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Wolf-Dieter Storl: Die Kraft der Pflanzen

Aus dem Vorwort der Neuauflage von "Kräuterkunde"

Wie kamen die Krankheiten, wie die Heilmittel in die Welt? Die östlichen Waldlandindianer erzählen dazu folgende Geschichte. Einst gab es weder Hunger noch Krankheit. Die Menschen lebten glücklich. Die Tiergeister schenkten den Jägern Wild, und die Frauen sammelten Wildgemüse, Wurzeln, süße Beeren und Nüsse. Aber im Laufe der Zeit wurden die Menschen achtlos und undankbar. Sie jagten mehr, als sie brauchten. Sie schlachteten ganze Herden ab, und die kleinen Tiere, die Käfer und Ameisen, zertrampelten sie rücksichtslos. Auch nahmen sich die Menschen nicht mehr die Zeit, mit den Tieren zu reden oder sie gar freundlich zu grüßen.

Bestrafung durch die Tiere

So konnte es nicht mehr weitergehen! Alle Tiere versammelten sich in einer Höhle tief im Berg unter dem Vorsitz des alten Weißen Bären, um zu beratschlagen. Nur die Hunde blieben der Versammlung fern, sie mochten die Menschen, halfen ihnen beim Jagen und bekamen dafür Knochen und Kot zu fressen und im Winter manchmal einen warmen Platz zum Schlafen. Die Tiere drängten darauf, die Menschen zu strafen. Da aber keiner von ihnen mit Pfeil und Bogen oder mit dem Kriegsbeil umzugehen wusste, entschieden sie sich für die Zauberei. Die Hirsche wollten den Jägern, die sich für das erlegte Wild nicht bedankten, Rheuma in die Glieder zaubern. Die Schlangen und Lurche entschieden sich, den Menschen schreckliche Alpträume zu schicken. Die Vögel wollten sie in den Wahnsinn treiben. Der Specht wollte den Frevlern pochende Kopfschmerzen schicken. Und die Käfer und Insekten, die am meisten gelitten hatten, dachten sich dermaßen schreckliche Seuchen aus, dass die Menschheit ganz von der Erde verschwinden würde. Damit waren aber die anderen Ratsmitglieder nicht einverstanden, also mussten die Insekten, deren Anführer ein Madenwurm war, diesen Entschluss zurücknehmen.

Bund mit den Pflanzen

Zum Glück waren die Pflanzen den Menschen wohlgesinnt. Sie freuten sich, wenn diese ihre Blüten bewunderten, wenn ihnen die saftigen Beeren schmeckten und wenn sie für die Bäume schöne Lieder sangen. So kamen sie überein, den Menschen zu helfen, sie würden ihnen Heilmittel gegen die Krankheiten geben. Nur mussten die Menschen zu ihnen kommen und sie danach befragen. Sie mussten ihre Medizinleute, die mit den Pflanzen reden können, zu ihnen schicken, wenn sie ihrer Hilfe bedurften.

Verlorenes Wissen

Ethnomediziner bestätigen, dass die Menschen seit der Altsteinzeit – und zwar kultur- und zeitübergreifend – effektive Therapien zur Gesundhaltung und Heilung kannten. Zu diesen Behandlungsverfahren zählen schamanische Praktiken (Techniken zur Hervorrufung erweiterter Bewusstseinszustände), Überhitzungstherapien (Schwitzhütten), Akupressur, Diät und vieles mehr. Vor allem aber kamen Pflanzen zum Einsatz. Jede Ethnie hatte ihre Kräuterkundigen. Das waren vor allem die Mütter und Großmütter, die ihre Erfahrungen weitergaben. Seit dem Zeitalter der Inquisition, aber auch der Aufklärung ist vieles von dem tradierten Wissen verloren gegangen. Es wurde im Zeitalter der „heroischen Medizin“ dämonisiert oder bestenfalls als Aberglaube, als „Altweiberkram“ der Verachtung preisgegeben und dem Fortschritt geopfert.

Pharmazeutische Massenproduktion

Zurzeit sind in Europa rund 90.000 Medikamente – Produkte der Pharmaindustrie mit unaussprechlichen Fantasienamen – auf dem Markt. Welcher Mediziner bewahrt da noch den Durchblick? Wer hat die Zeit, Abertausende, vor allem in englischer Sprache veröffentlichte neueste Forschungsresultate zu lesen? US-Amerikaner geben 14 % ihres Bruttosozialprodukts jährlich für ihre Gesundheit aus; bei den Europäern sind es kaum weniger. Da sollten wir doch alle vor lauter Gesundheit nur so strotzen. Dem ist aber leider nicht so. Trotz bester medizinischer Versorgung sterben in Deutschland jährlich 342.000 Menschen an Herz-Kreislauf-Versagen, 220.000 an Krebs, 800.000 sind von Arthritis betroffen und jeder Dritte leidet an Allergien und Autoimmunkrankheiten, die vor hundert Jahren praktisch unbekannt waren. Das Antibiotika-Zeitalter neigt sich dem Ende zu: Nicht beherrschbare Krankenhausinfektionen durch multiresistente Keime (MRSA) sind in den USA die vierthäufigste Todesursache.

Medikamente mit fatalen Nebenwirkungen

Oft haben Pharmazeutika Nebenwirkungen, die erst später erkannt werden. Unvorhersehbare Wechselwirkungen und persistierende Metaboliten belasten nicht nur den Mikrokosmos Körper, sondern auch die Natur. Zwischen 50 % und 90 % der synthetischen Medikamente werden nicht verstoffwechselt, das heißt, sie belasten Gewässer, Böden und Aufbereitungsanlagen. Um hier nur ein Beispiel dafür anzuführen: Die Anwendung von schmerzstillendem und entzündungshemmendem Diclofenac führte in kürzester Zeit zum Aussterben der Geier in Südostasien. Vielleicht haben wir uns in einem reduktionistischen medizinischen Paradigma verrannt. Vielleicht ist der Körper mehr als ein hochkomplexer Mechanismus. Vielleicht ist die Seele mehr als ein Bündel psychischer Reaktionen. Vielleicht erschöpft sich der Geist nicht in neuronalen Netzwerken und Synapsen. Und vielleicht wussten die alten Kräuterkundigen doch mehr, als wir ihnen heute zutrauen.

Auch „Unkräuter“ sind Heilpflanzen

Inzwischen wissen wir, dass Heilkräuter – auch die ganz gemeinen „Unkräuter“, die im Garten und unter der Hecke wachsen – Meister der molekularen Synthese sind. Seit sie vor mehr als 400 Millionen Jahren an Land gingen, haben sie sich erfolgreich mit Bakterien, Viren und Pilzen auseinandergesetzt. Moderne Forschungen haben inzwischen gezeigt, dass Pflanzen nicht nur Keime in unserem Körper in Schach halten können, sondern auch physiologische und psychologische Wirkungen zeitigen können. Heilpflanzen sind ökologische Medizin, deren Produktion keine teuren Fabriken benötigt, die die Umwelt nicht belasten und die weniger Nebenwirkungen besitzen.


 

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Wie ist das erfolgreiche Standardwerk von Wolf-Dieter Storl eigentlich entstanden?
In seinem Video erzählt uns der Kulturanthropologe und Ethnobotaniker die Geschichte seines Buchs "Kräuterkunde".

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