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Anne Maria Möller-Leimkühler:
"Wir brauchen eine männersensible Depressionsdiagnostik"

Anne Maria Möller-Leimkühler ist Professorin für Sozialwissenschaftliche Psychiatrie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Ihre Forschung widmet sich Depressionskrankheiten speziell bei Männern. Sie möchte das Bewusstsein dafür schärfen, dass Männer mit Stresssituationen anders umgehen, sich eine Depression dementsprechend an anderen Symptomen erkennen lässt. Wir haben mit ihr über Geschlechterstereotype, Frühdiagnostik und Wege aus der Depression gesprochen. 

Was sind die typischen Unterschiede der Depression bei Männer und Frauen?

Frauen klagen häufiger über klassische Depressionssymptome wie Traurigkeit, Antriebslosigkeit oder Interessenverlust. Sie können besser als Männer Gefühle wahrnehmen und darüber sprechen, auch deswegen, weil sie nicht befürchten müssen, dadurch als weniger weiblich zu erscheinen. Bei Männern ist das anders. Zugang zu ihren Emotionen zu finden, fällt Männern schwerer, weil ihr Gehirn biologisch anders ‚verdrahtet‘ ist und weil sie gelernt haben, dass Gefühle auszudrücken, eher mit dem weiblichen als mit dem männlichen Geschlecht verbunden ist. Deshalb reagieren sie emotionalen Stress eher über den Körper und das Verhalten nach außen ab – nach dem Prinzip „außen Action, innen Konflikt“. 

Eine Depression kann sich bei Männern deshalb ganz anders äußern als bei Frauen, zum Beispiel durch gesteigerte Aggressivität, zunehmende Wutausbrüche bei Kleinigkeiten, die sich kaum kontrollieren lassen, durch Arbeits-, Internet- oder Sportsucht oder durch riskantes Verhalten. Oft steigt auch der Alkoholkonsum, der als Selbsttherapie eingesetzt wird. So versuchen Männer, die männliche Fassade aufrechtzuerhalten. Dahinter steckt die Angst, von anderen als unmännlich und psychisch krank wahrgenommen zu werden, was Männer traditionell als Schwäche empfinden. Gleichzeitig werden solche Verhaltensmuster nicht als Zeichen von Depression interpretiert.

Wann sind Männer besonders bedroht, an einer Depression zu erkranken?

Im Vergleich zu Frauen sind es zum Teil andere Risikofaktoren, die bei Männern zu einer Depression führen können. Da die männliche Rolle traditionell über sozialen Status und Leistungsfähigkeit definiert wird, bedeutet alles, was auf Dauer den Status bedroht oder als Bedrohung wahrgenommen wird, Stress. Das sind generell ein niedriger sozioökonomischer Status, anhaltende Probleme am Arbeitsplatz, aber auch Arbeitslosigkeit und kritische Ereignisse wie Pensionierung, eine chronische körperliche Erkrankung, Trennung von der Partnerin und Alleinleben. Das sind Risikofaktoren, die für Männer ein stärkeres Gewicht haben als für Frauen.

Welche Rolle spielt Stress? Empfinden Männer Stress anders als Frauen?

Chronischer Stress ist nicht der einzige Weg in die Depression, aber ein häufiger. Generell muss man davon ausgehen, dass bei der Depression auch eine genetische Disposition eine Rolle spielen kann und im Laufe des Lebens mehrere Belastungsfaktoren zusammenkommen, die die Fähigkeit zur Stressbewältigung übersteigen.

Männer haben das Image, ziemlich stressresistent und belastbar zu sein. Zumindest lassen sie sich nichts anmerken, denn wir wissen aus experimentellen Stressstudien, dass Männer auf Stressoren mit stärkeren psychobiologischen Stressreaktionen reagieren als Frauen. Zum Beispiel reagieren Männer auf Stress mit mehr Adrenalin- und Testosteronausschüttung, wodurch die Energiereserven für Kampf oder Flucht mobilisiert werden, außerdem steigt bei Stress das männliche Risikoverhalten. Dagegen sind Frauen durch Oxytocin und Östrogen biologisch stärker vor Stress geschützt, reagieren aber subjektiv viel empfindlicher auf Stress. Bei Männern ist es eher umgekehrt. Männer sind also viel vulnerabler als sie selber zu sein glauben.

