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Corona als Chance

Teil 2: Umgang mit der Angst

von Dr. Wolfgang Krahé 

Tagtäglich werden wir ununterbrochen mit Neuigkeiten zur Entwicklung der Corona-Pandemie konfrontiert. Die logische Folge ist Angst. Nun ist es wichtig, einen gesunden Umgang mit dieser Angst zu finden.

Trauma und Ängste durch permanentes Informationsbombardement

Das scheinbare Versagen der sicherheitsgebenden Instanzen – Politik, Religion, eben jener, die Yalom die letzten Retter nennt, hat in gewisser Weise die Bedeutung einer mehr oder minder starken Traumatisierung. Der Berufsverband der EMDR Therapeuten (EMDR ist ein wesentliches Verfahren der Traumatherapie) warnt beispielsweise davor, dass man sich durch permanentes Sich-informieren über den neuesten Stand der Pandemie, selbst ein Trauma zufügen kann. Viele Menschen verbringen große Teile ihres Alltags mit der Entwicklung immer neuer, immer schlimmerer Katastrophenfantasien. Das permanente Bombardement mit neuen Informationen aus den Medien trägt hierzu sicher bei.

Stagnierende Erregung im Gehirn

Wir wissen aus der Traumapsychologie, dass Traumatisiertsein häufig darin besteht, dass eine Erregung im Gehirn stagniert und nicht abfließen kann. Gerade dagegen helfen moderne Traumatherapien wie EMDR sehr. D. h. natürlich nicht, dass die ganze Bevölkerung einer solchen Behandlung unterzogen werden muss. Es soll nur darauf hingewiesen werden, dass der Hintergrund vieler Ängste darin besteht, dass es eine Erregung gibt, die nicht oder noch nicht aufgelöst werden kann. Wie gehen nun die Menschen in ihrem Alltag mit ihrer Angst um? Da gibt es ganz verschiedene Formen - je nach Primärpersönlichkeit und Reife.

Umgang mit Angst

Ein häufiger Mechanismus besteht darin, dass gerade jene Menschen, die einen guten und nahen Zugang zu ihren Emotionen haben, in einer solchen Situation mit heftiger Angst reagieren. Die Fantasie einer Katastrophe bis hin zum Weltuntergang scheint in dieser Phase allgegenwärtig. Es ist fast so, als würden sie mit sich selbst eine Expositionstherapie durchführen mit dem Ziel einer systematischen Desensibilisierung. Wir wissen, dass die einzige Möglichkeit, Gefühle zu bewältigen darin besteht, sie zu fühlen und eben gerade nicht darin, sie zu vermeiden. Und in der Tat funktioniert die Methode, sich intensiv mit der Bedrohung auseinanderzusetzen. Das fantasierte Trauma kommt ständig ins Bewusstsein, es wird permanent überlebt und verliert schließlich im Lauf der Zeit seinen Schrecken. Man könnte sagen, es findet ein Friedenschließen mit dem Worst Case statt. Es ist auffällig, dass häufig gerade jene, die anfangs die meiste Angst haben, im Lauf der Zeit die Gelassensten werden. Sie haben die Bedrohung erkannt, sie haben sie in ihr Bewusstsein gelassen und sie haben sie integriert. Man könnte sagen, die traumatische, also beängstigende Energie wurde durch anhaltende und umfassende Konfrontation abgebaut.

Leugnen der Angst

Andere Menschen lassen die Bedrohung gar nicht erst an sich heran. Sie verleugnen die Pandemie, finden die Maßnahmen dagegen übertrieben. Manche boykottieren sogar die Bemühungen anderer. Wieder andere fühlen sich in ihrem Innern massiv bedroht, spalten diese Bedrohungsgefühle jedoch ab und suchen verzweifelt nach Ablenkung. Im Gegensatz zu dem ersten Bewältigungsmechanismus führen die letztgenannten natürlich nicht zu einer Bewältigung der Bedrohung im Sinne einer Integration. Gerade die Integration aber ist notwendig, um weniger Energie in die Abwehr zu investieren und so mehr Kraft zu haben für eine realitätsgerechte Auseinandersetzung.

