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Wo sind die Menschen so toll wie du?

Hochsensibilität neu erzählt, Episode 3

von Tina Akua Reimer

Tina Akua Reimers Vater kommt aus Ghana, ihre weiße Mutter aus Deutschland. In der großen Rassismus-Diskussion der vergangenen Wochen und Monate vermisst sie einen Aspekt ganz besonders: die echte Begegnung. Sie wünscht sich, dass die Menschen aufhören, nur mit den Augen zu sehen.

Vor ein paar Wochen hast du mir einen Artikel weitergeleitet, den eine Schwarze Mutter verfasst hat. Darin ging es um Ihre Erfahrungen in einer KITA in einem vermeintlich weltoffenen Stadtteil, und um die verschiedenen Nuancen von Alltagsrassismus, die sie und ihr Kind dort erlebt hatten. Du hast mich gefragt, wie meine Meinung dazu ist.

Ich bezeichne mich selbst als Halbschwarz. Ich bin mit einem weißen deutschen Mann verheiratet, und wir haben zwei Söhne – der jüngere hat meine Hautfarbe, der ältere die meines Mannes.
Ich konnte fühlen, dass die Mutter sich in der KITA sehr allein gefühlt hat. Die große Resonanz auf diesen Artikel hat mich aber auch in einem Gefühl bestätigt, das ich in den letzten Wochen immer wieder wahrgenommen habe. Eine Wahrnehmung, mit der ich mich wiederum sehr allein fühle. Viele Leute, die sich tendenziell benachteiligt fühlen im Leben, bekommen durch diesen „Seitenwechsel“ endlich Aufmerksamkeit. Man wird gehört, und die Dinge, die sonst scheinbar niemand hören will, bekommen auf einmal Raum. Das ist gut.
Ich habe aber auch den Eindruck, dass aufgrund der großen Präsenz des Themas, viele auf den Zug aufspringen ohne vorher innezuhalten und sich selbst zu hinterfragen: Worum geht es mir eigentlich in dieser gesamten Situation?
Mir ist das oft viel zu pauschal. Da gibt es Bücher, in denen Menschen darüber schreiben, was „weiße über Rassismus nicht wissen wollen.“ Ich frage mich hingegen: Geht es denn wirklich immer um Rassismus? Und wer gehört überhaupt alles zu der vielzitierten „weißen Mehrheitsgesellschaft“? Auch der Italiener, der einer Gastarbeiterfamilie entstammt, oder jemand, der in den 90ern aus dem ehemaligen Jugoslavien nach Deutschland geflüchtet ist? Geht es wirklich um Rassismus, oder geht es um die Diskriminierung von Schwarzen? Meinem Empfinden nach geht es in der aktuellen Diskussion vor allem ums „Schwarz sein“, um das Beleuchten der „Schwarzen Seite“, aber lässt sich diese überhaupt verallgemeinern?

Ich kann keine Menschen bekehren, die komplett anders aufgewachsen sind

Ich bin mit vielen Schwarzen in meinem Umfeld aufgewachsen. Viele von ihnen hatten Identitätsprobleme. Ich selbst werde in Deutschland als Schwarze wahrgenommen, in Ghana hingegen als weiße. Ich beobachte, dass viele, die solche Themen mit sich herumtragen und sich scheuen, sich mit ihnen auf einer persönlichen Ebene auseinanderzusetzen, die Schuld nicht unbedingt im Außen suchen, sie aber jetzt finden: „Die Außenwelt hat Schuld.“
Das hat für mich persönlich jedoch weniger mit Rassismus zu tun als mit dem eigenen Schmerz und mit der eigenen Geschichte, die aufgearbeitet werden will. Auch wenn es da Situationen und Erfahrungen gibt, die eindeutig rassistischer Natur sind. Im Osten etwa herrscht in jedem Fall eine noch größere Fremdenfeindlichkeit, und ich möchte in bestimmten Gebieten ganz sicher nicht wohnen. Ich muss nicht jeden Tag leiden, aber vor allem kann ich kann keine Menschen bekehren, die komplett anders aufgewachsen sind.

