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Meine Gespräche mit Tulipa

Zwei Frauen treffen sich zufällig in einem Café,
die eine zwanzig Jahre älter als die andere. Sie kennen sich nicht - und doch spüren sie sofort eine Verbindung.

von Mechthild Rex-Najuch

© Seemi Samuel via Unsplash

Als ich Tulipa das erste Mal begegnete, saß ich im Starbucks in Mannheim. Ihr Mantel war viel zu groß für sie und aus ihrem regennassen Haar tropfte Wasser unentwegt auf den Tisch, an dem ich saß. In meine Nase drang der intensive Duft von Aprikosen. Ich war schon immer eine ‚Nase‘ gewesen und gewohnt, diesen Impressionen zu folgen. Vielleicht war das der eigentliche Grund, warum ich sie bemerkte. „Gerade noch rechtzeitig,“ lächelte ich sie an.

Ihr fragender Blick schien mich zu durchdringen. Mit meiner linken Hand deutete ich nach draußen. Der leichte Winterregen hatte sich in einen Platzregen verwandelt, was den Weihnachtsmarkt gegenüber fehl am Platze erscheinen ließ. Der dort stehende Wasserturm hingegen passte ausgezeichnet. Während ich alle diese Eindrücke aufnahm, hielten wir die ganze Zeit Blickkontakt. Die Zeit dehnte sich und die Jazzmusik in dem kleinen Raum erschien mir viel lauter als vorher.

Endlich rührte sie sich. „Darf ich?“

Ihre Hand deutete auf den freien Sessel neben mir.

„Ja, selbstverständlich.“

Schnell legte sie Mantel und Tuch ab, stellte ihre Tasche auf die Sitzfläche und machte sich auf den Weg zum Tresen, um zu bestellen. Im Gehen deutete sie auf ihre Sachen: „Können Sie kurz darauf aufpassen?“

Wortlos nickte ich, gespannt darauf, wie es weitergehen würde. Mit ihr verschwand die Aprikosenwolke und mit ihr kam sie auch wieder zurück, dieses Mal gemischt mit einem Hauch von Zimt und Muskat. Schweigend saßen wir an demselben Tisch und fühlten uns kein bisschen unbehaglich. Jede nippte an ihrem Getränk und war damit zufrieden. Ihr Duft umhüllte mich, erweckte Kindheitserinnerungen an den Garten meiner Großmutter und davon eingelullt, wagte ich es schließlich, ein Gespräch zu beginnen.

„Wie machen Sie das?“

„Was?“

„Den Aprikosengeruch.“

Sie erstarrte kurz. „Den merkt sonst keiner. Zu viel?“

„Was? Äh nein, nicht zu viel. Wie kann man den denn nicht merken?“

Nun war es an ihr ein „Was?“ aus ihrem Mund zu entlassen.

Da saßen wir – zwei Frauen, die eine Mitte 30, die andere zwanzig Jahre älter und sprachen über Aprikosenduft und die Intensität von Duftwahrnehmung. Von Beruf Therapeutin und auch als Ältere von uns beiden, übernahm ich sehr gerne die Rolle der Fragenden. Eine Rolle, die mir mit meinem ganzen Wesen und meinem ehrlichen Interesse an Menschen entspricht.

Ich beugte mich ein wenig vor. „Kommt der aus Ihrem Haar?“

Sie lachte verlegen, strich sich durch die nassen Locken und zwinkerte mir zu. „Geheimrezept meiner Oma. Marillenöl mit einem Hauch Zitrone auf der Basis von Haarklettenwurzelöl. Ihr Rezept, um den richtigen Mann anzulocken.“ Wir lachten beide.

Also noch eine Großmuttererinnerung, dachte ich. „Und hat es geklappt?“

„Was?“

„Den richtigen Mann anzulocken…,“ half ich ihr auf die Sprünge.