Menschen brauchen andere Menschen

Leider setzt die geschilderte Fähigkeit, sich seinen Ängsten unmittelbar zu stellen, ein hohes Maß an psychischer Kraft und Reife voraus, die nicht allen Menschen zur Verfügung steht. Die meisten Menschen brauchen andere Menschen, um mit ihrer Angst fertig zu werden. Wir kennen diesen Mechanismus von Kleinkindern, die dringend körperlicher Nähe bedürfen, wenn sie von akuten Ängsten überschwemmt werden. Die meisten von uns haben erlebt, wie wunderbar sich ein weinendes Kind entspannt, wenn Mutter oder Vater es auf den Arm nehmen. Die Erregung geht dann auf die Eltern über. Das Kind entspannt sich, und alles ist gut.

Angst als energetisches Problem

Auch hier wird wieder deutlich, wie sehr die Angst ein energetisches Phänomen ist. Wir kennen das, wenn uns vor lauter Angst die Luft wegbleibt. Wir kennen das, wenn wir verzweifelt vor Angst anfangen zu hyperventilieren, um dadurch umso schlimmer in Panik zu geraten. Es geht darum, die blockierte Energie, die sich als Angst ausdrückt, ins Fließen zu bringen. Meist hört die Panik sofort auf, wenn ein Arzt in der Nähe ist, also eine Sicherheit gebende Elternfigur oder ein guter Freund, oder irgendjemand, in dessen Gegenwart ein Gefühl von Sicherheit und Aufgehobensein und Geborgenheit möglich ist.

Instanzen können helfen

Manchmal wendet sich die Seele gar nicht an eine konkrete Person, sondern an eine allgemeine Instanz, von der Geborgenheit und Rettung erhofft wird. Das sind oft Politiker. Ihnen wird der Überblick attribuiert, der einem selbst so bitter fehlt. Er oder sie soll die Macht und die Weisheit haben, im Austausch mit den Wissenschaftlern das Richtige für uns alle zu tun. Je stärker jemand dieses Vertrauen entwickelt, desto eher wird seine Angst nachlassen, und er kann zumindest vorübergehend entspannen. Das Gleiche passiert, wenn jemand sich an Gott wendet. Auch Gott kann man all jene Macht zuschreiben, die so nötig wäre, um des Virus Herr zu werden. Auch Gott wird unterstellt, dass es ihm ein Anliegen sei, uns zu beschützen. So kann das Gebet, wie der Papst in dieser Krise den Segen Urbi et Orbi zusätzlich spendet, uns helfen, und wir können aufatmen. Genau dieses Aufatmen wiederum ist das, was unsere in der Angst blockierte Energie in Gang setzt und uns so hilft, uns davon zu befreien und zu entspannen.

Konkretes Gegenüber

Oft reicht es nicht, sich innerlich an eine mehr oder weniger abstrakte Instanz zu wenden. In diesen Fällen ist es wesentlich, dass ein konkretes, vertrauenswürdiges Gegenüber präsent ist, das einen kommunikativen Raum erschafft, in dem meine Angst getragen wird und ich sie daher mit all der Verve, die ich fühle, äußern kann. Es reicht in der Regel nicht, nur um mein Gefühl zu wissen. Es muss, um bewältigt zu werden, ausgedrückt werden und zwar emotional authentisch und im Beisein und im Schutz eines vertrauenswürdigen anderen Menschen.

Partner

Wer Glück hat, hat einen Partner, dem er sein Gefühl zumuten kann in der Gewissheit, damit angenommen und ausgehalten zu sein. Leider ist es so, dass in vielen Beziehungen Gefühle nur sehr unzureichend ausgedrückt werden können. Mancher wagt nicht, seinem Partner wirklich die Angst und Schwäche zu zeigen, die gerade seine eigentliche Wahrheit ist. Dies ist natürlich ganz besonders in kollegialen Beziehungen der Fall. Viele wollen da stark erscheinen, souverän, tapfer und unbeirrbar, eben perfekt. Wer das versucht, muss damit rechnen, dass die verleugneten Ängste im Innern immer stärker werden und schließlich als Symptome an die Oberfläche dringen. Gleichzeitig lebt in fast jedem Menschen, gerade in den tapferen, die Sehnsucht, die innere Beunruhigung in all ihrer Intensität ausdrücken zu dürfen. Wahrscheinlich gab es in den letzten Jahrzehnten vor der Corona-Krise noch keine Zeit, in der dermaßen viele Menschen derart viel Angst hatten. Wenn sich zwei Ängstliche treffen, kann es passieren, dass sich die Ängste gegenseitig triggern und nach der Begegnung beide noch beunruhigter sind als vorher. Es kann aber auch passieren, dass die beiden, gestärkt durch die Begegnung, gemeinsam einen großen Teil ihrer Angst loslassen können.

