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Corona als Chance

Teil 1: Die Welt an einer Schwelle

von Dr. Wolfgang Krahé 

Die Corona-Pandemie stellt für die Welt in allen Ländern und allen Gesellschaften eine völlig neue Herausforderung dar. Vieles, was über viele Jahrzehnte selbstverständlich und sicher schien, gilt nicht mehr.

Einer neue Schwellensituation

Niemand kann voraussehen, wie sich die Pandemie noch auswirken wird, wie viele erkranken, wie viele sterben werden. Keiner kann sagen, ob und, wenn ja, wann eine Impfung so weit entwickelt sein wird, dass sie sicher einsetzbar ist. Eine ganze Reihe von Medikamenten wird diskutiert, und doch gibt es bislang keine auch nur einigermaßen eindeutigen Studien darüber, ob irgendeines davon wirksam werden könnte. Andere befinden sich in Entwicklung. Es gibt Hypothesen, wie diese Substanzen funktionieren könnten, aber eben nur Hypothesen. Dennoch wissen wir, dass viele Menschen diese Krankheit bereits überlebt haben, viele davon haben es möglicherweise nicht einmal bemerkt, erkrankt gewesen zu sein. Die Welt wird also weitergehen. In dem verzweifelten Versuch, die Pandemie, wenn sie schon nicht verhindert werden kann, so doch zu verlangsamen, sind wir alle mit Maßnahmen konfrontiert, die heilige, da tief gewohnte, Freiheitsrechte einschränken, und die weiter dazu führen, dass nicht nur das öffentliche Leben, sondern auch die Wirtschaft, unsere Lebensgrundlage, zum Stillstand kommen.

Unser Sicherheitsgefühl ist weg

Psychodynamisch bedeutet das, dass unser Sicherheitsgefühl mehr oder weniger weitgehend, je nach Individuum, aufgehoben ist. Zumindest in unserem Teil der Welt, das ist in anderen Ländern und Kulturen ganz anders, leben wir seit langer Zeit in einer Komfortzone, die deshalb komfortabel ist, weil sie uns die Illusion ermöglicht, das Leben sei weitestgehend sicher. Entsprechend haben viele Menschen das Gefühl, ihnen wurde der Boden unter den Füßen weggerissen. Vor kurzem standen sie subjektiv noch fest im Leben auf sicherem Grund. Jetzt spüren sie sich torkeln ohne Basis. Allzu viele merken, wie abhängig sie davon sind, dass ihre Umgebung stabil ist und die Welt sich so gestaltet, dass sie wissen, womit sie rechnen müssen. Man könnte bei vielen sagen, dass ihre Identität von außen definiert wird: vom Beruf, vom sozialen Umfeld, von ihren Rollen und den Erwartungen die andere an sie haben. In all diesen äußeren Aspekten waren ihre Wurzeln, die jetzt wirken wie herausgerissen.

Wie der Mensch sich in der Krise verändert

Menschen verändern sich stark, wenn sie ihre Sicherheit verlieren. Sie treten der Welt viel misstrauischer gegenüber, fühlen sich leicht angegriffen und bedroht. Ehedem ausgeglichene Personen wirken panisch, aggressiv, hyperaktiv bemüht, Ihre Situation in Richtung auf mehr Sicherheit zu verändern. Es werden Schuldige gesucht, Sündenböcke – die Chinesen, der Kapitalismus, die Strafe Gottes usw. Die Illusion, man könne den Dämon wie bei Rumpelstilzchen besiegen, indem man ihn beim Namen nennt, mag kurz beruhigen, hilft aber nicht nachhaltig. Wenn der Stress fortbesteht und die Sicherheit weiterhin fehlt, kommt es bei vielen zu einer Art Resignation bis hin zur Verzweiflung, die sich in einer Erstarrung ausdrückt. Man kann das den Totstellreflex nennen. Wenn jemand einmal in diesem Zustand ist, kann es ziemlich schwer werden, sich wieder zu öffnen. Meist ist dazu nötig, dass dem Betroffenen in vielfacher Hinsicht glaubhaft vermittelt werden kann, dass er sich zumindest aktuell in Sicherheit befindet. Wir können aus diesen Reaktionen lernen, dass eben jener Verlust an Vertrautem und Kontrolle und Selbstwirksamkeit ein wesentlicher Grund ist, weshalb im Rahmen der Corona Pandemie sehr viele Menschen heftige Ängste entwickeln. Wenn der französische Präsident Macron sagt, wir seien im Krieg, hat er insofern recht, als uns überall auf der Welt, insbesondere auch durch jede Begegnung mit anderen Menschen, das Schicksal ereilen kann, infiziert zu werden, vielleicht zu jenen zu gehören, die einen schweren Verlauf haben und vielleicht zu sterben.

Kontrollverlust

Wir sehen den Feind nicht, aber er droht, überall zu sein. Gerade die Sensibleren haben begriffen, dass sie sich nicht wirklich schützen können. Der Kontrollverlust ist total. Viele kennen von sich selbst oder von anderen Menschen, dass eine der häufigsten Strategien, Angst zu vermeiden, in dem Versuch besteht, das Leben zu kontrollieren. Die Illusion, das Leben im Griff zu haben, kann lange Zeit eine gute Hilfe dabei sein, die akute Angst zu verdrängen und den inneren Ängsten mit der Illusion gegenüber zu treten, sie zu bändigen, zu beherrschen … Wir versuchen zu kontrollieren, indem wir bestimmte zwanghafte Rituale vollziehen, indem wir unsere triebhaften Anteile mithilfe von Ethik und Moral an die Kette legen. Wir versuchen, die anderen zu steuern, indem wir von ihnen verlangen, Regeln, die wir für verbindlich halten, zu befolgen usw. usw. – und da ist nun das Virus, das sich um all diese Regeln und Verbindlichkeiten überhaupt nicht kümmert. Wir sind ausgeliefert, haben die Kontrolle verloren. Massive Ängste drängen ins Bewusstsein, Ängste, die schon lange vor dem Corona-Virus in uns lauerten. Ängste um den Verlust von Autonomie, Ängste vor Verlassenheit und Ausgeliefertsein und natürlich vor dem Tod. In gewisser Weise wird vermutlich jeder mehr oder weniger stark solche Ängste in sich tragen. Natürlich assoziieren sich die Inhalte der Ängste regelmäßig mit der ganz persönlichen Geschichte des Betroffenen.

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Trauma und Angst werden in dieser Zeit durch permanentes Informationsbombardement hervorgerufen. Wie können wir diese omnipräsente Angst in den Griff bekommen? Dieser Frage widmet sich Dr. Wolfgang Krahé im zweiten Teil seiner Beitragsreihe zur Corona-Pandemie. Ab 08.04. in unserem Online-Magazin.


Dr. med. Dipl.-Psych. Wolfgang Krahé ist Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, sowie Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Gemeinsam mit seiner Frau führt er eine psychiatrische psychotherapeutische Praxis. Zusammen mit Dipl.-ing. Heinz-Jürgen Weigt erarbeitete er die Organisationspsychotherapie und sie betreiben Bridge into life PartG, ein interdisziplinäres Beratungsunternehmen. 

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