„Naja…!“ Die Art wie sie das Wort verstreichen ließ, enthielt alles an Gefühlen, was dazu möglich ist. Etwas an ihr berührte mich. Normalerweise sind diese Spontanbegegnungen bei Starbucks anders. Meine Fähigkeit Smalltalk zu machen schien mit dieser Frau wie weggeblasen. Und noch wichtiger, ihr schien es zu gefallen. Eigentlich hätte ich ihr genau das gerne gesagt, stattdessen fragte ich: „Stammen Sie aus Österreich?“ Es war das Wort Marille, das mich auf diese Spur brachte, denn Tulipa sprach ohne jede Färbung eines Dialekts.

„Hm ja,“ nickte sie energisch. „Aus Wien. Bin beim Studium hier hängengeblieben. Habe die Liebe meines Lebens hier getroffen.“ Beim letzten Satz schaute sie verträumt in den stürmischen Regen als wäre sie an einem anderen Ort. Dann kehrte sie zu mir zurück: „Wissen Sie, das war da drüben.“ Dabei deutete sie auf den Weihnachtsmarkt gegenüber. Aus der Frau mit großen, strahlenden Augen leuchtete die junge Studentin hindurch, die sie einmal gewesen war.

© Alisa Anton via Unsplash

Ich machte mir eine gedankliche Notiz: alles gleichzeitig in einem Moment – Synchronizität? Auch mir war hier die Liebe meines Lebens begegnet, genau dort drüben und ich hatte sie verloren, an eine andere Frau.

„Sind Sie noch zusammen?“

„Mit wem?“

„Mit Ihrer großen Liebe?“

„Nein. Eine andere Frau war verlockender.“ Ein bitterer Zug umspielte ihren Mund und die nächsten Worte spie sie nahezu aus „Einfacher als ich. Weniger komplex. Weniger sinnlich. Weniger intelligent. Weniger intensiv.“

Sie straffte ihren Rücken, richtete sich auf und sah mir wieder direkt in die Augen: „Sie sehen aus, als würden Sie das kennen.“ Dieses Mal nickte ich. Wir schwiegen. Dann wagte ich es doch. „Normalerweise würde ich mit einer Fremden nicht über so intime Erinnerungen sprechen.“

Ihr Lachen war ansteckend. „Ich auch nicht, aber es ist gerade richtig. Oder finden Sie nicht?“

„Sonst würden wir es wohl nicht tun.“ Wieder schwiegen wir gemeinsam und wieder war es ein Moment gemeinsamer, ungewöhnlicher Intensität.

„Ich bin immer gut für ungewöhnliches Verhalten,“ brach es schließlich aus ihr heraus. „Das war schon als Kind so, insbesondere, wenn ich eine Art Seelenverwandtschaft empfinde.“ Sie hatte wieder mit dem Blick nach draußen gerichtet gesprochen. Mein Blick folgte ihrem und ich bemerkte, dass der Regen inzwischen in Schnee übergegangen war. Als würde er sich unserer Harmonie anpassen und den Weihnachtsmarkt endlich richtig erscheinen lassen wollen.

„Irgendwie kennen wir uns,“ mit diesen Worten blickte sie mich wieder an und kaute an ihrer Unterlippe. Dem hatte ich nichts entgegenzusetzen, denn es fühlte sich wirklich so an.

Am Ende unserer Getränke angekommen, beschlossen wir, unser Treffen absichtlich zu wiederholen. Während dieser Begegnungen philosophierten wir über Gott und die Welt mit der größten Selbstvergessenheit, die möglich ist. Mit den Jahren wurden wir zu engen Freundinnen und es gäbe viel aus diesen Begegnungen zu berichten, doch eine Episode scheint mir besonders eindringlich. Nämlich die, als Tulipa mir erzählte, dass sie hochsensibel sei und deswegen selten Menschen begegnete, die ihre Intensität ertragen würden. Umso wichtiger seien ihr diese Treffen mit mir geworden.

