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Volker Schmidt: „Guter Sex ist Nahrung für Körper und Psyche“

Volker Schmidt verrät uns, warum guter Sex so wichtig für uns ist und wie wir ihn selbst erleben können - mit oder ohne PartnerIn

© Monika Mischke, Hamburg

Von gutem Sex profitieren wir auf vielfältige Weise! Er macht uns gesund, schön, glücklich, stärkt unsere körperliche und psychische Abwehr und lässt uns strahlen. Aber wo und wie bekommen wir wirklich guten Sex und was hat er mit unserer Erziehung zu tun? Volker Schmidt berichtet im Interview, worauf es ankommt, wo unsere blinden Flecken verborgen liegen und wie wir unsere Leidenschaft und Sinnlichkeit aufwecken können.

Ihr Buch hat einen provokanten Titel, Herr Schmidt. Glauben Sie, wir Deutschen brauchen Nachhilfe beim Sex?

Ich glaube, nur wenige von uns haben sich jemals im Leben wirklich mit ihrer Sexualität beschäftigt. Damit, was sie glücklich macht und erfüllt. Ich glaube, viele von uns kennen Sex im Prinzip nur als faulen Minimalkompromiss. Deshalb: Ja, vielleicht könnte uns ein bisschen Nachhilfe durchaus gut tun. Ich glaube, wir alle haben eine Menge sexuelles Potenzial. Wir sind lediglich ein bisschen unbeholfen bislang.

Woran liegt das?

Viele der heute Erwachsenen erfuhren ihre ersten Lektionen im Umgang mit sich selbst und ihrem Körper in einer Zeit, die in ihrer Sexualmoral weit stärker als die heutige geprägt war von starren und teils unmenschlichen Vorstellungen. Homosexualität war eine Sünde oder Krankheit. Masturbieren machte wahlweise blind oder blöd. Wer später heranwuchs, kannte derlei Gedankengut zwar nur aus Erzählungen, doch auch in den 1980er und 90er Jahren lag noch in vielen Familien den Kindern gegenüber ein sanfter Schleier des Schweigens über allem, was mit Sex zu tun hat. Nur wenige von uns hatten Eltern oder andere Vorbilder, die ihnen einen positiven Umgang mit sich selbst und potenziellen Liebespartnern nahe brachten.

Aber wir sind doch mehr als unsere kindlichen Prägungen, wenn wir miteinander schlafen.

Unsere kindlichen bis jugendlichen Prägungen sind in unseren Schlafzimmern definitiv mehr beteiligt, als die meisten von uns es gerne wahrhaben möchten. In dieser Zeit unseres Lebens entstehen die Grundlagen unseres Umgangs mit unseren Gefühlen, Bedürfnissen und Wünschen und natürlich auch mit unserem physischen Körper und allem, was mit ihm zu tun hat. In vielen Elternhäusern besteht diese Prägung bis heute vor allem aus verschämtem Schweigen.

Aber in der Schule gab es doch bereits den Sexualkundeunterricht...

Das stimmt, doch das meiste, was wir in der Schule über Sex lernen, vermittelt auch heute noch die Botschaft: „Pass verdammt nochmal auf, was du machst! Denn sonst geschehen schreckliche Dinge! Dann bekommst du ein Kind, das du nicht willst. Oder du wirst krank!“ Vor dem Hintergrund derart amorpher Warnungen stolpern wir dann hinein in unsere ersten sexuellen Begegnungen. Und machen entsprechend gute oder eben nicht so gute Erfahrungen. Von da an glauben wir zu wissen, was Sex ist. Von da an hat das Wort eine Bedeutung für uns. Diese Kopplung „Sex ist … !“ wird von da an durch neue Erfahrungen oft nur noch graduell modifiziert, aber selten grundsätzlich in Frage gestellt.

Und das wollen Sie mit Ihrem Buch ändern?

