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Was wir von Pferden lernen können

Gute Führung zeichnet sich durch das Einnehmen unterschiedlicher Rollen aus – egal, ob es um vierbeinige oder zweibeinige Individuen geht

Linda Kohanov mit einem ihrer Pferde. © Guy Atchley

Die Eigendynamiken, die sich innerhalb von Gruppen bilden können, stellen uns häufig vor Rätsel. Warum verhält sich die Kollegin so? Oder: Warum drangsaliert der Chef gerade mich? Linda Kohanov hat durch ihre Arbeit mit Pferden ein jahrtausendealtes System sozial intelligenten Führungsverhaltens wiederentdeckt. Dieses Wissen nutzt sie nun, um den Team-Zusammenhalt sozialer Gruppen und die persönliche Entwicklung des Einzelnen zu stärken. Sie beschreibt fünf Rollen, die sich in der Person des Anführers bündeln müssen, damit er seine Mitarbeiter effektiv beschützen und unterstützen kann.

Auf das Pferd gekommen

Die Arbeit mit Pferden lernte Linda Kohanov eher zufällig kennen: Ihr Mann war als Musiker viel unterwegs und sie hatte freie Zeit zur Verfügung. Auf der Suche nach einer Beschäftigung machte sie einen Ausritt auf einem Touristen-Reitweg. Sofort war sie angetan von dem Kontakt mit den gefühlvollen Tieren. Keine Woche nach ihrem ersten Ausritt kaufte sie sich ihr erstes eigenes Pferd, welches sie Nakia nannte. Eine Begegnung, die entscheidend für das weiteres Leben der Autorin sein sollte.

Das Pferd als weiser Lehrer und Trainer

Nakia war kein einfaches Pferd und testete ihre Besitzerin immer wieder. Linda Kohanov musste viel Geschick darin entwickeln, sie zu motivieren und zu führen. Je länger Linda Kohanov mit Nakia arbeitete, desto mehr veränderte auch sie sich. Zunehmend fiel das ihrem Umfeld auf. Aber niemand konnte sagen, was genau anders war. Je besser Linda Kohanov das instinktive Verhalten von Pferden kennenlernte, desto mehr Fragezeichen lösten sich bei ihr auf. Besonders die Dynamiken innerhalb von Pferdeherden faszinierten sie. Sie beschreibt es so:

„Ausgehend von meinen Beobachtungen, wie Führung, Dominanz und Kooperation bei ausgesprochen gut funktionierenden Herden zusammenwirkten, begann ich, nonverbale Machtdynamiken zwischen Menschen auszumachen, die eine Verstärkung unproduktiver Verhaltensmuster bewirkten.“

Hier steht doch was Unausgesprochenes im Raum! - Aber was?

Die Erkenntnisse, die sie aus der Beobachtung des Sozialverhaltens der Tiere untereinander zog, konnte sie auf ihren täglichen Umgang mit anderen Menschen übertragen. Sie verstand, dass die Pferde ein Wissen in sich trugen, das den Menschen auf ihrem Weg in die Zivilisation scheinbar verloren gegangen war. Mit diesem Wissen gelang es ihr, die nonverbalen Dynamiken in der Gruppe ihrer Kollegen zu verstehen und positiv zu beeinflussen.

Eine Person - viele Rollen: Der Meisterherdenführer

Nach dem Erscheinen ihres ersten Buchs ging Linda Kohanov noch einen Schritt weiter. Während sie sich mit dem harmonische Zusammenleben von Herden auseinandersetzte, fiel ihr eine Rolle besonders auf: die des Herdenführers in nomadischen Hirtenvölkern. Die Herdenführer hatten im Verlauf der Jahrtausende, in denen sie mit ihren Tieren durch die Landschaften zogen, eine facettenreiche und sozial intelligente Art von Führungsverhalten entwickelt. Ihre Führung schützt und unterstützt die Herde und hält sie dadurch zusammen.

Das Verhalten dieser ‚Meisterherdenführer‘ faszinierte Linda Kohanov zutiefst. Sie beobachtete, dass die Herdenführer ständig andere Rollen einnehmen, wodurch sie in jeder Situation das richtige Handwerkszeug haben, um entsprechend zu reagieren oder zu intervenieren. Dieses Verhalten vereint fünf Rollen in sich, die Kohanov als den Dominanten, den Leader, den Unterstützer/Gefährten, den Wächter und das Raubtier benennt. Die fünf Rollen organisieren die soziale Ordnung der Herde.

Sozial intelligent Anführen zahlt sich aus

Die fünf Rollen bewusst einzusetzen birgt die Chance, wie die ‚Meisterherdenführer‘ auf jede Situation angemessen reagieren zu können. Besonders für Menschen mit Führungsverantwortung ist ein sensibles Gespür für die Dynamiken ihres Teams wichtig. Nur wer die zwischenmenschliche Kommunikation seiner Mitarbeiter im Blick hat und zu deuten weiß, kann ein Team zusammenhalten. Bleiben Dinge ungeklärt, leidet nicht nur die Stimmung, sondern auch die Effizienz.