Nicht, dass es mich überrascht hätte, denn ich war von ähnlicher Beschaffenheit und hatte in meinem Leben viel mit Hochsensiblen zu tun. Trotzdem oder gerade deswegen berührte mich Ihre Traurigkeit besonders, mit der sie ihre Erfahrung übermittelte. Und auch mein Bemühen, ihr klar zu machen, dass sie einem Trugschluss erläge, der zwar nachvollziehbar, aber dennoch falsch sei, beeindruckt mich bis heute nachhaltig. Selbst für meine Verhältnisse war das ungewöhnlich. Ich machte also damals dazu mit ihr eine kleine Übung:

„Schließ Deine Augen und stell Dir vor, wie groß und vielfältig die Welt ist. Stell Dir weiter vor, Du könntest sie vollständig spüren. Was würde dann mit Dir geschehen?“ Ich gab ihr eine Minute Zeit.

Danach öffnete sie die Augen und sagte: „Alles wäre intensiver. Ich bräuchte länger, um alles zu verarbeiten.“

Ich nickte: „Genau. Du könntest alles intensiver spüren. Du würdest Zusammenhänge fühlen und erkennen, die nur wenige andere mit Dir teilen würden. Diese würdest Du intensiv verarbeiten und könntest darüber auch sprechen. Was würde dann mit den anderen geschehen?“

Wieder schloss sie die Augen für eine Minute. Jetzt wurde sie aufgeregt. „Zuerst würden sie sich vorstellen, wie großartig das wäre. Dann würden sie schnell sagen, dass das nervig ist. Und dann würden sie die eigene Andersartigkeit fühlen und dann wären sie verunsichert.“

„Und wird es Dir klarer?“

Sie nickte. „Genauso geht es mir. Ich verunsichere die anderen und die anderen umgekehrt mich.“

Mit dieser Erkenntnis wirkte sie plötzlich vollkommen entspannt. Ich nutzte meine Chance, ihr etwas zu erklären, was ich meinen Patienten als Lebenscredo seit Jahrzehnten mitgebe: „Den anderen so sein lassen zu können wie er ist, ist für alle Menschen eine ständige Aufgabe. Daran zu arbeiten, sorgt für ein besseres Miteinander und übt uns darin, das Leben zu schätzen.“

„Und wie soll ich das üben?“

„Aufmerksamkeit,“ antwortete ich trocken. „Und täglich fünf Mal am Tag sitzend mit geschlossenen Augen eine Minute atmen.“

Sie lachte: „Und das soll helfen?“

Ich nickte: „Mit dieser Übung hast Du fünf Mal am Tag das unglaubliche Gefühl, dass alles richtig ist, Du alles richtig machst und richtig bist. Das ist sowohl für Deine Seele als auch für Deinen Körper kraftvoll.“

Sie schaute mich an: „Machst Du diese Übung auch? Oder ist die nur für Hochsensible wichtig?“

„Ja, ich mache sie auch. Und nein, sie macht jeden Menschen stressbelastbarer und damit toleranter.“

In die kleine Pause hinein, die meiner Antwort folgte, tropfte ihre leise Frage: „Bist Du eigentlich auch hochsensibel?“

Ich lächelte sie an: „Vermutlich ja. Mir ist es egal, wie es heißt. Ich kenne mich nur so und muss so mit mir und der Welt zurechtkommen, wie ich bin.“ Nun richtete ich mich auf. „Ich möchte gerne denken, dass eigentlich alle Menschen diese Wahrnehmungs- und Verarbeitungsmöglichkeiten haben und sie sich diese im Laufe des Lebens abgewöhnen oder eben nicht. Ich möchte gerne denken, dass es sich lohnt, sich in andere Realitäten hineinzudenken, ohne die eigene zwingend verändern zu müssen. Und ich möchte gerne denken, dass wenn wir unsere Verbindungen als Menschen untereinander pflegen würden, keiner mehr einsam wäre.“ Etwas atemlos blickte ich in ihr verstehendes Gesicht. Mein letzter Satz klang selbst in meinen Ohren extrem und dieses Mal war es ihr Verständnis, das mich bestätigte.

Mechthild Rex-Najuch ist Co-Autorin des Fachbuchs Hochsensibilität und spricht beim Fachkongress Hochsensibilität

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