Ich würde mir vielmehr wünschen, dass wir nicht alles aufs „Schwarz sein“ beziehen, sondern auf das „Mensch sein“ an sich. Ich glaube fest daran, dass man sich erstmal mit sich selbst befassen sollte, bevor man anfängt zu klagen oder andere als schuldig zu benennen. Zunächst einmal wissen ganz viele Menschen nicht, was sie mit ihren Aussagen beim anderen bewirken, damit setzen sich die meisten ja gar nicht auseinander. Ich glaube zweitens, dass niemand grundsätzlich wirklich an dem anderen interessiert ist. Wir sind in einer totalen Ego-Gesellschaft, wo jeder nur darauf bedacht ist, dass es ihm selbst gut geht. Ich will, dass es mir gut geht, und dann meinen Liebsten. Aber ich tue in allererster Linie alles dafür, dass es mir gut geht. Wenn ich mich jetzt also mit Rassismus befasse, dann kann ich für mich sagen, ah ja, guck mal, ich bin ein guter Mensch, ich habe alles richtig gemacht! Korrekt, ich lauf in der Spur!
Dieses ganze "Wir lesen jetzt Bücher", das macht man ja nicht für jemand anderen, das macht man für sich. Das ist auch so typisch deutsch für mich: Es gibt eine Checkliste, man hakt das ab, und wenn man das erledigt hat, dann ist man ein guter Mensch!  

Ich kann die Verantwortung nicht abgeben

Natürlich ist das zweischneidig, denn ich bin auf jeden Fall dafür, dass sich die Menschen mit Rassismus und Diversität auseinandersetzen, dass die Diskussion stattfindet, und dass es Gerechtigkeit gibt. Doch ich kann die Verantwortung nicht abgeben. Das ist aber das, was in großen Teilen dieser Diskussion meines Erachtens passiert, dass die Verantwortung abgegeben wird, indem sich das Außen, die "Stärkeren", bewusst werden sollen, dass sie andere unterdrücken. Und dass sie dann aufhören, die anderen zu unterdrücken. So funktioniert das aber nicht. Mir scheint, dass man mit dem, was jetzt passiert, erreichen möchte, dass die „Stärkeren“ Nischen aufmachen, in die die vermeintlich Schwächeren reinkönnen. Doch das ändert nichts an dem eigentlichen Kräfteverhältnis. Die, die sich als unterdrückt wahrnehmen, die sollten eine Kraft entwickeln, dass sie irgendwann auf Augenhöhe sind. Noch aber liegt die Verantwortung noch immer bei den weißen: Wenn die sich ändern, dann geht es den anderen gut.

Die Mutter aus dem KITA-Artikel schrieb, dass sie anfangs noch nicht so reflektiert war, und dass sie sich nicht getraut hatte, etwas zu sagen. Vielleicht hätte sie sonst aufstehen und sagen können: „Hey Leute, ganz ehrlich, geht gern euren Weg, aber das ist keine Einrichtung für mein Kind, ich gehe dahin, wo die Leute schon einen Schritt weiter sind!“ Dann wäre sie aus der Opferrolle rausgekommen, und wenn dann eine Diskussion entstanden wäre, dann wäre die vielleicht auf einer ganz anderen Ebene entstanden.
Ich frage mich: Wenn ich mich irgendwo nicht wohlfühle, warum muss ich denn dahin? Warum muss ich mich überhaupt immer gut fühlen? Wo ist die Gerechtigkeit darin, dass ich sagen kann, „Alles läuft spitze?“ So läuft das Leben nicht, es geht hoch und runter, und solche Erlebnisse sind für einen Menschen und seinen Charakter wichtig. Damit meine ich nicht "Du brauchst schlechte Erfahrungen", das würden viele Menschen vielleicht falsch empfinden. Und doch ist es ist so: Erst mit Feedback fange ich an, mich mit mir selbst auseinanderzusetzen, und das kann nicht nur positives Feedback sein. Negatives Feedback hilft mir, mich zu entwickeln, aber ich habe oft das Gefühl, die meisten Menschen wollen immer nur Gutes hören.

