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Pfeile zur Sonne

Hochsensibilität neu erzählt, Episode 4

von Caroline Wendt

Diese Geschichte ist auf einem Langstreckenflug nach Tokio entstanden. Hoch über den Wolken hat Caroline Wendt mit der wundervollen Parabel über Kleine Elfe und den Indianer das (irdische) Ende einer großen Liebe Revue passieren lassen – und eine mögliche Antwort auf die große Frage gefunden, worum es in einer Seelenbegegnung wirklich geht.

Mitfühlend betrachtete der Indianer den Flügel. Er schien seltsam abgewinkelt. Vermutlich war er gebrochen und das Adler-Weibchen hatte auf dem Felsen notlanden müssen. Wie lang sie wohl schon hier gelegen hatte? Vorsichtig streckte er die Hand aus und streichelte ihr über den Kopf. Sie öffnete die Augen. Müdigkeit und Erschöpfung spiegelten sich im Licht der Abenddämmerung. Alles was der Indianer an Adlern liebte und verehrte, ihren Stolz, ihre Tapferkeit, ihre unbändige Kraft und Weisheit, all das schien weiter weg zu sein, als er es bei einem solchen Wunder der Schöpfung je erlebt hatte. Apathisch blickte der Greifvogel in an. „Hey, ist da jemand zu Hause“? fragte er aufmunternd. Er spürte ihren Willen zu reagieren, doch nichts geschah.

Da es bald Nacht wurde und er fühlte, dass ein harter Winter bevorstand, beschloss er, sie zu sich zu nehmen. Er wusste nicht, was ihr bisher geschehen war, doch er kannte Wege der Heilung. Er würde alles Nötige tun, um diesen Vogel wieder in der Luft zu sehen. „Na komm her, du kleine Elfe des Himmelreichs. Wäre doch gelacht, wenn wir das nicht hinbekämen“. Behutsam hob er seine neue Aufgabe vom Boden auf und drückte sie an die Wärme seiner Brust. Kleine Elfe schien  weder etwas gegen ihren Namen zu haben, noch hatte sie die Kraft, sich zu wehren. So ließ sie alles mit sich geschehen, unfähig, auch nur einen Flügelschlag zu tun.

An seinem Tipi angekommen, entzündete der Indianer ein Feuer und kochte Mais mit Bohnen. Sie würden beide Kraft brauchen. Schließlich legte er den verletzten Vogel für die Nacht auf eine große, bunt bestickte Decke. Als er sich vorsichtig danebenlegte, sah er Kleine Elfe zum ersten Mal tief in die schwarzen Adleraugen. Die Überraschung traf ihn mitten ins Herz. Etwas blickte in aller Klarheit zurück. Liebevoll, unendlich weise und mit einer Würde, die nicht von dieser Welt zu kommen schien. Das gesamte Himmelreich lag funkelnd im Glanz ihrer kleinen Pupillen. Es war dieser winzige Moment, der ihm die heilsame Erinnerung an jene kosmische Wahrheit offenbarte, die er selbst schon fast vergessen hatte. Er atmete lang und tief ein, traute sich aber nicht zu blinzeln, aus Angst, den Moment wieder zu verlieren. Niemals zuvor hatte er Verbundenheit und Gnade so deutlich gespürt, ohne ein einziges Wort. „Wir verstehen beide, dass das alles bedeutet, was wir je wissen müssen, hm?“ Kleine Elfe wippte kaum merklich mit dem Kopf. „Es gibt einfach Dinge zwischen Himmel und Erde . . .“, murmelte er andächtig. Eine leise Sorge kroch in ihm hoch. Er spürte, dass er seine Bestimmung erfüllen wollte, doch er spürte auch, er würde dieses Tier bald lieben. Das würde den Abschied sehr schwer machen, obwohl er wusste, dass Liebe Freiheit schenkte. Er beschloss, vorerst nicht weiter darüber nachzudenken. „Du glaubst, dass du nicht mehr fliegen kannst meine Kleine“, murmelte er, „doch ich werde dir helfen, in die Lüfte zurückzukehren. Du sollst dein Adlerleben leben, du sollst die Botschaften des Himmels zu den Menschen bringen, durch die Luft segeln, im Wind tanzen, deinen Küken beibringen, ihre Flügel auszubreiten, und im Licht der Sonne glänzen und den Horizont erstürmen. Dafür bist du hier. Kleine Elfe spürte die ehrliche Begeisterung in seinen Worten und beschloss, ihm für immer zu vertrauen. „Mögen wir nicht vergessen, worum es wirklich geht“ flüsterte er. Dann fielen beiden die Augen zu.

