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Boris Cyrulnik:
Scham - Das geheimnisvolle Gefühl

Betrachtung eines mehrdimensionalen Gefühls – Warum Scham nicht immer negativ ist und wie man sie überwinden kann

© Photo by Mitchell Hollander on Unsplash

Kann man Stolz und Scham im gleichen Moment fühlen? Ja! Boris Cyrulnik hat sich in seinem Leben ein ums andere Mal geschämt. In seinem Buch „Scham – die vielen Facetten eines tabuisierten Gefühls“ geht der Neuropsychiater dem Mysterium Scham auch anhand seines eigenen Lebenslaufs auf den Grund.

Ein Abschied für immer

Boris Cyrulnik wächst als Kind jüdischer Einwanderer in Bordeaux auf. Um den kleinen Jungen vor der drohenden Deportation zu schützen, gibt seine Mutter ihn in Pflege. Dies wird sich später als ein Abschied für immer herausstellen, denn Cyrulniks Familie wird in Auschwitz ermordet. Er selbst entgeht dem Abtransport durch die Nazis nur knapp. Diese Erlebnisse seiner Kindheit prägen sein Leben nachhaltig.

Scham und Stolz

In einem Kinderheim aufgewachsen, studiert Cyrulnik später ohne Geld und ohne Unterstützung Medizin in Paris. Seine Studienzeit ist geprägt durch Entbehrungen. Für ein Zimmer mit Heizung oder neue Kleidung reicht sein Budget nicht aus. In dieser Zeit beobachtet der junge Mann eine Besonderheit seiner eigenen Gefühlswelt. Für manche Hinweise auf seine arme Herkunft schämt er sich, beispielsweise für seine löchrige Kleidung. Auf andere hingegen ist er heimlich stolz. Die Eisblumen an den Fenstern seines kleinen unbeheizten Zimmers zum Beispiel bestärken ihn darin, seinen Weg weiter zu gehen. Trotzdem hätte er seinen wohlhabenden Kommilitonen niemals davon erzählt. Der spätere Arzt und Psychiater stellt fest: Dieselbe Tatsache kann gleichzeitig ein Gefühl von Scham und Stolz hervorrufen.

Was Scham auch über uns aussagt

Und noch etwas fällt Cyrulnik auf: Wer keinerlei Scham empfindet, wer völlig selbstsicher ist und nie an der Richtigkeit seines Verhaltens zweifelt, der wirkt gewissenlos und abgehoben:

„Ich vermute sogar, dass wir […] unsere Scham zuweilen ein wenig kultivierten, dass wir Menschen verachteten, die dieses Gefühl nicht kannten. Und wer war das Ziel unserer Verachtung? Alain, beispielsweise. Immer war er zufrieden mit sich, seine ewige Selbstgefälligkeit irritierte uns. Wir sprachen oft darüber, dass er nur deshalb so glücklich war, weil er sich der Schwierigkeiten des Lebens nicht bewusst war (was bedeutete, dass wir das Gift der Scham, das unser eigenes Leben durchzog, unserem guten Gewissen verdankten). Sonderbar, nicht wahr? Wir fühlten uns durch den Blick der anderen herabgesetzt – ich, weil ich ein Loch in der Hose hatte […] – und dennoch fühlten wir uns menschlicher als Alain.“ (S. 13)

Neue Betrachtungsweisen - Was uns einst peinlich war…

Cyrulnik versteht, dass Scham ein mehrdimensionales Gefühl ist, dass nicht immer negativ zu verstehen ist. Im Gegenteil! Aus Scham kann sogar Stolz werden, wie die folgende Geschichte zeigt:

„Sechzig Jahre später unterhielt ich mich im Hafen von La Petite Mer in La Seyne, in der Nähe von Toulon, mit Laurent, während er an meinem Segelboot, einer provenzalischen Barke, ein Brett befestigte. Diese Schiffe sind wahre Kunstwerke, aber da sie aus Holz sind, muss man sie ständig pflegen; ansonsten beginnen sie, Wasser durchzulassen. Laurent erzählte mir, dass er hier in die Schule des Stadtviertels gegangen war, ganz in der Nähe des Hafens.