Du hast die Chance, den anderen vom Gegenteil zu überzeugen

Was in den USA passiert, das ist ganz schlimm. „Black Lives Matter“ hat dort eine ganze andere, buchstäbliche Bedeutung. Auch hier gibt es Polizeigewalt, aber was in den USA oder Südafrika oder überall dort, wo man es mit Militärgewalt zu tun hat, passiert, das ist eine ganz andere Liga. Da kann man zwar sagen, das ist ja nicht immer systematisch gegen Schwarze, aber was ist mit den Verfolgungen von Muslimen, Christen, Hindus, von  Menschen mit anderen Glaubensvorstellungen? Da geht es nicht um dein Äußeres, sondern um deine Persönlichkeit, da wirst du persönlich verfolgt, und bei dieser "Schwarz/weiß"-Diskussion geht es ja „nur“ um ein äußeres Merkmal. Das heißt du hast ganz oft die Chance, den anderen vom Gegenteil zu überzeugen – wenn beide bereit sind, sich darauf einzulassen.

Momentan geht es auch ganz viel um die „Form“, um korrekte (Selbst)Bezeichnungen, Schreibweisen, Groß- und Kleinschreibung. Ich glaube schon, dass das ein Zeichen von Respekt ist, wenn man darauf achtet, die richtigen Vokabeln zu benutzen, und andere eben nicht oder nicht mehr. Entscheidend ist aber, ob sich das Gefühl dahinter ändert. Also, dass man nicht denkt, „ich habe das jetzt richtig gemacht, die richtigen Wörter benutzt und so weiter,“ sondern ob man das auch fühlt, also ob sich auch im Herz was ändert, und nicht nur in den Köpfen. Was aufhören muss, ist, nur mit den Augen zu sehen, sondern wahrhaftig zuzuhören, wie es meinem Gegenüber wirklich geht, und dafür muss ich kein Buch lesen. Dafür muss ich in den Kontakt treten. Dafür muss ich Menschen begegnen, und genau das ist der Knackpunkt für mich. Man begegnet sich nicht mehr. Alle sind in ihrer Welt unterwegs, machen ihr Ding, aber wann findet wirklich mal eine Begegnung auf der emotionalen Ebene statt? Wann sagt man zu seiner Freundin oder zu seinem Freund: „Mir geht es heute überhaupt nicht gut!“ Und dass der andere das dann nimmt, ohne es sofort auf sich zu beziehen – wann findet diese Ehrlichkeit statt? Und dann soll man das mit einem Fremden machen?

Die Geschichte, die du einem Menschen gibst, hat selten etwas mit der Realität zu tun

