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Die Hände meines Vaters

Hochsensibilität neu erzählt, Episode 7

von Bianca Skibbe

Es war ein eisiger Montagvormittag im Januar 2015, ungemütlich und grau. Damals arbeitete ich noch als Erzieherin in der Kita. Inmitten des morgendlichen Trubels bekam ich einen Anruf. Mein Stiefbruder teilte mir mit, dass mein Vater gestorben war. Umgekippt, einfach so. Mit 59. Dabei war er ein Typ zum Bäume ausreißen, eigentlich. Er hatte viel geraucht, ja, aber das hätte niemand vermutet. Dass sein Herz einfach so stehenbleibt. Als ich auflegte, hatte ich es noch lange nicht begriffen. Ich fühlte nichts und kam mir vor, als wäre mein Leben plötzlich ein Film und ich nur noch Zuschauerin. Ein bisschen spürte ich die Wärme in der Umarmung meiner Kollegin, und ich nahm auch all das Mitleid um mich herum wahr. Dass es um mich ging, fühlte ich nicht.

Nachdem ich mich nach Hause geschleppt hatte, an den Weg erinnere ich mich nicht mehr, erzählte ich meiner Familie wie ferngesteuert, dass mein Vater tot war. Es klang vollkommen unwirklich. Mein Mund formte die Worte, meine Stimmbänder färbten die dunklen Worte ein, doch es blieb unglaublich: „Mein Vater ist tot“. Mir kamen die Male in den Sinn, an denen ich mich zuvor von jemandem verabschieden musste: von meiner Oma, von meinem Baby im vierten Schwangerschaftsmonat. Doch keine Trauer ist vergleichbar, das fiel mir in dem Moment auf.

Es tat so gut, über ihn zu sprechen

Dann war erst einmal funktionieren angesagt. Ich musste in die Heimat reisen, zu meinen jüngeren Schwestern und zu meiner Stiefmutter. Ich hatte keine Ahnung, was alles auf mich zukam, was es bedeutete, eine Beerdigung und eine Trauerfeier auszurichten. Die Zeit verging wie in Zeitlupe, ich konnte nicht schlafen, ich konnte nicht essen. Ständig war mir fröstelig und flau im Magen. Meine Schwestern und ich rückten zusammen und erledigten tapfer alles, was getan werden musste. Am unwirklichsten und gleichzeitig am schönsten habe ich das Gespräch mit der Trauerrednerin in Erinnerung. Sie fragte uns alles Mögliche über unseren Vater, und wir drei erzählten stundenlang. Es tat so gut, so intensiv über ihn zu sprechen. Zum ersten Mal seit der Todesnachricht fühlte ich mich wieder ein bisschen lebendig. Und so regte sich ein Impuls in mir: Ich möchte bei der Trauerfeier über meinen Vater sprechen. Zumindest ein bisschen. Das sollte nicht nur jemand machen, der ihn gar nicht kannte. Ich sagte es laut. Im selben Moment hielt ich mich für verrückt, aber nur kurz. „Wird sich schon finden“, flüsterte meine innere Stimme. Und dann dachte ich nicht mehr darüber nach, was es heißt, in einer vollen Trauerhalle vor so vielen Leuten über meinen Vater zu sprechen. Das tiefe Gefühl ihm einen letzten Gruß mitzugeben, meine Liebe zu ihm von anderen bezeugen zu lassen, war stärker. Ich würde ihm eine Rede schreiben, auch wenn ich noch nicht wusste, was drin stehen würde. Vorher, auch das spürte ich intuitiv, musste ich mich noch allein von ihm verabschieden.

Es fühlte sich richtig an, bei ihm zu sein

Ich fuhr mit meiner Stiefmutter und mit meinen beiden Schwestern in die Trauerhalle. Meine Stiefmutter ging nur bis auf einen Meter an den Sag ran, dann wurde es ihr zu viel. Sie rief nur erschrocken: „Wie sieht er denn aus, so sah er doch nicht aus!“, und dann kehrte sie auf dem Absatz um. Meine Schwestern und ich hielten uns an den Händen und begegneten unserem gestorbenen Vater zunächst gemeinsam. Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich einen Toten. Ich fand, mein Papa sah gar nicht schrecklich aus, und doch spürte ich den Schrecken, den er im Augenblick seines plötzlichen Todes gefühlt haben musste. Meine Schwestern gingen nach ein paar Minuten wieder, ich blieb allein zurück. Ich hatte den überraschenden Drang, ihn anzufassen. Damit musste ich erst einmal klar kommen, denn mit diesem Bedürfnis hatte ich nicht gerechnet. Behutsam näherte ich mich Schritt für Schritt, noch ein Stück und noch ein Stück. Und dann berührte ich schließlich seine Hände.

