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Eine kleine Hommage
an den Sinn für Wunder

Es sind die magischen Momente im Leben, die kleinen und großen Wunder, die uns inspirieren und antreiben. Sabrina Görlitz zeigt, warum man nie zu alt dafür ist, an Wunder zu glauben

von Sabrina Görlitz

© Photo by Jakob from Pexels

„Eigentlich wie im echten Leben“, denke ich. Seit fast zehn Stunden sind wir nun schon bei klirrender Kälte im Disneyland unterwegs. Gerade sitze ich bibbernd auf einer Bank und warte auf meinen Sohn und seinen Vater, die in der eingebrochenen Dunkelheit vor einem futuristisch anmutenden Karussell namens Orbitron in der Schlange stehen. Ich fahre währenddessen ein paar philosophische Loopings im Kopf und reflektiere den Tag.

Die meiste Zeit ging heute fürs Anstehen drauf. Im Schneckentempo haben wir uns durch die Wartezonen aus Absperrseilen geschleppt, zu Hunderten eingepfercht, um dann nach einer gefühlten Ewigkeit für ein paar läppische Minuten in eine andere Welt einzutauchen. Und trotzdem haben wir uns immer wieder angestellt, geduldig und ausdauernd, und voller Vorfreude auf die nächste Dosis Magie. Also eigentlich wie im echten Leben – Warten, ein paar Momente Magie, wieder anstellen, warten, tief durchatmen, noch länger warten, ein bisschen Magie, und so geht es immer weiter. Bis es irgendwann aufhört, das Leben.

Zwischen Realität und Fiktion

Der Philosoph Theodor Adorno bezeichnete Walt Disney einst als „gefährlichsten Mann in der Geschichte Amerikas“. Seiner Ansicht nach vermittle Disney den Menschen eine Einschätzung der Welt, die unrealistischer nicht sein könne: magisch, voller Fantasie und mit der Garantie auf ein Happy End. Eine fatale Illusion, die Menschen davon abhält, sich auf das Wesentliche, auf das wahre Leben zu konzentrieren.
Ich oute mich: Auch ich bin Opfer. Vielleicht nicht unbedingt von Walt Disney, aber von vielen anderen, zugegeben vorwiegend amerikanischen Roman- und DrehbuchschreiberInnen. Allerdings würde ich niemals auf die Idee kommen, sie der fahrlässigen Verführung, oder gar der vorsätzlichen Täuschung anzuklagen. Im Gegenteil. Sie waren es, die mich inspiriert und angetrieben haben, mich auf das zu konzentrieren, was für mich persönlich das Wesentliche im ‚wahren‘ Leben ausmacht: Das Suchen und Aufspüren magischer Momente. Jener Augenblicke, in der die Grenzen zwischen Realität und Fiktion zu verschwimmen scheinen und du entweder denkst „ich bin im falschen Film“, oder, und das ist meine Variante, „mal eben kurz im richtigen Leben.“

Hashtag Quantenbullshit: Bestellung ans kosmische Universum

Früher sind mir viele verrückte Dinge passiert. Begegnungen mit anderen Menschen, die von so vielen surrealen Zufällen gespeist wurden, das selbst Hollywood damit nicht durchkäme. Das Ding ist bloß, ich glaube gar nicht an Zufälle. Im besten Fall glaube ich an das Resonanzgesetz und daran, dass sich Gedanken manifestieren können. So manch wundersames Erlebnis war mir zuvor bereits in meiner Schriftstellerei begegnet, auf dem Blatt Papier, oder als inneres Bild in meiner zweiten Fachdisziplin, der Tagträumerei. Vielleicht habe ich dabei unbewusst Bestellungen ans kosmische Universum gesandt. Für Verfechter der ‚seriösen‘ Wissenschaft fallen solche Spekulationen vermutlich unter den Hashtag Quantenbullshit. Aber meinen Wundern ist es egal, ob andere an sie glauben. Trotzdem fällt es auch meinem hochsensiblen und damit dauerangestrengten Verstand manchmal schwer, ein Wunder auszuhalten. Ich möchte es verstehen, ohne es zu entlarven. Aber wie soll das gehen? Vielleicht ist ja der Zufall die Tarnmaske des Wunders.

Meine Sehnsucht hat sich in Saudade verwandelt

In den vergangenen Jahren ist mein Sinn für Wunder allerdings etwas eingerostet. Ich bin jetzt Ende Dreißig, und, gemessen an meiner Gefühlslage mit Ende Zwanzig, scheint da eine leise Transformation stattgefunden zu haben: Meine deutsche Sehnsucht hat sich in eine portugiesische Saudade verwandelt – the presence of absence, die sich bloß holprig ins Deutsche übersetzen lässt, eine Art melancholische Begeisterung für das, was unwiderruflich vorbei ist.
Manchmal ertappe ich mich dabei, dass ich voller Enthusiasmus über ein magisches Erlebnis in meinen Leben schreibe, als wäre es gestern gewesen, und dann etwas verschämt nachrechne, wie lange es schon zurückliegt. Vielleicht so, wie die Herzen der Portugiesen sich an ihre Zeit als großes Seefahrervolk und Eroberer der Weltmeere erinnern. Aber irgendwie reicht mir das (noch) nicht. Oh! Da ist ja doch noch Sehnsucht!
Was kann ich also tun, frage ich mich, als der große und der kleine Mann beseelt aus ihrem kleinen Raumschiff steigen und wir uns mit der Masse durch das angestrahlte Märchenschloss zurück Richtung Parkplatz treiben lassen. Was muss passieren, damit mein Sinn für Wunder wieder aktiviert wird?