Wenn mir jemand Einblick in sein Tiefstes gibt, mir seinen Schatz zeigt, dann geht es nicht darum zu sagen, dass man selbst wieder der Schatz ist, der die Lösung parat hat, sondern darum, den anderen einfach so zu nehmen. Sich darauf einzulassen und auf dieses Gefühl, das es da jemand anderem gerade nicht gut geht. Und genau das finde ich auch in dieser „Schwarz/weiß Diskussion ganz wichtig: Wenn ich nur erzähle, dass ich durch die Straßen gehe und komisch angeguckt werde, dann kann das ein Mensch, der das noch nicht erlebt hat, nicht nachvollziehen, ob es in einem Buch steht oder nicht. Wenn wir aber über die Gefühle sprechen, die dahinter stehen, über Traurigkeit, darüber, nicht dazuzugehören, über Ohnmacht, Angst und Wut, dann kann das jeder nachvollziehen. Ich würde mir so wünschen, die Hautfarbe mal rauszunehmen und einmal nur den Menschen zu sehen.
Mein Zwillingsbruder ist Filmemacher, und wir hatten schon vor der ganzen Diskussion die Idee, das Thema filmerisch umzusetzen. So, dass man einmal nur die Perspektive eines Schauenden sieht. Der Zuschauer stellt sich vor, wen er da wohl vor sich sieht, und jeder bekommt eine klare Vorstellung, am Ende des Films ist es aber jemand ganz anderes. Wenn du Bilder siehst, packst du die Menschen in eine Schublade und gibst ihnen eine Geschichte, und die hat selten was mit der Realität zu tun.
Stell dir vor, jemand in einem Buch über Rassismus schreibt, dass sie ihren Vater aus Togo nie kennengelernt hat, und dass sie in der Schule gemobbt wurde, dann hast du sofort ein Bild von einem kleinen unschuldigen Wesen. Vielleicht schreibt sie weiter, dass sie sich dann emanzipiert und ihre „Black Power“ in sich entdeckt hat. Das ist eine bemerkenswerte Geschichte, aber vor allem ist es eine individuelle Biografie. Ich bin ganz anders aufgewachsen, auf mich trifft diese Geschichte nicht zu. Wenn du jetzt also dieses Buch liest, auf mich triffst und dann denkst, „Ich kenn mich ja jetzt aus“, dann wäre das eine totale Fehlleitung! (lacht). Dann denke ich: „Was erzählst du mir denn da, ist das über jemanden im Krieg? Da kenn‘ ich mich gar nicht aus!“ Und das ist das Fatale, von wegen, „Mach das, lies das, lies dies, dann kennst du dich aus!“ Nein, so läuft das nicht. Das ist das, was mich momentan so schmerzt, mir kommt es vor, als schließt sich vielmehr, als dass sich etwas öffnet.

Ich behandle meine Kinder unterschiedlich – aber nicht wegen ihrer Hautfarbe

Vieles, was ich in den letzten Wochen gelesen habe, war mir sehr fremd. Ich habe gelernt, selbstbewusst zu sein. Ich habe mich mit viel mit mir auseinandergesetzt, viel an mir gearbeitet. Ich weiß, dass niemand dafür verantwortlich ist, dass es mir geht, wie es mir geht. Wenn es mir in einem Umfeld nicht gut geht, dann versuche ich, in ein anderes Umfeld zu gehen. Ich habe mal gesagt, „Ich glaube, mein Mann weiß gar nicht, dass ich schwarz bin“, und im übertragenen Sinne ist da schon was dran. Wir führen eine ganz normale Ehe, dieses Thema ist zwischen mir und ihm nie ein Thema, und zwischen unseren Söhnen auch nicht. Klar haben sie mal gefragt, und dann sagen wir: „Das hast du von Mama und das hast du von Papa“. Meine jüngeren Halbgeschwister wiederum sind ganz dunkel, wir hatten Au- Pairs aus der ganzen Welt, und das ist alles völlig selbstverständlich.

Ich fände es auch fatal, Literatur auszulöschen, in der fremdenfeindliche Passagen sind, denn auch sie sind Teil der Geschichte, damit muss man sich auseinandersetzen. Besser fände ich, sie entsprechend zu überarbeiten oder mit Hinweisen zu versehen. Das ist Wissen, das ist Information, das finde ich ganz wichtig. Bei unseren Kindern führe ich nicht „verpflichtend“ Literatur ein, die sich mit Rassismus befasst, sondern ich hole das, was ich schön finde, beziehungsweise ich folge dem Interesse meiner Kinder. Natürlich behandle ich meine Kinder unterschiedlich, aber deshalb, weil sie verschiedene Charaktere sind und unterschiedliche Interessen haben und nicht, weil ihre Hautfarbe nicht die gleiche ist. Manchmal kommt es mir so vor, als würde die Außenwelt dies erwarten, und genau das ist das Ding: Es kommt von außen. Alles, was aus dem Innern meiner Kinder kommt, das unterstütze ich, aber ich lasse mich nicht instrumentalisieren und werde nicht damit anfangen, meine Kinder deswegen anders zu behandeln. Wenn wir uns zuhause mit Rassismus beschäftigen, dann mit beiden. Es kann ja sein, dass mein größerer Sohn mal in ein Land geht, in dem er zu den wenigen weißen Menschen zählt, dann muss er auch mit dem Thema klar kommen und wissen, was das bedeutet.

