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Philosophie der Gelassenheit

von Dr. Wiebke-Lena Laufer

Wie schaffen wir es, gelassener zu sein? Ständig bringen uns schon Kleinigkeiten aus der Ruhe. Oftmals sind es unsere Ansprüche, die der Leichtigkeit im Weg stehen. Uns fehlt eine Strategie der Gelassenheit.

Übertragung von Stimmungen

Erinnern Sie sich einmal an Ihre letzte Begegnung mit einem Menschen, der ganz in sich selbst zu ruhen schien. Vielleicht ist Ihnen aufgefallen, wie gelassen er mit den täglichen und auch außeralltäglichen Geschehnissen umging, wie er das Spiel des Lebens zugleich ernsthaft und mit Leichtigkeit spielte. Möglicherweise haben Sie seinen unerschütterlichen Gleichmut erkannt, mit dem er die Wellen des Lebens um sich herumspülen lies, ohne sonderlich beeindruckt von ihnen gewesen zu sein. Er behielt die Fassung auch angesichts mancher Umstände, die andere längst zur Verzweiflung gebracht hätten. Vielleicht umspielten wissenden Lachfältchen ganz liebevoll die Augen dieses Menschen, und in seinem zarten, gütigen Lächeln lag etwas, das nicht von dieser Welt zu sein schien. Erinnern Sie sich daran, wie Sie sich in der Gegenwart dieser Person gefühlt haben. Hat sich ein Teil der Gelassenheit auch auf Sie selbst übertragen, sodass Sie ruhiger wurden in der Nähe dieses Menschen, dessen stoische Haltung einerseits unberührt und andererseits so einladend war?

Menschen als Inspirationsquellen

Wenn wir solchen Menschen begegnen, haben wie die Wahl: Entweder wir stellen sie auf ein Podest und erklären ihre Gelassenheit, ihre Selbstbeherrschung und ihre Besonnenheit als unerreichbar für uns selbst. Oder wir treffen die Entscheidung, uns von ihnen vielmehr inspirieren zu lassen und eigens zu gelasseneren, von innerer Ruhe gezeichneten Persönlichkeiten zu werden. Aber wo und wie anfangen? Es liegt im Wesen der Gelassenheit, gerade nicht darauf angewiesen zu sein, dass sich die äußeren Umstände als wunschgemäß erweisen. Die äußeren Umstände unterliegen dem permanenten Wandel, noch dazu in unserer flüchtigen, ungewissen, komplexen und mehrdeutigen Welt. Es hat also keinen Zweck, die Ursache für persönliche Gelassenheit in der Außenwelt zu suchen. Haben wir das einmal erkannt und akzeptiert, liegt der nächste Schritt auf der Hand: Wir müssen nach innen gehen, uns ehrlich auf uns selbst besinnen und das eigene Leben einer radikalen Bestandsaufnahme unterziehen.

Gegner der Gelassenheit

Was wir hier, in unserem Inneren, vorfinden, wird vermutlich ebenfalls zunächst für Unruhe sorgen. Zu viele Fremd- und Selbstansprüche, zu viele ungel(i)ebte Träume, vermeintlich verpasste Chancen, Urteile und Vorstellungen haben sich im Laufe unseres Daseins angesammelt, und stehen nun einer Gelassenheit im Weg, die uns in die Lage versetzt, all dem mit einem unerschütterlichen Gleichmut entgegen zu treten.