Magic Midlife statt Midlife Crisis

Eine Antwort bekomme ich ein paar Wochen später in Hamburg. Ich treffe die buchstäblich wunder-volle Beate. Wir haben uns über meine Mitarbeit am Fachbuch Hochsensibilität kennengelernt – Beate war eines unserer Fallbeispiele im Kapitel über Coaching und Beratung. Sie ist Anfang 50, und wenn ich sie ansehe, bekomme ich ein schlechtes Gewissen, dass ich mich vor ein paar Wochen noch gefragt habe, ob ich zu alt für Wunder sein könnte. Beate hat wilde dunkle Locken, die nur von wenigen Silberfäden durchzogen werden, eine sanfte Mädchenstimme, wache braune Augen und eine ganz besondere Gabe. Sie kann mit ihren Knochen sprechen und mit ihren Organen. Sie kann mit ihrem ganzen Körper kommunizieren, erzählt ihm Geschichten und regt ihn so zur Selbstheilung an. Was für manche erst einmal weltfremd und naiv klingen mag, ist für mich eine heilige Form des Storytellings.
„Wenn eine Geschichte Sinn macht, ist sie wahr, auch wenn sie nicht passiert ist“, hat der Dichter James Krüss mal gesagt. Wer Beates Geschichten lauscht, verliert schnell jeden Zweifel, dass es nicht genau so passiert ist.

Magic Midlife statt Midlife-Crisis. Das will ich auch. „Wie schön und bunt und magisch wäre unsere Welt“, sinniere ich bei Himbeerkäsekuchen und Pancakes mit Vanillesauce, „wenn wir alle so leben würden wie du. Wenn wir das alle könnten, was du kannst.“
Beate hat eine gute Nachricht für mich: „Ich bin davon überzeugt, dass alle Menschen dazu in der Lage sind, sich immer und immer wieder selbst zu heilen. Bis das Leben irgendwann vorbei ist.“ Ich erinnere mich an meine Gedanken in Paris; warten, Magie, noch länger warten, Magie, wieder warten … bis das Leben irgendwann aufhört.

Eine magische Revolution zieht über das Land

„Vielleicht ist es ja ansteckend, mit dir Kontakt zu haben, stell dir vor, so wie ein Virus“, sage ich zu Beate. Und weil ich immer in Geschichten denken muss, läuft vor meinem inneren Auge direkt ein Film über ein kleines Mädchen mit wilden Locken ab, die ihre außergewöhnliche Fähigkeit an alle Menschen weitergibt, mit denen sie in Berührung kommt. Überall wo sie auftaucht, überzieht sie die Welt mit bunter Farbe. Eine magische Revolution, die ein entzaubertes Land zurückerobert. Doch das Mädchen wird bedroht: Die bösen Wunderjäger sind hinter ihr her, eine Horde Wissenschaftler Typ Adorno, um dieser in ihren Augen so gefährlichen Epidemie ein Ende zu bereiten … Sieht ganz so aus, als hätte Beate gerade mein Disney-Gen aktiviert.

Am nächsten Tag passiert das Unglaubliche. Mir fällt ein Wunder vor die Füße, in der Form eines so wuchtigen Zufalls, dass er nicht von dieser Welt sein kann. Mein ganzer Körper bebt vor Erstaunen. Endlich bin ich wieder hier.
Ein paar süße Momente genieße ich es, zurück zu sein an der Grenze, dem Ort, wo Realität und Fiktion eins werden und an dem ich so lange nicht mehr gewesen bin. Als ich aus diesem wundersamen Schmelztiegel wieder auftauche in Zeit und Raum, fühlt es sich ein bisschen so an wie nach einer Runde Kettenkarussell. Leicht taumelig, und mein Herzschlag braucht eine kleine Weile, um wieder runterzufahren.
Vielleicht ist das ja der Unterschied zu früher, vielleicht sind die Regenerationsphasen zwischen den magischen Phasen inzwischen einfach länger. Zwei Nächte hintereinander durchfeiern geht ja auch nicht mehr so gut. Vielleicht ist der buchstäbliche Suchtfaktor in der Sehn-Sucht auch nicht mehr so groß. Mehr so eine gesunde Sehnsucht, die warten kann, und trotzdem sein darf. Vielleicht lasse ich das jetzt auch einfach mal so stehen. Die Hauptsache ist doch, ich habe ihn noch, meinen Sinn für Wunder.

Sabrina Görlitz ist eine der AutorInnen des Fachbuchs HochsensibilitätIn ihrem sehr persönlichen Kapitel Grenzgänger mit Sinn für Wunder beleuchtet sie das Persönlichkeitsmerkmal unter überraschenden Gesichtspunkten.

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