Es wurde Frühling. Mit viel Geduld pflegte der Indianer Kleine Elfe und ihren Flügel und schon bald zogen die beiden zusammen durch die aufblühende Prärie. Er trug sie auf der Schulter und sprach immerzu einfühlsam mit ihr. Er schwärmte ihr vor, wie schön es sein würde, endlich wieder abzuheben. Mit Stöckchen malte er bunte Pfeile zur Sonne in den Sand vor sein Tipi und rief behutsam ihre Erinnerungen wach.

An den ersten lauen Abenden des Sommers, der lang und heiß werden würde, traute sich Kleine Elfe auf einer kleinen Hochebene erstmals wieder, ein paar Flügelschläge zu tun. Der Geruch purer Freiheit wehte ihr um den Schnabel und löste eine tot geglaubte Sehnsucht in ihr aus. So lange schon hatte sie keine Botschaften des Himmels mehr überbracht und war durch Wolken geflogen, umgeben von den wärmenden Strahlen der Sonne. Sie hatte für wahr gehalten, dass diese Zeit einer verlorenen Vergangenheit angehörte. Doch je lauter der Ruf ihrer Seele wurde, desto größer wurde auch ihre Angst. Sie hatte einen einzigartigen Gefährten und ein liebevolles Zuhause gefunden. Stundenlang hockte sie neben ihm im Schatten ihrer Lieblings-Schlucht und blickte in die Wolken. Sie genoss die rührende Freude in seinen Augen, wenn ihr bei Flug-Übungen etwas besonders gut gelang. Sie liebte es zu beobachten, wie er der Natur lauschte und die Spuren der Tiere las. Sie liebte die Geborgenheit, die sie in seiner Nähe empfand. Sie liebte die Ruhe, die in ihrem gemeinsamen Dasein die Hauptrolle spielte.

Ihr Indianer hatte bei den besten Schamanen des Landes gelernt und wusste, dass nichts heilsamer wirkte als Stille. „Weißt du, Kleine Elfe”, sagte er eines Tages träumerisch, „ich glaube, auch ich werde eines Tages einmal den großen Geist bitten, mich als Adler zur Erde zurückkommen zu lassen. Doch für dieses Leben habe ich mir etwas anderes ausgesucht. Mein Platz ist nun hier, bei den heilenden Wurzeln der Bäume”. Andächtig streichelte er ihr über das glänzende Gefieder. „Am Ende des Sommers wirst du soweit sein. Du wirst deine Flügel wieder für die weite Welt ausbreiten“. Sie legte den Kopf schief und tippelte ein wenig näher an ihn heran. „Ja, das wird uns beiden schwerfallen. Doch ich weiß, dass ihr Adler ein sehr gutes Gedächtnis habt!“. Er lächelte milde. „Du kannst mich jederzeit wiederfinden“.