Ich möchte einen Beitrag dazu leisten. Ich sehe an vielen Stellen unserer Kultur Initiativen und Projekte, die mir Mut machen. Wir leben gerade in einer guten Zeit für eine neue sexuelle Revolution. Die Bewegung ist längst im Gange. Ich gebe ihr mit meinem Buch lediglich ein wenig wissenschaftlich fundierten Rückenwind.

Ihr Buch beginnt mit einem Kapitel über Sexualität im Tierreich. Was haben die Vermehrungsriten der Tiere mit der sexuellen Befreiung von uns Menschen zu tun?

Zum einen haben viele von uns hinter unserer stets souveränen Schale ein eher angespanntes Verhältnis zum Thema Sex. Der Ausflug, den ich in die Welt der Tiere und ihrer Paarungsvorlieben mache, lädt zum Schmunzeln ein und macht locker. Gleichzeitig, so hoffe ich, weitet sich unser Blick dafür, wie vielfältig die Möglichkeiten und Spielarten sind, die der liebe Gott und Mutter Natur sich in Sachen Sex einfallen ließen. Ich lade dazu ein, den Blick zu weiten.

Von welchem Tier könnten wir etwas über Sex lernen?

Kein anderes Tier auf diesem Planeten hat – soweit wir bis heute wissen – bislang jemals ein derart breites Spektrum an sexuellen Handlungen und Vorlieben hervorgebracht, wie der Mensch. Selbst unsere (neben den Schimpansen) nächsten Verwandten, die Bonobos, berühmt (bzw. berüchtigt) für ihren offenen Umgang mit Sex und Lust, verblassen angesichts der Vielfalt und des Erfindungsreichtums, mit dem wir Menschen uns miteinander paaren. Was wir Menschen allerdings definitiv von unseren nahen und fernen Verwandten im Tierreich lernen können, ist ein entspannter Umgang mit Sinnlichkeit, mit Lust und Sex. Das können die anderen offenbar bislang besser als wir.

Widerspricht das nicht Ihrer Aussage, dass wir uns sexuell zu stark einschränken?

Eben nicht. Ich spreche hier über unser Potenzial. Was wir daraus machen, steht auf einem ganz anderen Blatt.

Und Sie zeigen in Ihrem Buch, wie das funktioniert?

Ich lege vor allen Dingen vor, was andere Menschen in wissenschaftlichen Labors und Forschungseinrichtungen auf der ganzen Welt untersucht und herausgefunden haben. Ich führe die Ergebnisse zusammen und stelle sie in einen Kontext.

Welche Erkenntnisse sind das?

Zusammenfassend kann man sagen, dass eine erfüllend und erfüllt erlebte Sexualität so ziemlich alles fördert, was wir allgemein für gut und wünschenswert halten. Sex stärkt unser Immunsystem und schützt nachweislich vor sowohl körperlichen als auch psychischen Erkrankungen. Sex verbessert unser Selbstvertrauen, unsere Sozialkompetenz und sogar unsere Intelligenz. Nicht zuletzt macht guter Sex uns schöner. Die Ausschüttung der Sexualhormone erfrischt Haut, Muskulatur und Haar. In einer Studie wurden Menschen, die häufig Sex hatten, im Alter um bis zu zehn Jahre jünger eingeschätzt, als sie tatsächlich waren.

Sie würden also empfehlen, mehr Sex zu haben?

Mir geht es nicht (nur) um mehr, sondern vor allem um besseren Sex. Ich lade dazu ein, unsere Sexualität als eine Urkraft zu begreifen, die uns alle durchströmt und deren Fließen unsere innerste Lebendigkeit nährt. Ich möchte, dass wir das angespannte Vorsicht-Falle-Verhältnis zu unserer Sexualität austauschen gegen eine Grundhaltung der Neugier und der Abenteuerlust.

Sprechen Sie da auch von Offenen Beziehungen und Polyamorie?

