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Frage an Volker Schmidt:

Wir überlegen, unsere Beziehung zu öffnen. Was sollten wir dabei bedenken?

Das, was ihr vorhabt, ist ein mutiger Schritt! Seid euch im Klaren darüber, dass das, was ihr vom Punkt eurer Entscheidung an betreten werdet, möglicherweise für euch beide absolutes Neuland ist, in dem euch Herausforderungen erwarten, mit denen ihr nicht gerechnet haben werdet! Umso wichtiger ist es, dafür zu sorgen, dass die Basis eurer Beziehung stabil genug ist, um das emotionale Durcheinander, das ihr auf dieser Reise immer wieder erfahren werdet, halten zu können, ohne daran Schaden zu nehmen.

Lernt, euch liebevoll über unterschiedliche Wünsche oder Vorstellungen auszutauschen, bevor ihr diesen Schritt geht! Lernt, mit euren eigenen Gefühlen in Frieden zu sein, und lernt, den Gefühlen des Anderen mit bedingungslosem Wohlwollen zu begegnen. Zeigt euch einander, immer wieder, bis aus dieser kategorischen Ehrlichkeit unerschütterliches Vertrauen erwächst. Dann erst stellt euch der Frage, wie weitere Sexual- oder Liebespartner in eurem Liebessystem einen gesunden Platz finden können.

Ein Gedankenfehler, dem viele Menschen in einer zuvor monogamen, nun aber frisch geöffneten Beziehung aufsitzen, lautet: „Ich habe jetzt mehr Rechte als vorher!“ Halten wir uns vor Augen, dass das Erleben sexueller Erfüllung das unveräußerliche Geburtsrecht eines jeden und einer jeden einzelnen von uns ist. Das ändert sich weder dadurch, dass wir in unsere Beziehung „monogam“ nennen, noch dadurch, dass wir in ein Kloster eintreten. Wir mögen unser Recht auf sexuelle Erfüllung aufgrund derartiger Entscheidungen befristet ruhen lassen, aber es wird uns dadurch nicht genommen. Nichts kann uns dieses Recht nehmen.

Dennoch streiten sich viele Liebespaare, insbesondere, wenn es um Sex geht, gerne darüber, was dem/der anderen oder einem selbst erlaubt oder verboten wäre. Vor dem Hintergrund des oben definierten Geburtsrechts jedoch sind all diese Wortgefechte absurd. Keine/r von euch hat das Recht, dem anderen Erlaubnisse oder Verbote darüber zu erteilen, wen dieser trifft, küsst oder auch vögelt. Was jedoch klingt wie eine Einladung zu hedonistischer Egomanie, ist genau das Gegenteil davon.

Wenn euch klar wird, dass die Erlaubnis des jeweils anderen für euer Tun nicht von Bedeutung ist, dann erkennt ihr, dass etwas anderes sehr wohl eine große Bedeutung hat. Nämlich die Frage, ob ihr das, was ihr tut, mit dem Segen eures Partners oder ohne diesen tut. Während die Erlaubnis etwas ist, das euch niemand nehmen oder geben kann, ist ein Segen etwas, das uns nur jemand anderes schenken kann. Und zwar freiwillig. Du kannst den Segen deiner Partnerin nicht einfordern, nicht herbeiflehen und dir nicht erschleichen. Einen Segen kannst du auch nicht kaufen. Einen Segen gibt es nur geschenkt. Und dennoch hat er zumeist einen Preis.

Sprecht miteinander daher nicht über das, was ihr einander oder euch selbst gerne erlauben oder vielleicht vorerst doch lieber verbieten möchtet. Sprecht darüber, was es braucht, damit das, was sich der eine wünscht, potenziell die Chance haben könnte, den Segen des anderen zu bekommen. Vielleicht braucht es kleine Schritte. Vielleicht braucht es Kommunikation. Vielleicht braucht es ein Entgegenkommen auf ganz anderer Ebene. Oder vielleicht braucht dein Segen (oder der deines/deiner Liebsten) noch etwas vollkommen anderes. Vielleicht hat er oder sie gerade gar keine Ahnung, was es brauchen würde, um deinem Wunsch nicht nur die Erlaubnis zu geben (die du ja schon hast!), sondern wahrlich seinen oder ihren Segen.

Alles, was unsere Sexualität betrifft, ist zutiefst verbunden mit unserem Selbstbild als Mann, als Frau oder als intersexueller Mensch. Daher sind alle Themen, die sich um diesen Aspekt unseres Lebens drehen, für die meisten von uns hochgradig emotional besetzt. Aus meinen Augen ist es daher bei dem, was ihr miteinander vorhabt, unerlässlich, immer wieder authentisch miteinander in Kommunikation zu treten. Nicht, um dabei schnelle Ergebnisse zu erzielen, sondern vor allen Dingen, um einander wahrzunehmen in euren Erfahrungen, in euren Gefühlen und vor allem immer wieder in eurer unerschütterlichen Liebe zueinander.

Eine Einladung, die vielen Menschen in eurer Situation gar nicht gefällt: Stell dir vor, dein Partner (deine Partnerin) sei in jedem Augenblick deines Lebens als unsichtbarer Geist in deiner Nähe. Wenn du mit den Kindern streitest ebenso wie wenn du vor deiner Chefin kuscht. Wenn du auf dem Klo sitzt oder wenn du grad mit einem anderen schläfst. Frage dich selbst: Wie müsstest du dich in dieser Situation verhalten, und wie müsste es um eure Partnerschaft beschieden sein, damit der Gedanke an deine/n Liebste/n dir in diesem Augenblick nicht Kraft entzieht, sondern dir sogar welche spendet?

Abschließen möchte ich mit einem klugen Sprichwort aus dem alten China, das da lautet: „Wenn du es eilig hast, solltest du besser langsam gehen!“

Volker Schmidt

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