Wieso bleibt eine Depression bei Männern in so vielen Fällen unerkannt?

Zum einen wissen wir, dass Männer typischerweise nicht gerne über emotionale Konflikte sprechen und deswegen schon gar nicht zum Arzt gehen. Wer nicht zum Arzt geht, kann auch keine Diagnose bekommen. Tatsache ist aber, dass Männer eine mindestens dreimal höhere Suizidrate aufweisen als Frauen. Weiter müssen wir davon ausgehen, dass eine Depression das größte Risiko für einen Suizid ist. Das verweist auf eine hohe Dunkelziffer von Depressionen bei Männern. Plakativ kann man formulieren: Frauen suchen Hilfe, Männer bringen sich um.

Zum anderen haben wir es hier mit dem Wirken von Geschlechterstereotypen zu tun, die sich nicht nur in unseren eigenen Köpfen befinden, sondern sich auch unbewusst im ärztlichen Diagnoseverhalten niederschlagen. So gilt die Depression als eine typische Frauenkrankheit, und Depressionsfragebögen enthalten überwiegend Symptome, die häufiger von Frauen angegeben werden, wohingegen männliche Erfahrungen von Depression weitgehend fehlen, z.B. Aggressivität und Wutausbrüche.

Da Männer weniger konventionelle Symptome angeben als Frauen, erreichen sie nicht den klinischen Schwellenwert und fallen durch das diagnostische Raster. Wir brauchen also eine männersensible Depressionsdiagnostik, nicht zuletzt, um Suizide von Männern zu verhindern.

© Foto von Nathan Cowley via Pexels

Was sind Anzeichen dafür, dass mein Partner/Vater/Freund etc. Hilfe braucht?

Sozialer Rückzug, Abwehr von persönlichen Gesprächen, Überstunden am Arbeitsplatz, ständiges Arbeiten zu Hause und am Wochenende, vermehrte verbale, aber auch physische Aggression, Klagen über Stress, zunehmende Frustration, Gereiztheit und Unzufriedenheit, Zynismus und Feindseligkeit, übertriebener Sport oder anderes suchtähnliches Verhalten (Alkohol, Nikotin, Drogen) oder auch ein zunehmend riskanter Fahrstil im Straßenverkehr. Ebenso ein beginnendes Burnout, der die Vorstufe einer Depression darstellt.

Wie kann ich einen Mann davon überzeugen, sich helfen zu lassen?

Das ist nicht ganz einfach. Es braucht Geduld und Fingerspitzengefühl, um nicht gleich mit der Tür ins Haus zu fallen oder mit der Scheidung zu drohen. Argumente und Informationen über Depression können helfen. Wichtige Argumente könnten sein: an sein Verantwortungsgefühl zu appellieren, sich selbst, der Partnerin oder den Kindern gegenüber. Herauszustellen, dass auch ein Mann ein verletzliches Wesen ist und keine Maschine mit eingebauten Fehlermeldungen. Dass es ein Zeichen von Stärke und zielgerichteter Problemlösung ist, sich professionelle Hilfe zu suchen (wie z.B. das Auto zur Inspektion zu bringen) und man(n) nicht gleich seine Männlichkeit verliert, wenn man(n) zum Arzt geht. Dass Investieren in die Gesundheit Investieren in die Zukunft bedeutet. Und nicht zuletzt: dass Vorstellungen von Männlichkeit (z.B. Härte, Durchhalten um jeden Preis) in der postindustriellen und Nachkriegsgesellschaft längst nicht mehr funktional sind.