Nicht zwangsläufig. Vor allem sollten wir uns darüber klar werden, welche Erfahrungen wir als nährend und lustvoll erleben. Dass wir damit beginnen, unsere Fantasien und Sehnsüchte uns selbst und schließlich auch unseren Liebespartnern gegenüber offen einzugestehen. Ich möchte, dass wir lernen, an unseren erotischen Gelüsten oder Interessen Freude zu empfinden. Dass wir sie uns zugestehen und darüber hinaus – und hier beginnt der abenteuerliche Teil – ihre Erfüllung für möglich halten. Ich sage es mal so: Ich glaube, in den allermeisten Liebesbeziehungen ist schlafzimmertechnisch weit mehr möglich, als bislang gelebt wird. Und dies liegt vor allem daran, dass wir nicht gelernt haben miteinander über Sex zu reden. Dieses Schweigen haben wir erlernt. Das ist die gute Nachricht. Denn was wir gelernt haben, das können wir auch wieder umlernen. Aber auch, die Beziehung sexuell zu öffnen, um sie gerade dadurch auf gesunde Weise zu erhalten, kann für manche Paare eine geradezu erlösende Wirkung entfalten. Und es ist ja nicht so, dass dies nicht längst praktiziert würde. Nur wird halt bislang noch wenig darüber geredet.

Halten Sie (guten) Sex für ein Grundbedürfnis?

Ich halte Sex in der Tat nicht für ein Grundbedürfnis. Darüber wundern sich viele. Ich habe mich in meiner Arbeit als Coach und Therapeut viel mit unseren menschlichen Gefühlen und Bedürfnissen auseinandergesetzt. Ich glaube nicht mehr, dass es ein Grundbedürfnis nach Sex gibt. Was ich jedoch weiß ist, dass guter Sex das Zeug dazu hat, uns gleich einen ganzen Schwung an körperlichen aber vor allem psychischen Bedürfnissen zu erfüllen. Guter Sex nährt den Körper und erfüllt unsere psychischen Grundbedürfnisse, und das, während wir – alleine oder in guter Gesellschaft – eine durch und durch herausragend gute Zeit haben. Guter Sex ist Nahrung und Naschen in einem!

Auf den Punkt: Was ist in Ihren Augen ‚guter‘ Sex?

Die Antwort umfasst in meinem Buch ein ganzes Kapitel, in der Hoffnung, ein für alle Mal aufzuräumen mit ein paar alten Klischees. Im Grunde ist es doch ganz einfach: Wenn du nach dem Sex zur Decke starrst oder in die Augen deiner/deines Liebsten blickst und dabei gar nicht anders kannst als unschuldig selig vor dich hin zu grinsen, dann war das, was du gerade hinter dir hast, vermutlich das, was ich „guten“ Sex nenne. Wenn du hoffst, dass dein Partner bald fertig wird, oder dass du bald fertig wirst, bevor er oder sie vollkommen das Interesse verliert, eher nicht.

Welche Kleinigkeit könnten unsere Leser*innen hier für ihren Alltag oder ihr Sexualleben mitnehmen? Gibt es einen Sex Hack, den Sie teilen mögen?

Wie wäre es mit Augenkontakt? Es ist erschreckend, wie wenig sich Liebes- und Sexualpartner in die Augen schauen. Wie oft nehmen wir unseren Partner oder unsere Partnerin im Grunde nur schemenhaft wahr? Wie oft entgehen uns die feinen Signale von Körpersprache und Mimik? Wenn es einen Sex Hack gäbe, der gleich mehrere Ebenen stärkt, dann dieser: Schaut einander in die Augen. Damit meine ich nicht, schaut hin und stellt fest, wo die Augen sind. Ich meine: Schaut wirklich hin! Schaut in diese Augen, bis ihr den Menschen, der euch gerade anblickt, wirklich seht!

