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Jetzt erst recht!

Die innere Kraft Liebe-voll befreien

von Dr. Wiebke-Lena Laufer

An welche „Jetzt-erst-recht-Momente“ Ihres Lebens erinnern Sie sich ganz spontan? In welchen Situationen haben Sie gespürt, wie etwas in Ihnen groß wurde, als die Umstände, andere Menschen oder Ihr eigener innerer Kritiker Sie kleinmachen wollten?

Der erste "Jetzt-erst-recht-Moment"

Vielleicht fällt Ihnen eine Situation aus Kindertagen ein. Möglicherweise trauten Ihnen die „Großen“ dieses oder jenes nicht zu und Sie beschlossen: „Denen zeige ich es!“ Dann haben Sie voller Eifer danach getrachtet, sich selbst und anderen die Erfahrung zu bescheren, dass Sie eben doch zu dem in der Lage waren, was Ihnen schon im Voraus abgesprochen wurde. Gegebenenfalls gehören Sie auch zu den Menschen, die Ihre Leistungsfähigkeit gern durch sportliche Aktivität unter Beweis stellen. Dann erinnern Sie sich vielleicht an einen Moment, in dem Sie mit voller Intensität darauf hingearbeitet haben, Ihre bisherigen sportlichen Limitierungen auszudehnen und sie zu überschreiten. Sie wollten als Sieger aus einer Situation hervorgehen, die zunächst wenig erfolgversprechend aussah.

Herausfordernde Situation als Kraftmobilisator

Möglicherweise kennen Sie das „Jetzt-erst-recht-Gefühl“ sogar aus einer Situation, in der Sie sich existentiell bedroht gefühlt haben. Womöglich hat eine Gefahrensituation oder eine hoffnungslose Diagnose Sie dann vor folgende Wahl gestellt: Sie können aufgeben, wenn so vieles am seidenen Faden zu hängen scheint, oder Sie können die ganze Kraft in Ihnen mobilisieren und alles daran setzen, den Faden Ihres Lebens wieder zu stärken. Solche und ähnliche kleinen und großen Momente im Leben bringen uns auf Hochtouren. Sie bringen Kräfte in uns hervor, die viele von uns im Einerlei unseres Alltags meist gar nicht (mehr) bewusst spüren. Tag ein, Tag aus gehen wir gewohnheitsmäßig und damit unbewusst den Aktivitäten nach, für die wir uns an irgendeinem Punkt in unserem Lebenslauf entschieden haben. Für all das Gewohnte, was uns regelmäßig umgibt und dem wir den Namen „Leben“ geben, brauchen wir nicht einmal ein Bruchteil der Kraft, die tatsächlich in uns schlummert. Häufig besinnen wir uns erst dann wieder auf unsere innere Kraft, wenn irgendeine Irritation auftritt, etwas, das uns wirklich herausfordert. Vor die Wahl, ob wir uns tatsächlich auf unser ureigenes Kraftpotenzial besinnen oder nicht, stellt uns die Corona-Situation derzeit mit voller Wucht.

