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Chance und Geschenk im Trauma

Wenn wir etwas Traumatisches erleben, dann empfinden wir das als Bürde, als Belastung und manchmal sogar als Makel.
Aber in jedem Trauma steckt auch ein Geschenk.

von Andrea Wandel

© Artsy Vibes via Unsplash

„Wie kann im schlimmsten Trauma noch ein Geschenk enthalten sein?“, fragte mich die 42-jährige Frau, sichtlich betroffen. Sie war gerade dabei gewesen, mir ihre lange traumatische Geschichte zu erzählen und ich hatte es gewagt, sie nach einer kurzen Weile zu unterbrechen. Und dann noch mit so einer Frage! Wie soll denn in einem Trauma ein Geschenk verborgen sein? Ich hatte diese Frage nicht ohne Grund gestellt: Die Frau, ich nenne sie Melissa, war es offenbar gewohnt, Psychologen, Psychiatern und Ärzten immer wieder die gleiche Geschichte zu erzählen.

Eine lange Leidensgeschichte

Dabei wurde die Melodie ihrer Stimme flacher, sie klang fast wie ein monotoner Sprechgesang mit der inneren und wohl unbewussten Überzeugung: „Ich bin dann mal weg!“ Das wurde umso deutlicher, als ihr Blick in unendliche Weiten abzuschweifen schien. Die Bewegungen ihres Körpers wurden abgehackter und eckiger, und ich vernahm eine weitere innere Überzeugung: „Ich erzähle, damit es endlich besser wird.“ Als Begleiterin spürte ich jedoch sofort eine tiefe Müdigkeit, die nicht zuhören wollte. Inzwischen nehme ich diese Resonanzphänomene ernst und versuche erst gar nicht in das Fahrwasser des Trauma-Wirbels zu gelangen. Dann unterbreche ich aus tiefem Respekt vor der spirituellen Reise meines Gegenübers.

Dieser Form der gefühlten Dissoziation in der Begleitung begegne ich in der Praxis sehr häufig. Ein Teil möchte erzählen und der eigentlich betroffene innere Persönlichkeitsanteil geht in die sichere Dissoziation.

„Möge das geschehen, was aus höchster Sicht richtig ist.“

Ich unterbrach Melissa also mit folgendem Satz: „Deine Geschichte interessiert mich nicht, aber das Geschenk in Deinem Trauma schon.“ Sie war es nicht gewohnt mit solch einem harten Satz unterbrochen zu werden. Sie schaute mich unmittelbar und direkt an. Ein Gänsehaut-Moment der Stille machte sich zwischen uns breit. Dann zuckte sie hilflos mit ihren Schultern: „Wie kann im schlimmsten Trauma noch ein Geschenk enthalten sein?“

Ich zuckte auch mit den Schultern und wartete. Dabei setzte ich mich innerlich auf meine Hände, die immer noch gerne vorschnell in Aktion treten wollen, um zu helfen. Im übertragenen Sinne versuche ich mit meiner Aufmerksamkeit weit in den Raum hinein zu gehen, um dem Prozess des Klienten noch mehr zu vertrauen. Auch eine Art inneres Gebet schicke ich in den Raum, der uns umgibt. Es ist ein kleiner Satz, der sich in meinen Begleitungen gut bewährt hat: „Möge das geschehen, was aus höchster Sicht richtig und gut ist für alle Beteiligten.“

Es gibt es, das Geschenk im Trauma

Nach einer gefühlten Ewigkeit schaut mich Melissa wieder an und sagt: „Seit dem Geschehen bin ich viel feinfühliger gegenüber meinen Mitmenschen geworden. Ich kann schon im Vorfeld spüren, wie es jemandem geht und dann auch dementsprechend darauf reagieren. Dadurch wird für mich und die anderen die Welt zu einem besseren Ort.“ Tränen strömen in ihre Augen und ein Schwall nicht geweinter Tränen ergießt sich über ihr Gesicht. So sitzen wir einen Moment still zusammen, während die emotionalen Wellen kommen und gehen. Während die Emotionen durch ihren Körper laufen, sage ich leise folgende Sätze zu Melissa:
„Schön, wie Du das siehst.“, „So machst Du das super.“, „Klasse, wie das Geschenk jetzt gesehen werden kann.“ „Ich gebe Dir all den Raum, den es jetzt für Dich braucht.“ Mit dieser einladenden Sprache kann Melissa erlauben, dass diese Aspekte ihres Seins gesehen werden.