Coaching/Psychotherapie

Wirklich hilfreich in einer solchen Situation ist oft die Zusammenarbeit mit einem erfahrenen Coach oder Psychotherapeuten, der menschlich die Kraft hat, die Angst seines Gegenübers zu ertragen, ohne sie durch billigen Trost beschwichtigen zu wollen. Ein Coach oder Psychotherapeut hat dabei zumindest zwei wesentliche Funktionen: Zum einen bietet er seinem Klienten den Raum, im Schutz dieser unterstützenden, Sicherheit gebenden Beziehung über seine aktuellen Ängste zu sprechen, was in aller Regel sofort zu einer großen Erleichterung führt. Zum anderen kann er dann, wenn bei diesem schon eine gewisse Entspannung eingetreten ist, mit seinem Klienten die Implikationen der aktuellen Situation für sein berufliches und privates Leben besprechen. Menschen in Panik treffen ganz oft falsche Entscheidungen, fühlen sich immer hilfloser und kopfloser. Erst in der Entspannung kann wirklich reflektiert werden, was geschehen soll.

Kontaktverbot - Einsamkeit

Besonders gefährlich bezogen auf die Entwicklung von Panik ist entsprechend natürlich das Kontaktverbot in der jetzigen Situation. Manche, nicht nur Singles, stellen jetzt fest, wie einsam sie hinter der geschäftigen Fassade ihres Alltags sind. Ganz viele haben ja gerade versucht, wie oben beschrieben, ihre Angst durch Aktivität und Kontrolle zu bewältigen. Verdammt zum Stillstand, kommen nun die verdrängten Ängste ins Bewusstsein. Oft hilft nicht mal mehr, wie sonst, der Alkohol. Durch das Kontaktverbot sind wir alle besonders darauf angewiesen, jemanden zu finden, der uns ein Stück Halt bietet. Manchmal ist die empfundene Leere so belastend, dass die Betroffenen sich an professionelle Helfer wenden.

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Können wir die derzeitige Krise auch als Chance nutzen, um Kraft aus der Begegnung mit uns selbst zu ziehen? Dieser Frage widmet sich Dr. Wolfgang Krahé im letzten Teil seiner dreiteiligen Beitragsreihe. Der Artikel erscheint am 14.04. in unserem Online-Magazin?


Dr. med. Dipl.-Psych. Wolfgang Krahé ist Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, sowie Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Gemeinsam mit seiner Frau führt er eine psychiatrische psychotherapeutische Praxis. Zusammen mit Dipl.-ing. Heinz-Jürgen Weigt erarbeitete er die Organisationspsychotherapie und sie betreiben Bridge into life PartG, ein interdisziplinäres Beratungsunternehmen. Heinz-Jürgen Weigt war nach seinem Studium der Ingenieurswissenschaften in verschiedenen Aufgaben im Management tätig. Als Führungskraft war es ihm schon früh ein Anliegen, ökonomische und humanitäre Interessen ins Gleichgewicht zu bringen.

Sieben Verlage unter einem Dach - Kamphausen.Media aus Bielefeld mit den Imprints jkamphausen, Aurum, fischer&gann, Theseus, Lüchow, LebensBaum sowie der Tao.Cinemathek verlegt seit über 35 Jahren Bücher in den Themenbereichen Persönlichkeitsentwicklung, ganzheitliche Gesundheit, Meditation, Spiritualität und Psychologie. Unser Ziel ist es, mit unseren Produkten jeden Menschen auf seinem Entwicklungsweg in seinen Talenten und seinem Bewusstsein, seinem Glück und seiner Essenz bestmöglich zu unterstützen.
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