Dem inneren Rebell zuhören 

Die Kraft, die wir in unserem persönlichen Leben wie im Kollektiv wiederentdecken dürfen, ist die Lebenskraft selbst. Sie speist sich aus der einen großen, weisen, unbeschreiblichen Intelligenz allen Lebens, die uns ins Leben geliebt hat und unser physisches Dasein mit jedem Atemzug und jedem Herzschlag erhält. In Momenten der Gefahr, in denen unser begrenzter Verstand keinen Ausweg mehr kennt, oder in Augenblicken der Wut, weil etwas oder jemand uns herabgewürdigt hat, blitzt diese Lebenskraft in uns merkbar auf. Wie ein innerer Rebell tritt sie auf den Plan und reicht uns ihre Hand. Sie fragt: „Überlässt du mir die Führung?“ Dieser innere Rebell zeigt sich oft mit Vehemenz und verschafft sich gerade erst durch seine Heftigkeit unsere Aufmerksamkeit. Nicht selten fordert er uns dazu heraus, das bisher „Normale“ zu hinterfragen, es buchstäblich auf den Kopf zu stellen, es zu wandeln und zu ersetzen. Er ermahnt uns, nicht an den offensichtlichen Schwierigkeiten vorbeizusehen, sondern ihnen ehrlich ins Auge zu blicken, um sie zu überwinden. Er fordert von uns Einsatzbereitschaft, die uns unseren Weg in unsere eigene Freiheit bahnen kann, wenn wir den Rebellen in uns nicht zum Narren halten und ihn klein machen, sondern stattdessen den Mut aufbringen, ihm die Führung zu überlassen. Das erfordert tatsächlich Mut! Der innere Rebell in uns ist nämlich nicht bereit, sich ungeprüft allgemeingültigen Konventionen und vermeintlichen Selbstverständlichkeiten unterzuordnen, denen wir oft ganz automatisch entsprechen. Er rüttelt uns auf und zwar nicht, um zu zerstören, sondern um wiederherzustellen, was erschüttert oder gar verloren gegangen ist: unser natürlicher Ausdruck von Liebe!

Befreiung aus Beschränkungen 

Jedes „Du kannst das nicht!“ schmälert das Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit. Jedes „Das hat vor Ihnen noch keiner geschafft.“ dämpft den Enthusiasmus dahingehend, über die bisherigen eigenen wie fremden Höchstleistungen hinausgehen zu können. Jedes „Das wird schiefgehen.“ oder ein „Machen Sie sich bitte keine zu großen Hoffnungen.“ verleugnet die „Wunder des Lebens“, die viele selbst schon erlebt oder es bei anderen mitverfolgt haben. Immer dann, wenn wir der Lebenskraft Beschränkungen auferlegen, begehrt sie auf und bricht sich Bahn, wenn … ja wenn wir bereit sind, ihr die Führung zu überlassen. Das ist keine Kleinigkeit! Aber wie könnte es auch eine Kleinigkeit sein, wenn wir genau dadurch, die Lebenskraft in uns wieder zu befreien, in unsere eigene Großartigkeit hineinreifen können? Jede „Großartigkeit“ jedoch beginnt ebenfalls klein, mit dem ersten Schritt. Welche Schritte also sind es, die wir konkret tun können, um wieder Zugang zu unserer inneren Kraft zu finden, die viele von uns haben einschlafen lassen oder sogar aktiv unterdrücken?

1. Entschluss für die Liebe

Wie gesagt, will der innere Rebell nicht zerstören, sondern die Liebe in uns selbst und um uns herum wieder ins Erblühen bringen. Viele der Dinge, die wir automatisch oder gezwungenermaßen tun, sind nicht aus Liebe entstanden, sondern aus Angst. Da ist die Angst, aufzufallen und abgelehnt zu werden, Da ist die Angst, Fehler zu begehen und kritisiert zu werden. Da ist die Angst, eigene Nachteile ausbaden zu müssen und allein mit unangenehmen Handlungsfolgen dazustehen. Am Anfang steht also erst einmal der Entschluss, sich mehr und mehr für ein Fühlen, Denken und Handeln aus Liebe heraus zu entscheiden, statt Ängste herrschen zu lassen.

Praxistipp: Schreiben Sie drei Situationen in Ihrem Leben auf, in denen Sie aus Liebe gehandelt haben, ohne Rücksicht auf negative Folgen, sondern einfach deshalb, weil Sie wussten, dass es richtig war. Dann fragen Sie zu jeder Situation einzeln: Was hat mich in dem Moment dazu bewegt, so zu handeln?