Gelassenheit aktiv herbeiführen

Nun ist es weiterhin an uns, uns dem (selbstgemachten) Chaos mutig und entschlossen zu stellen. Schritt für Schritt können wir unser Leben einer Bestandsaufnahme unterziehen, indem wir aufmerksam und wach wahrnehmen, was genau in unserem persönlichen Erleben unserer eigenen Gelassenheit, unserer inneren Ruhe, ja einem heilsamen Gleichmut entgegensteht. Nach und nach können wir uns neu aufstellen, indem wir uns immer klarer darüber werden, wofür wir stehen und was wir in dieser Welt hinterlassen wollen. Wir werden eine uralte, tiefe Wahrheit erkennen: Wie innen so außen! Und das wird uns unter anderem zu einem bedeutsamen Schlüssel hin zu mehr Gleichmut, mehr Gelassenheit und mehr Besonnenheit werden. Je achtsamer wir die Samen solcher Tugenden in unserem Inneren aussähen und ihnen einen fruchtbaren Boden verschaffen, desto eher werden sie wachsen und gedeihen.

Der Weg zu mehr Gelassenheit

Zuerst werden sie sich in unserem Inneren nach und nach kraftvoll entfalten, und nicht mehr zulassen, dass die chaotischen Zustände von einst wiederkehren. Dann, ganz allmählich, werden sich auch Früchte im Außen zeigen. Schritt für Schritt werden wir gelassener in den Dingen, die auch unsere Außenwelt betreffen. Zu Beginn werden wir uns vielleicht auf Kleinigkeiten konzentrieren, wie der Mensch, der sich an der Kasse vordrängelt. Wir lassen uns davon nicht aus dem Gleichgewicht bringen und lächeln die Situation einfach weg. Nach und nach berührt uns ein solches Verhalten immer weniger negativ, bis wir dem anderen vielleicht sogar gern den Vortritt überlassen.

Selbstbeherrschung statt Negativität

In Situationen, in denen andere etwas Unangenehmes in uns auslösen, werden wir mit zunehmend mehr Selbstbeherrschung agieren(!), statt getrieben von unserer Negativität willenlos zu reagieren. Wir werden uns besonnener in Konfliktsituationen verhalten, die uns einst zu schaffen gemacht hätten. Diese Haltung wirkt sich schließlich auch auf den Umgang mit noch größeren Herausforderungen des Menschseins aus, wie etwa finanzielle Unwägbarkeiten, Trennung, Krankheit und letztlich der Tod. In allem wird irgendwann ein Friede spürbar werden, von dem ein Meister einmal sagte, er sei höher als alle Vernunft (Die Bibel: Philipper 4,7).

Der Verstand als Hindernis

Damit kommen wir einer weiteren bedeutsamen Erkenntnis auf die Spur: Oftmals ist es die Vernunft, die einem tiefen inneren Frieden entgegensteht. Solange wir (noch) mit unserem Verstand versuchen, alle Geschehnisse in unserem Leben und um uns herum einzuordnen und zu beurteilen, können wir gar nicht gelassen auf sie schauen. Wir sind so konditioniert, dass uns der Verstand zumeist plausibilisieren will, dass wir etwas tun müssen, damit sich die Dinge auf wünschenswerte Weise wandeln. Das, was wir wirklich tun können, damit mehr Gelassenheit in unser Leben Einzug hält, liegt aber im Gegenteil genau darin, sowohl die „Welt da draußen“ als auch uns selbst erst einmal bedingungslos anzunehmen, ohne direkt etwas verändern zu wollen.

Dinge einfach sein lassen

Es geht also gerade nicht damit, die Außen- oder die Innenwelt weiter zu „optimieren“ und vermeintliche Verbesserungen anzustreben. Vielmehr darf das unruhige Streben nach „Mehr, Besser und Weiter“ abgelegt werden, um sich mit dem, was ist auszusöhnen. Wir dürfen lernen, loszulassen, statt zu verändern, uns hinzugeben, statt selbsttätig zu sein, zu empfangen, statt auszusenden. Dann kommt der Punkt, an dem wir wahrhaftig erkennen, dass wir Ge-lassen-heit beim Wort nehmen dürfen. Es geht buchstäblich darum, die Dinge sein zu lassen. Gelassenheit ist die Kunst, die Dinge erst einmal genauso sein zu lassen, wie sie jetzt gerade nun einmal sind, ohne sie zu beurteilen, ohne gegen sie aufzubegehren, ohne sie krampfhaft verändern zu wollen. Bedeutet das, die Hände in den Schoß zu legen, und die äußere Welt hinter sich zu lassen? Gewiss nicht! Vielmehr geht es darum, Zentriertheit, Balance und Akzeptanz optimal ineinandergreifen zu lassen. Zentriertheit hilft dabei, sich im eigenen Inneren fest zu gründen. Balance ist eine Art Seismograph, der darauf hinweist, was aus dem Gleichgewicht geraten ist, und anzeigt, wie erneut für Ausgleich gesorgt werden kann. Akzeptanz ermahnt wieder und wieder dazu, die Dinge anzunehmen, wie sie sind.