Und zwar nicht nur beim Sex. Beim Essen, wenn wir von unserem Tag erzählen, wenn wir uns Gute Nacht sagen oder im Badezimmer aneinander vorbei huschen. Aber natürlich und nicht zuletzt: Auch beim Sex! Nicht durchgehend, nicht als Gesetz. Aber doch: Immer wieder. Um Anzudocken beieinander, um nicht nur uns selbst und diesen Körper zu spüren, sondern wirklich diesen Menschen; mit allem, was er oder sie ist. Instinktiv übrigens schließen die meisten von uns beim Orgasmus die Augen. In diesem Augenblick sind wir so offen, so schutzlos und roh, dass wir diese Verletzlichkeit eher verbergen. In diesem Moment und in dieser Erfahrung die Augen zu öffnen und unseren Liebespartner in uns hineinschauen zu lassen, kann eine tief berührende Erfahrung sein.

Es ist schön, wenn es jemanden gibt, dem wir beim Sex tief in die Augen schauen können. Aber was empfehlen Sie den Menschen, die gerade keinen Partner oder keine Partnerin haben?

Masturbieren. Damit meine ich allerdings nicht das hastige, halb-verschämte, Schnell-Schnell-Fertig-Machen, das die meisten von uns unter Masturbation verstehen. Masturbation ist „Liebe an und für sich“. Die Art und Weise, wie wir masturbieren, sagt viel aus darüber, wie wir auch sonst mit uns selbst umgehen. Und halten wir uns vor Augen, dass Sex mit uns alleine weitaus besser ist, als Sex mit einem Partner, der uns nicht gut tut! Ich rede davon, dass wir uns Zeit nehmen dafür, uns selbst wirklich gut zu tun. Zeit in der wir uns etwas Schönes gönnen. Dass wir uns erlauben, Lust zu empfinden und mit dieser Lust zu spielen, bevor wir sie irgendwann dann schließlich doch auf die Zielgerade zum Orgasmus lenken. Ich rede davon, dass wir uns erlauben, uns an unseren erotischen Fantasien zu erfreuen, sie wirklich zu genießen. Guter Sex, egal ob mit mir alleine oder in guter Gesellschaft, stellt nicht die Frage, was ich muss, sondern die Frage, was ich darf. Genauer: Was ich mir selbst erlauben darf.

Was treibt Sie persönlich an, wenn Sie sich für eine Erneuerung unserer Sexualkultur engagieren?

Mein Studium des Menschen zeigt mir überdeutlich, dass die Welt, in der wir heute leben, für uns Menschen nicht besonders artgerecht ist. Und ich glaube, unser Umgang mit unserer Sinnlichkeit und Sexualität hat hierin eine Schlüsselfunktion. Ich möchte einen kleinen Beitrag dazu leisten, diesen Kurs in eine gesündere Richtung zu lenken. Ich glaube, dass eine freiere Sexualkultur das Zeug dazu hätte, das Leben vieler Menschen nachhaltig zu bereichern. Diese Freude bleibt ja nicht nur im Innen. Sie strahlt aus uns heraus. Ich habe oft genug festgestellt, dass der Umgang mit Menschen, die emotional wie körperlich gut genährt sind, mir persönlich bedeutend besser tut als mit jenen, bei denen das nicht so ist. Und genau das möchte ich mit meinem Buch fördern.

Innenansichten


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Sieben Verlage unter einem Dach - Kamphausen.Media aus Bielefeld mit den Imprints jkamphausen, Aurum, fischer&gann, Theseus, Lüchow, LebensBaum sowie der Tao.Cinemathek verlegt seit über 30 Jahren Bücher in den Themenbereichen Persönlichkeitsentwicklung, ganzheitliche Gesundheit, Meditation, Spiritualität und Psychologie. Ergänzt wird die klassische Verlagsarbeit durch die Selfpublishing Portale tao.de und Meine Geschichte. Unser Ziel ist es, mit unseren Produkten jeden Menschen auf seinem Entwicklungsweg in seinen Talenten und seinem Bewusstsein, seinem Glück und seiner Essenz bestmöglich zu unterstützen.
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