dieser Frage geht Peter Pfrommer in seinem Buch und Online-Seminar „Ich – wer ist das?“ nach. Es gibt noch viele weitere Experimente durchzuspielen auf der spannenden Expedition zum Ich.

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Bei uns erschienen
Sieben Verlage unter einem Dach - Kamphausen.Media aus Bielefeld mit den Imprints jkamphausen, Aurum, fischer&gann, Theseus, Lüchow, LebensBaum sowie der Tao.Cinemathek verlegt seit über 30 Jahren Bücher in den Themenbereichen Persönlichkeitsentwicklung, ganzheitliche Gesundheit, Meditation, Spiritualität und Psychologie. Ergänzt wird die klassische Verlagsarbeit durch die Selfpublishing Portale tao.de und Meine Geschichte. Unser Ziel ist es, mit unseren Produkten jeden Menschen auf seinem Entwicklungsweg in seinen Talenten und seinem Bewusstsein, seinem Glück und seiner Essenz bestmöglich zu unterstützen.
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