"Die fünf Rollen eines Meisterherdenführers lassen zuvor irritierende Gruppendynamiken sinnvoll erscheinen und tragen gleichzeitig dazu bei, dass Menschen eine reife, ausgeglichene und sich gegenseitig befähigende Herangehensweise an Führungsverhalten und soziale Intelligenz entwickeln – bei der Arbeit, in der Schule, zu Hause und in größeren kulturellen Zusammenhängen." – Linda Kohanov

Machtspielchen weisen auf Unausgeglichenheit der Rollen hin

Macht ist hier das Schlüsselwort: Wem es schwer fällt, für seine Bedürfnisse einzustehen und sich Einfluss zu verschaffen, der ist zusehends unzufrieden. Selbst in den harmlosesten Situationen kommt es dann immer wieder zu Machtspielen, die gelegentlich offen ausgetragen werden, sich jedoch in den meisten Fällen in verdeckten passiv-aggressiven Aktionen äußern. Produktives und harmonisches Arbeiten bleibt dann ein Wunschtraum.

Wer seine Rolle in einer Situation einzuschätzen und nutzbar zu machen weiß, der kann hingegen sein Potenzial entfalten und persönlich wachsen. Dann ist er ein Gewinn für sein Team und seine Beziehungen gestalten sich harmonisch. Es klingt zwar erstmal schwierig, diese fünf Rollen bewusst und fließend einzusetzen, doch der Durchschnittserwachsene ist bereits gut darin, mehr als eine davon auszuüben.

Die Gefahren der Extreme

Alle fünf Rollen tragen gleichermaßen zu einem gelingenden Zusammenleben bei. Einige Rollen werden von den meisten Menschen jedoch prinzipiell eher abgelehnt. Niemand möchte gerne das Raubtier oder der Dominante sein. Das liegt daran, dass jede Rolle eine Schattenseite hat, die dysfunktionale Verhaltensweisen zur Folge hat, wenn man sie überbetont. Sogar die Unterstützer-/Gefährtenrolle kann toxische Auswirkungen auf Organisationen oder Familien haben, wenn sie bei jemandem zu stark ausgeprägt ist. 

Möchtest Du ermitteln, welche Rollen Du in welchem Umfeld ausübst? Die Beschreibung der einzelnen Rollen hilft Dir bei der Analyse:

Der Wächter: Der Wächter nimmt eine beobachtende Position ein. Er hat stets alle Mitglieder der Herde im Blick und weiß genau, was wo los ist. Er ist aufmerksam, geduldig und lässt sich nicht ablenken. Immer wieder beweist er, dass er einen langen Atem hat. Er kann auch schwer erträgliche Situationen aushalten. Dabei steht er außerhalb des Geschehens, ist gewissermaßen außen vor.

Der Unterstützer/Gefährte: Wie sein Name schon sagt, ist der Unterstützer/Gefährte der ideale Begleiter und Weggefährte. An ihn wendet man sich gerne und in vollem Vertrauen. Der Unterstützer/Gefährte hat oft genug bewiesen, dass er absolut loyal ist. Er steht ungerne im Rampenlicht und hält sich lieber zurück. Er schließt sich gerne den Plänen oder den Meinungen anderer an.

Der Leader: Der Leader ist der geborene Anführer. Er hat genaue Vorstellungen vom Ziel und kennt den Weg dorthin. Er hat kein Problem damit seine Meinung laut zu äußern und zu verteidigen. Er ist überzeugend, mutig, charismatisch und offen für neue Idee. Dadurch motiviert er andere, sich ihm anzuschließen. Er ist sich seiner Stärke bewusst und hält nicht mit ihr hinterm Berg.

Der Dominante: Der Dominante nimmt ebenfalls eine Führungsrolle ein. Im Gegensatz zum Leader nutzt er jedoch nicht bloß seine Überzeugungskraft, sondern baut Druck auf, um seine Ziele zu erreichen. Der Dominante schreckt auch vor Drohungen und Zwang nicht zurück. Er lässt sich nicht täuschen oder überreden und kennt keine Gnade, wenn man sich ihm wiedersetzt. Er behält die Kontrolle, nichts entgleitet ihm.

Das Raubtier: Das Raubtier ist bereit kurzen Prozess zu machen, wenn es sein muss, es sortiert gewissermaßen aus. Damit bewahrt es seine Herde vor Schaden und sichert ihr Fortbestehen. Wenn es nötig ist, dann kämpft das Raubtier bis zur völligen Erschöpfung und schreckt auch vor eigenem Schaden nicht zurück.

In Linda Kohanovs neuem Buch "Die Intelligenz der Herde" werden die fünf Rollen im Detail vorgestellt. Anhang eines Bewertungsbogens, der das Verhalten in unterschiedlichen Szenarien abfragt, kann ermittelt werden, welche Rollen im beruflichen Umfeld aufgeübt werden. 

Innenansichten


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Sieben Verlage unter einem Dach - Kamphausen.Media aus Bielefeld mit den Imprints jkamphausen, Aurum, fischer&gann, Theseus, Lüchow, LebensBaum sowie der Tao.Cinemathek verlegt seit über 30 Jahren Bücher in den Themenbereichen Persönlichkeitsentwicklung, ganzheitliche Gesundheit, Meditation, Spiritualität und Psychologie. Ergänzt wird die klassische Verlagsarbeit durch die Selfpublishing Portale tao.de und Meine Geschichte. Unser Ziel ist es, mit unseren Produkten jeden Menschen auf seinem Entwicklungsweg in seinen Talenten und seinem Bewusstsein, seinem Glück und seiner Essenz bestmöglich zu unterstützen.
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