Seine Eltern waren stumm, sie konnten nicht sprechen. Als Kind war er vor Scham fast im Boden versunken, wenn er all die hübschen Mütter sah, die ihre Kinder von der Schule abholten und ihnen dabei so nette Dinge sagten. Plötzlich versagte ihm beinahe die Stimme, als er mir gestand: »Ich hatte nicht erkannt, was für ein riesengroßes Geschenk sie mir dadurch machten, dass sie mich trotz ihrer Behinderung mit so viel Liebe und Zärtlichkeit umsorgten. Heute schäme ich mich dafür, dass ich mich damals geschämt habe. Heute bin ich stolz auf sie.«

Scham findet in unserem Kopf statt

Das Schamgefühl entsteht immer durch eine persönliche Vorstellung. Der Beschämte hält das, worüber er Scham empfindet, geheim, um die Menschen, die er liebt, nicht in Verlegenheit zu bringen, um nicht verachtet zu werden und um sich selbst zu schützen – denn er will ein bestimmtes Bild von sich aufrechterhalten. Wenn wir uns schämen, sprechen wir lieber über das, was unbedeutend, unpersönlich, oberflächlich ist; über die Dinge, die uns kein Unbehagen bereiten. Doch wie es immer ist, wenn wir etwas geheim halten, entsteht durch die Vermeidung des bestimmten Themas eine Spannung, die immer wieder auftritt, wenn die Unterhaltung dieses bestimmte Thema streift. Das kostet viel Energie. Nichts erschöpft einen Organismus mehr als eine Hemmung.

Die Macht der Anderen

Es fällt schwer, von diesem Gift in der eigenen Seele zu sprechen, weil man sich, indem man den Grund seiner Scham eingesteht, dem anderen ausliefert und ihm die Macht verleiht, einen zu verurteilen. Es kommt nicht selten vor, dass ein beschämter Mensch, der sich jemandem anvertraut, eine kritische Reaktion von diesem Gesprächspartner bekommt. Da das Schweigen eine defensive Funktion hat, bringt die Enthüllung des Geheimnisses den, der es ausspricht, in Gefahr. Wie sich seine Scham entwickelt, hängt von der Reaktion seiner Vertrauensperson, von den Leitbildern seiner Gesellschaft und von ihren Vorurteilen ab.

Wie kann man diesen Zustand also hinter sich lassen?

Auch wenn es ein Wagnis ist, kann man sich nur durch die Lüftung des Geheimnisses von der Scham befreien. Einen wohl bekannten Menschen ins Vertrauen zu ziehen, gibt Stärke und Kraft, denn seine Zuneigung zu dem Beschämten wird ihn davon abhalten, sich schockiert abzuwenden. Nun kann es passieren, dass der Grund für die Scham diesen Menschen traurig macht. Ein wahrer Freund wird das Vertrauen, das der Beschämte ihm durch seine Offenheit entgegen bringt, stets wert schätzen und die Traurigkeit ob einer schlimmen Situation in Kauf nehmen. Erfährt man Verständnis und Mitgefühl von seiner Vertrauensperson, schrumpft die bohrende Scham in sich zusammen. Das beschädigte Selbstwertgefühl fängt langsam an zu heilen. Mit jedem Menschen, den man ins Vertrauen zieht und der positiv reagiert, schreitet die innere Heilung voran. Ist das Vertrauen zu keinem Freund oder Bekannten entsprechend groß, ist ein/e TherapeutIn die richtige Anlaufstelle. Denn eins steht fest: Die dauerhafte Verheimlichung führt zu einer Konservierung des Schamgefühl, die auf Dauer sogar krank machen kann.

Innenansichten


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Sieben Verlage unter einem Dach - Kamphausen.Media aus Bielefeld mit den Imprints jkamphausen, Aurum, fischer&gann, Theseus, Lüchow, LebensBaum sowie der Tao.Cinemathek verlegt seit über 30 Jahren Bücher in den Themenbereichen Persönlichkeitsentwicklung, ganzheitliche Gesundheit, Meditation, Spiritualität und Psychologie. Ergänzt wird die klassische Verlagsarbeit durch die Selfpublishing Portale tao.de und Meine Geschichte. Unser Ziel ist es, mit unseren Produkten jeden Menschen auf seinem Entwicklungsweg in seinen Talenten und seinem Bewusstsein, seinem Glück und seiner Essenz bestmöglich zu unterstützen.
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