Die persönliche Zentriertheit finden

Auf dieser Basis kann sich eine Grundhaltung entwickeln, die es ermöglicht, gezielt aktiv zu werden, ohne die eigene Gemütsverfassung an das Ergebnis zu knüpfen, was aus der eigenen Aktivität hervorgehen wird. Darin besteht die Meisterschaft eines Spielers des Lebens, der das Spiel in dieser Welt weder ablehnt noch es zu wichtig nimmt. Innerlich zentriert und äußerlich flexibel ist er bereit, seinen Platz im Hier und Jetzt einzunehmen und bestmöglich auszufüllen. Wer also erstens seine persönliche Zentriertheit in seinem eigenen Inneren findet und sie stabil hält, zweitens dabei Ungleichgewichte erkennt und sie ausbalanciert sowie drittens fortwährend konsequent die Bereitschaft aufbringt, das, was ist zu akzeptieren, wird weniger dazu neigen, andere auf das Podest der Vollkommenheit zu stellen.

Mit Gelassenheit zur Gelassenheit

Inzwischen ist er selbst zu einer inneren Ruhe, einer Gelassenheit gelangt, durch die wissenden Lachfältchen seine eigenen Augen umspielen. Nun versteht er es auch, ein zartes, gütiges Lächeln auf sein eigenes Gesicht zu zaubern und es großzügig an andere zu verschenken. Er weiß: „Alles, wirklich alles(!), hat seinen Sinn, genauso wie es jetzt gerade ist, sodass ich getrost von all meinen Beurteilungen und Vorstellungen ablassen kann, die allein meiner Phantasie entspringen. Meine einzige Aufgabe ist es, in diesem großen Spiel des Lebens und in genau diesem einem, einzigartigen Moment das beizutragen, was mir jetzt geboten ist, zu tun – nicht mehr und nicht weniger.“ Und übrigens: Gelassenheit lässt sich nicht dadurch erreichen, verbissen nach ihr zu streben. Wenn Sie sich also mehr Gelassenheit in Ihrem Leben wünschen, gehen Sie es ge-lassen an …😉


Hier geht es zu "Wege zum Ich" von Dr. Wiebke-Lena Laufer

Zur weiteren Vertiefung des Lebensthemas „Gelassenheit“ und zur praktischen Umsetzung:

Dr. Wiebke-Lena Laufer: Wege zum Ich. Klar, selbstbestimmt und kraftvoll leben, jkamphausen, Bielefeld 2019, S. 130-138.

Weitere Informationen zum Buch: www.wegezumich.com

Sieben Verlage unter einem Dach - Kamphausen.Media aus Bielefeld mit den Imprints jkamphausen, Aurum, fischer&gann, Theseus, Lüchow, LebensBaum sowie der Tao.Cinemathek verlegt seit über 35 Jahren Bücher in den Themenbereichen Persönlichkeitsentwicklung, ganzheitliche Gesundheit, Meditation, Spiritualität und Psychologie. Unser Ziel ist es, mit unseren Produkten jeden Menschen auf seinem Entwicklungsweg in seinen Talenten und seinem Bewusstsein, seinem Glück und seiner Essenz bestmöglich zu unterstützen.
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