Unvermeidbar kam der Tag, an dem er spürte, dass es Zeit war. Immer wieder hatte Kleine Elfe längere Streifzüge allein unternommen und er sah in ihren Augen die wachsende Sehnsucht nach den unendlichen Lüften. Nichts und niemand würde ihnen jemals das Empfinden wegnehmen, das sie in stillem Einvernehmen miteinander geteilt hatten. Er beschloss, stark zu sein und ihnen den Abschied so leicht wie möglich machen. Als es Abend wurde, brachte er Kleine Elfe zu jenem Felsen zurück, auf dem er sie damals gefunden hatte. Er setzte sie entschlossen auf einen kleinen Vorsprung, sah ihr ermunternd in die Augen und ging dann ein paar Schritte rückwärts, damit sie nicht sah, wie sich seine Augen mit Tränen füllten. Kleine Elfe tapste unschlüssig auf dem Klippenvorsprung hin und her. Ihr kleines Herz pochte wie wild. Es tat ihr weh, ihren Freund so traurig zu sehen. Sie wusste, was sie zu tun hatte, sie hörte den Ruf. Doch würde er sie vergessen, wenn sie jetzt abhob? Mit ein paar Flügelschlägen erhob sie sich unsicher in die Luft, drehte eine kleine Runde und landete auf seiner Schulter. „Ach jetzt, mach es uns doch nicht noch schwerer“, seufzte er mitgenommen. „Es soll so sein, du gehörst in dein Reich und ich in meines!“ Doch sie machte keine Anstalten mehr zu fliegen, stattdessen krallte sie sich widerspenstig in seiner Weste fest und sah im in die Augen. Funken der Liebe, der Hoffnung und der Gnade sprangen zwischen ihnen hin und her. „Na schön, aber morgen früh fliegst du. Wie ein Pfeil zur Sonne!“ Mit diesen Worten nahm er sie wieder mit zum Tipi, wo sie ein letztes Mal mit ihrem kleinen Kopf auf seinem Herzen einschlief.

Mit Sonnenaufgang wanderten die beiden ausgeruht zurück zum Felsen der Bestimmung. Die klare Morgenluft flimmerte in den ersten warmen Lichtstrahlen und versprach einen magischen Augenblick, der sich für immer in ihre Herzen brennen würde. Behutsam setze er seinen Schatz ab. Er spürte, wie aufgeregt sie war. Eindringlich sah er sie an. „Und nun flieg, Kleine Elfe! Lass dich vom Wind tragen, deine Seele kennt den Weg! Eine Verbindung wie unsere bleibt. Auch wenn du sie nicht sehen kannst, wirst du sie immer spüren. Du wirst nun alles entdecken, was du zu entdecken bereit bist.“ Sie hatte verstanden. Ein unendlich tiefes „Danke“ erreichte ihn aus ihrem Inneren. Dann ließ sie aus voller Kehle einen durchdringenden Adlerschrei los, der mit lautem Echo über die Prärie hallte. Ihr tiefer Schmerz über den Abschied vermählte sich darin mit der unbändigen Freude ihres Herzens, zur Urkraft ihres Wesens zurückzukehren. Endlich. Sie breitete ihre mächtigen Flügel aus, soweit sie konnte, und mit dem nächsten Windstoß stieß sie sich majestätisch vom Felsen ab.

Der Indianer beobachtete freudestrahlend, wie sie sich mit beschwingter Leichtigkeit in immer größeren Kreisen in den Himmel schraubte. Sie krähte übermütig, tanzte mit den Engeln und drehte immer mutigere Pirouetten. Kein Wesen des gesamten Universums hätte es in diesem Moment für möglich gehalten, dass sie so lange einfach vergessen hatte, wer sie war. Nur das Vergessen selbst wusste, warum es zu ihr geschickt worden war. So hatte sie auf der Erde die wahrhaftige Liebe erfahren, das kostbarste aller Geschenke. Eine Gabe, die sie fortan in jeder Sekunde ihrer Existenz nähren würde.

Der große Geist lächelte zufrieden. Natürlich war er es gewesen, der das Vergessen geschickt hatte. Es war sein schönster Streich, die beiden Suchenden endlich zusammenzuführen. Damit sie einander wiedererkannten, die Fackeln in ihren liebevollen Herzen neu entzündeten und das Feuer der Wahrheit in ihre Welten trugen.

Und wann immer der große Geist etwas entschied, geschah es.


Caroline Wendt, Jahrgang 1986, hat nach der Lektüre des Fach.Buchs Hochsensibilität erstmals mit Sabrina Görlitz Kontakt aufgenommen. Sie lebt in München und ist für einen Filmverlag tätig. Dort betreut sie u.a. das Label https://www.mind-and-spirit.de/.

Dieser Artikel ist Teil des Blogs What's your Story - Hochsensibilität neu erzählt
Hier gibt Autorin und Story Coach Sabrina Görlitz hochsensiblen Menschen die Möglichkeit, ihre ganz persönliche Geschichte zu erzählen und endlich gehört zu werden.

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