Spannend ist, wer jetzt gerade laut wird

Als er noch ein Baby war, da wurde ich auch schon einmal für seine Nanny gehalten, das hat mich im ersten Moment sehr traurig gemacht. Inzwischen sehe ich das aber differenzierter, und ich nehme solche Vorurteile als Unwissenheit, aber nicht mehr als eine böswillige Anfeindung wahr. Es ist im Übrigen auch ein großer Unterschied, ob zum Beispiel jemand aus Ghana erst vor zwei Jahren hierhergekommen ist, oder ob er oder sie so wie ich in Deutschland aufgewachsen ist. Spannend finde ich, zu beobachten, wer jetzt gerade laut wird in dieser ganzen Diskussion. Das sind nicht die, die geflüchtet sind oder erst seit kurzem hier leben und mit ganz anderen Problemen konfrontiert sind. Die, die die gerade in den Medien stattfinden, das sind andere, und manchmal denke ich dann schon: „Ist es wirklich der Rassismus, der dich umtreibt, oder ist dein Thema eigentlich ein anderes?“
Was ist zum Beispiel rassistisch an der Frage, wo jemand herkommt? Wenn es die erste Frage ist, dann ist es sicher etwas zu privat, doch ich finde es überhaupt nicht schlimm, wenn es sich im Laufe des Gesprächs ergibt. Man kann das als Angriff nehmen, oder aber als Chance. Man hält ja auch etwas von sich zurück, wo es total spannend werden könnte. Mein Bruder meinte, er findet das rassistisch, wenn er nach seiner Herkunft gefragt wird. Er sagte: „Ich will, dass die Menschen wissen, wer ich bin.“ Und dann habe ich gesagt, „Das ist ja interessant, weil das bist du ja!“

Es ist interessant zu wissen, dass deine Eltern aus einem anderen Land kommen, wie du aufgewachsen bist, und wie du geprägt worden bist. Wenn ich das nicht mehr fragen darf, dann bleiben mir auch die Antworten verwehrt. Ich sehe dann nur, da ist jemand, dessen Vorfahren ursprünglich nicht aus Deutschland kommen. Ich mag Menschen wirklich gerne, ich bin neugierig, und ich finde es spannend, wie Menschen über sich reden, welche Worte sie benutzen. Manchmal merke ich, da haben sie anscheinend ein Thema, und wenn es für den anderen in Ordnung ist, dann gehe ich auch mal dahin, wo es wehtut. Das ist für mich echte Begegnung, aber genau die lassen viele nicht zu.
Manchmal sieht man jemanden, ist beindruckt und findet den toll. Dann möchte man mehr über denjenigen erfahren und denkt, „dieses tolle, das kann vielleicht gar nicht aus Deutschland kommen“, und dann möchte man wissen, wo die Menschen so toll sind wie dieser Mensch. Und wenn Menschen sagen, wenn ich nicht Schwarz wäre, dann würdest du mich das nicht fragen, dann sage ich: Doch. Weil es mich wirklich von Herzen interessiert.