2. Der inneren Kraft begegnen

Nun sind da aber diese Ängste und je nach persönlichem Temperament auch Vorbehalte, sich hinauszuwagen und „ver-rückte“ Dinge im Namen der Liebe zu tun, statt sich angstvoll und schwach wegzuducken. Wir kommen allerdings nicht umhin, uns ehrlich anzusehen, unsere Gewohnheiten, Tendenzen, Vorlieben und Abneigungen, unsere Sorgen und auch persönlichen Themen. Nur, wenn wir uns und anderen nicht länger etwas vormachen, sondern uns klar vor Augen führen, wo wir nicht im Namen der Liebe handeln, bekommen wir wieder Zugang zu unserer inneren Kraft. Insbesondere die „kleinen“ Alltagsschwindelleien, die sich viele von uns aus Selbstschutz und Trägheit angeeignet haben, müssen aufgedeckt und konsequent abgelegt werden.

Praxistipp: Schreiben Sie drei Situationen auf, in denen Sie aus Angst gehandelt haben. Wie hat es sich angefühlt, nicht den Weg zu gehen, der Ihnen „eigentlich“ richtig vorkam, sondern den Weg, den Ihnen die Sorge einflüsterte? Was hätten Sie gebraucht, um aus Kraft, statt aus Schwäche zu handeln? Ein Weg aus der selbst erzeugten Kraftlosigkeit ist wertegeleitetes Handeln! Fragen wir uns: „Was würde die Liebe jetzt tun?“ und handeln wir danach!

3. Machen, machen, machen!

Wenn wir uns erstens fest dazu entschlossen haben, mehr und mehr auf dem Weg der Liebe zu wandeln, und zweitens erkannt haben, wo in unserem Leben wir uns und anderen etwas vormachen, wo es noch Ängste und Vorbehalte gibt, dann können wir im nächsten Schritt für konkrete „Kraft-Erfahrungen“ sorgen. Wir können uns kleine Alltäglichkeiten vornehmen, um (wieder) in Kontakt mit unserer eigenen inneren Kraft zu kommen. Vielleicht heben wir vor den Augen anderer Müll auf der Straße auf, den jemand dort hinterlassen hat. Vielleicht lassen wir uns nicht mehr auf Lästereien und Abwertungen ein, sondern suchen stattdessen nach Möglichkeiten, positiv über uns selbst und andere zu sprechen. Die Möglichkeiten, um ins Handeln zu kommen, sind schier unzählig.

Praxistipp: Suchen Sie sich zunächst ein einfaches Übungsfeld. Fragen Sie sich: In welchen Situationen meines Lebens oder gegenüber wem fühle ich mich oft eher schwach als in meiner Kraft? Was könnte ich ganz konkret in diesen Angelegenheiten tun, um mich mehr in meiner Stärke zu erleben?

Kraftpotenzial Schritt für Schritt entfalten

Je öfter Sie dem inneren Rebell in Ihnen, der Sie auf Wege der Liebe führen möchte, Beachtung schenken, sich von ihm leiten lassen und umsetzen, was er Ihnen gebietet, desto mehr Erfahrungen werden Sie machen, die Sie das unermessliche Kraftpotenzial in Ihnen zuerst erahnen und es dann Schritt für Schritt entfalten lassen. Eine Erfahrung von gelebter Kraft strahlt in unterschiedliche Richtungen aus. Wenn es Ihnen also erst einmal gelungen ist, sich an einer Stelle für den Weg der Liebe zu entscheiden und zu erleben, wie Sie dadurch noch mehr in Ihre innere Kraft kommen, ermutigt Sie das, diese Erfahrung auch in anderen Bereichen Ihres Lebens zu initiieren. Letztendlich profitieren dann nicht nur Sie selbst davon, sondern auch diejenigen, die das Glück haben, Ihnen – einem Menschen, dessen Handeln von kraftvoller und lebendiger Liebe bestimmt ist – zu begegnen.

Jeder noch so kleine Schritt zählt! Fangen Sie deshalb noch heute an!


Zur Vertiefung des Lebensthemas „Potenzialentfaltung“, zur eigenen Weiterarbeit und praktischen Anwendung:

Dr. Wiebke-Lena Laufer: Wege zum Ich. Klar, selbstbestimmt und kraftvoll leben, jkamphausen, Bielefeld 2019, S. 169-176.

Weitere Informationen zum Buch: wegezumich.com

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