Eine Depression ist weder eine Erkältung noch persönliches Versagen, sondern eine potenziell tödliche Erkrankung. Männer müssen verstehen, dass man oft nicht allein aus einer Depression herauskommt. Die Basis aller Einsicht und Behandlungsbereitschaft sind Informationen über Depression: dass Depression keine Frauenkrankheit ist, sondern eine Volkskrankheit und dass Depressionen gut behandelt werden können, je nach Schwere mit Antidepressiva und/oder Psychotherapie.  Auch in dieser Hinsicht müssen Vorurteile abgebaut werden. Eine rechtzeitige Behandlung hat nur Vorteile: sie verkürzt subjektives Leiden, verhindert sozialen Abstieg und schwere Folgeerkrankungen (wie Alkoholabhängigkeit, Herz-Kreislauferkrankungen, Schlaganfall und Diabetes). Hier gibt es noch viel Aufklärungsbedarf.

Welche Wege gibt es, die Reißleine zu ziehen, wenn ich befürchte, in eine Depression zu rutschen?

Eine Reißleine zu ziehen, funktioniert natürlich nicht ruckartig. Es kommt vielmehr darauf an, Stress nicht chronisch werden zu lassen. Wichtig ist dabei, die eigenen Gefühle besser zu erkennen und zu berücksichtigen sowie die eigenen Grenzen anzuerkennen. Dauerhafte Überforderung und mangelnde Selbstfürsorge machen krank. Konkret kann das zum Beispiel heißen: Immer wieder Entspannungszeiten einplanen. Die Selbstansprüche nicht zu hoch treiben, Selbstoptimierung nicht übertreiben. Sich nicht zu sehr abhängig machen von äußerer Anerkennung. Sich klarmachen, dass der Körper keine Maschine ist. Probleme nicht herunterspielen, sondern mit einer Vertrauensperson darüber sprechen. Daran denken, dass Burnout keine Auszeichnung ist. Nicht zu selbstkritisch sein. Sich über Misserfolge nicht aufregen. Die Opferrolle ablegen, Eigenverantwortung übernehmen. Nicht versuchen, ständig alles unter Kontrolle haben zu müssen. Körperlich aktiv sein und sich gesund ernähren. Auf einen geregelten Tag-Nacht-Rhythmus achten. Statt auf „Konkurrenz, Karriere, Kollaps“ auf „Wir-Gefühl, Work-Life-Balance und Wohlbefinden“ setzen.

Was empfinden Sie bei der Behandlung von depressiven Männern als besonders wichtig?

Männer brauchen zwar keine andere Therapie als Frauen, aber die Integration von männerspezifischen Therapiebausteinen wäre wichtig. In Einzel-, aber auch Gruppensitzungen im stationären Kontext sollten typische Problemlagen von Männern, spezifische Risikokonstellationen und dysfunktionale Stressverarbeitungsstrategien bearbeitet werden. Der Einfluss normativer Rollenerwartungen sollte thematisiert werden. Männliche Klienten sind allerdings für Psychotherapeuten nicht selten eine Herausforderung, denn: sie sind weniger motiviert und kritischer als Frauen, wollen die Kontrolle behalten, können Gefühle kaum wahrnehmen und über diese sprechen, wollen lieber ‚machen‘ statt ‚quatschen‘, sind ungeduldig und erwarten schnelle Problemlösungen. Ein männersensitiver Ansatz muss mit diesen Herausforderungen (d.h. Abwehrstrategien) konstruktiv umgehen.

Was die medikamentöse Therapie mit Antidepressiva angeht, wäre es wichtig, vor dem Hintergrund wissenschaftlich fundierter Informationen die Bereitschaft für die Einnahme von Antidepressiva bei Männern zu fördern. Dazu müsste kontinuierlich ein verbreitetes Vorurteil korrigiert werden, nämlich die Angst, dass sich die Persönlichkeit durch Antidepressiva verändert. Tatsächlich ist aber das Gegenteil der Fall: Die Persönlichkeit wird durch die Depression verändert, Antidepressiva räumen dagegen mit dem biochemischen Chaos im Gehirn auf.        

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