Ein Rückschritt unter dem Deckmantel der Gleichheit

Vieles an dieser öffentlichen Diskussion finde ich richtig und wichtig. Aber einige Dinge beobachte ich mit einer gewissen Sorge. Für alles Regel und Normen zu finden, das macht unfrei, das beschränkt und geschieht aus meiner Sicht aus einer großen Angst heraus. Viele Menschen sind orientierungslos, die wenigsten Menschen wissen, was sie wollen, und diese Diskussion hilft, endlich mal was zu finden, „was man hat“. Ich kann mitreden, und es gibt andere Menschen, mit denen ich mich verbünden kann. Das hat weder was mit meiner Religion zu tun oder mit meinem Bildungsstand noch mit meinen persönlichen Interessen – aber die optischen Merkmale, die kann ich in zwei Lager klassifizieren, in Schwarz und in Weiß. Für mich ist das ein Rückschritt, der unter dem Deckmantel der Gleichheit passiert. Dagegen wehre ich mich extrem. Manche Menschen haben zu mir gesagt, ich würde etwas in meiner eigenen Geschichte verdrängen. Wenn ich sie dann frage: „Aber worum geht es dir denn eigentlich?“, dann bekomme ich fast immer die gleiche Antwort: „Es geht um den Alltagsrassismus, das ist doch alles instrumentalisiert!“

Mir ist die Art und Weise, wie diese Diskussionen geführt werden, oft zu intellektuell. Ich bekomme dann Kopfschmerzen, ich kann es einfach irgendwann nicht mehr nur „denken“.
Ich spüre, dass es da noch um etwas anderes geht, aber darüber spricht niemand. Um die eigene Betroffenheit, den eigenen Schmerz, die Enttäuschungen, vielleicht auch manchmal um die eigenen Unzulänglichkeiten. Um die eigene Geschichte. Um darüber nicht sprechen zu müssen, bringe ich stattdessen mein Gegenüber in Bedrängnis, und diese Bedrängnis löst etwas aus, was der- oder diejenige vielleicht gar nicht machen möchte, und was gar nicht zu ihm oder ihr passt. Ich zwinge den anderen, sich mit Dingen auseinanderzusetzen, die für diesen Menschen (noch) gar nicht relevant sind, anstatt mich zuerst mit mir selbst auseinanderzusetzen. Erst dann kann ich mich dem anderen wirklich öffnen, und dadurch geschieht dann vielleicht genau das, was viele gerade versuchen, mit Workshops und Büchern und mit intellektueller Argumentation zu erreichen: Dass mir der andere wirklich begegnet und dadurch auch selbst wirklich bereit ist, sich zu öffnen. Erst für mich als Mensch, und dann für das Thema insgesamt.

Was kann ich für dich tun, was ist deine Geschichte?

In dieser Wahrnehmung fühle ich mich manchmal ganz schön einsam, weil das meiste, was ich lese, in eine ganz andere Richtung geht. Dieser aggressive Grundton macht mich traurig, und die Dinge, die Probleme, die wirklich bestehen, die werden gar nicht angesprochen. Mein jüngerer Bruder wurde schon einmal fälschlicherweise für einen Dealer gehalten, aber ist das das eigentliche Problem? Ich frage mich, warum tut keiner was für diese Menschen, damit sich dieses Klischee des Schwarzen Dealers ändert? Wieso muss sich jetzt die Gesellschaft ändern, wenn das Bild an sich doch aber bleibt? Wie soll ein Polizist differenzieren können: „Ist das ein Dealer oder nicht?“ Die eine Sache ist, auf die Straße zu gehen und zu sagen, „Mein Bruder wird für einen Dealer gehalten“, die andere, mal zu einem Schwarzen Dealer hinzugehen und zu sagen, „Was kann ich für dich tun, was ist deine Geschichte?“ Das passiert aber viel zu selten. Das intellektuelle Niveau, auf dem diese Diskussion vor allem in den Medien geführt wird, die spricht eine bestimmte Zielgruppe in den Köpfen an, aber sie berührt nicht im Herzen – oder zu wenig, um dort wirklich etwas zu verändern.


Tina Akua Reimer, Jahrgang 1982, ist in Hamburg-St.Pauli aufgewachsen. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen auf dem Land.

Dieser Artikel ist Teil des Blogs What's your Story - Hochsensibilität neu erzählt
Hier gibt Autorin und Story Coach Sabrina Görlitz hochsensiblen Menschen die Möglichkeit, ihre ganz persönliche Geschichte zu erzählen und endlich gehört zu werden.

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