Die sprachlose Spiritualität, die in jedem von uns wohnt

Gleichzeitig tauchen wir in ein Gewahrsein ein, welches nicht unser alleiniges Bewusstsein sein kann. Ein ich und du wird zum wir und noch viel mehr. Ein Zustand, den ich als Gnade bezeichne. Dort können wir uns in einem spirituellen Raum treffen, der sich zu Beginn einer Begegnung oft unbewusst erschließt. An dieser Stelle richte ich meine Aufmerksamkeit gerne gemeinsam auf den Raum, der mich und meinen Klienten umgibt; nicht im Sinne der alltäglichen Orientierung, sondern vielmehr im sprachlosen Raum unserer Existenz. Hier gibt es häufig einen sogenannten Shift im Kontakt. Das Allein-Sein hört auf und das gemeinsame Ganze rückt in den Vordergrund.

Etwas hat sich verändert

Nach einer Weile wird Melissa ruhiger und sie wird sich der Kraft des Augenblickes bewusst. Ich frage sie, was sie nun wahrnimmt. Ganz klar kann sie benennen, dass ihre Atmung tiefer geworden ist und viel mehr Wärme durch ihren Körper strömt. Sie schaut mich an und sagt, dass sie mich auf einmal viel klarer wahrnimmt und dass die Farben in ihrer unmittelbaren Umgebung intensiver zu sein scheinen. Zusätzlich beschreibt sie ein Bild, welches zu ihr gekommen ist. Ein Bild, in dem sie mitten unter Frauen sitzt und in dem sie etwas Gemeinsames kreieren. Sie sieht farbige Wolle und ein sanftes Kribbeln macht sich in ihren Händen breit. Ich frage sie, was ihre Hände gerne tun würden, wenn sie tun könnten was sie wollten. Melissa erwiderte, dass sie am liebsten sofort anfangen würde zu stricken, gemeinsam mit anderen Frauen, und mit diesen einfach sein. Ich lasse sie die Bewegungen ausführen und ein neues Gefühl von Gemeinsamkeit macht sich sanft um uns herum breit.

„Jetzt schaut die Welt für mich ganz anders aus!“

Auf einmal hat sie noch einen starken neuen Gedanken, den sie mir mitteilt: „Ich bin stärker geworden, als andere Menschen, weil ich so viel Schlimmes erfahren habe. Und jetzt fühle ich, wie viel Gesundheit trotzdem oder gerade deswegen in mir steckt. Ich bin auf einmal kein Opfer mehr. Puh – das ist ganz schön neu für mich.“ Ich schaue sie sanft an, und sie kann mit einem neuen Funkeln in ihren Augen in Kontakt bleiben. Sie richtet sich auf, blickt dann durch den Raum und sagt: „Jetzt schaut die Welt für mich ganz anders aus. Ich habe ganz viele Ideen, die ich jetzt umsetzen möchte.“

Wege aus der Überwältigung

Melissas hochsensible Antennen, die in großen Teilen von ihrem Trauma überdeckt worden waren, konnten nun in eine gesunde Arbeits- und Betrachtungsweise übergehen. Die Überwältigung, die ihr Leben überschattete, wich einem völlig neuen Blickwinkel.

Zum Schluss gebe ich ihr eine kleine Hausaufgabe mit: „Auf welche Weise könntest du mit anderen Frauen stricken und einfach sein? Melissa zögert nicht lang: Sie wird mit einigen Flüchtlingsfrauen einen Strickzirkel gründen, um Mützen und Schals für Flüchtlings-Kinder zu stricken, die die europäische Kälte nicht gewöhnt sind. Am Ende unserer Sitzung umarmen wir uns still. Wir sind beide berührt von unserer Begegnung. Der spirituelle und sprachlose Raum eines Einverständnisses umgab uns und übersetzte sich mit einem wohligen Gefühl von Verstehen jenseits des Verstehens.

Andrea Wandel ist Co-Autorin des Fachbuchs Hochsensibilität und spricht beim Fachkongress Hochsensibilität

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