Seine Hände. Die waren immer so prägnant für mich gewesen. Mein Vater hatte immer so ganz raue Arbeiterhände, die waren für mich immer so schön und schrecklich zugleich. Weil ich ihre Rauheit auf meiner Haut immer so sehr gespürt habe, zum Beispiel, wenn er mich im Gesicht berührt hat. Andererseits war das ein urvertrautes Gefühl und eine meiner ersten Kindheitserinnerungen an ihn. Als ich merkte, dass sich seine Hände noch genauso anfühlten, nur dass da eben kein Leben mehr drin ist, aber diese vertraute Berührung, dass die geblieben ist, das war wie ein kleiner Ankerpunkt für mich. Dann habe ich ihn im Gesicht berührt und auch dort nachgespürt, wie sich das anfühlt. Dieses Erforschen hat mir geholfen zu realisieren, dass er wirklich nicht mehr lebt. Ich war die ganze Zeit aufgeregt, aber es fühlte sich richtig an, dort zu sein. Bei ihm zu sein. Auf einmal war der Nachmittag rum und als es dunkel wurde, dachte ich, jetzt reicht es erst einmal. Ich durfte den Schlüssel von der Trauerhalle behalten, und so ging ich in den nächsten vier Tagen wieder und wieder zu ihm, wann immer mir danach war. Manchmal ging ich zwischendurch spazieren, besuchte meine Schwestern oder erledigte, was auch immer noch alles zu erledigen war.

Manchmal fluchte ich darüber, dass er schon ging

Wenn ich bei ihm war, redete ich viel mit ihm. Ich erzählte ihm, was ich mir noch gewünscht hätte, was er noch alles mit uns hätte erleben sollen. Ich schimpfte mit ihm, dass er nicht besser auf sich aufgepasst hatte, dass er so viel gearbeitet hatte und so verschwenderisch mit seiner Lebensenergie umgegangen war. Ich weinte viel. Manchmal fluchte ich darüber, dass er schon ging. Dann sagte ich ihm, dass es mir so leid tat, weil er sich vermutlich ganz schön erschrocken hatte in dem Moment, in dem sein Leben so heftig und unabsehbar schnell zu Ende ging. Gleichzeitig freute ich mich laut darüber, dass es ihm erspart geblieben war, ein Pflegefall zu sein, weil ich wusste, wie zuwider ihm das gewesen wäre. Ich sagte ihm auch, wie sehr ich ihn liebte. Er hatte es nie zu mir gesagt. Ich glaube, es fiel ihm einfach schwer, es auszusprechen und seine Gefühle zu benennen. Ich bin aber ein Mensch, dem Worte viel bedeuten, und ich hätte mich so gern an einen Moment erinnert, in dem er mir das gesagt hatte, aber das konnte ich nicht.

Am fünften Tag der Aufbahrung, am Tag vor der Beerdigung, war Papa in einen anderen Raum gebracht worden. Erst war ich irritiert. Der andere Raum war großzügig, hell und weit gewesen, dieser glich einer Kammer, war eng und dunkel. Im Nachhinein jedoch war es ein wichtiger Zwischenschritt. Hier wollte ich nicht mehr bleiben. Und er auch nicht. Unverhofft kam an diesem letzten Tag noch ein alter Freund meines Vaters mit seiner Frau, um sich am offenen Sarg von ihm zu verabschieden. In seiner Anwesenheit traute ich mich die letzte große Frage zu stellen, diesen Gedanken laut auszusprechen, der mir in den vorangegangenen Tagen nicht aus dem Kopf gegangen war.
„Ich wünschte, er hätte mir gesagt, dass er mich liebt,“ sagte ich, „ich bin so traurig, weil ich das gar nicht weiß.“ Der Freund meines Vaters antwortete mit einer Frage: „Bianca, liebst du deine Kinder?“ „Aber natürlich!“ platzte es aus mir heraus. Er schaute mich wohlwollend an: „Siehst du, da hast du deine Antwort!“ Mit dieser Frage machte er mir ein großes Geschenk, das sich wie ein Abschiedsgeschenk meines Vaters anfühlte – nur, dass er einen Freund gebeten hatte, es mir in seinem Sinne zu überreichen.

Ich umschloss ein letztes Mal seine Hand

Nachdem die beiden gegangen waren, spürte ich intuitiv: „Jetzt ist es genug“. Ich hatte die Zeit intensiv genutzt, und jetzt war es gut. Als ich vor vier Tagen das erste Mal in die Trauerhalle gekommen war, hatte ich den Auftrag gespürt, neben meinem Vater zu wachen und da zu sein. Ich war diesem Auftrag gefolgt, ohne zu wissen, warum ich das tat. Erst Jahre später las ich im „Tibetanischen Buch vom Leben und vom Sterben“, dass es eine buddhistische Tradition ist, eine mehrtägige Totenwache zu halten, damit die Seele in Ruhe gehen kann. Genau das hatte ich intuitiv getan. Da war die ganze Zeit so ein Gefühl von „er brauchte noch Zeit, um den Übergang zu schaffen“. Vielleicht auch, weil er diesen plötzlichen Sekundentod gestorben war. Heute bin ich froh und dankbar, dass ich diesen Eindruck nie hinterfragt hatte und es einfach tat. An diesem letzten Tag seiner Aufbahrung hatte ich also dieses stimmige Gefühl von „Jetzt ist es okay“, und dann umschloss ich ein letztes Mal seine kalte, aber noch immer raue Hand. Ich atmete tief aus, ließ die Hand los und ging hinaus.

Ich schloss die Tür zu, gab den Schlüssel ab, fuhr in meine Unterkunft und begann, in dieser letzten Nacht vor der Trauerfeier, die Abschiedsrede für meinen Vater zu schreiben.

Hier ist ein Ausschnitt daraus:

Wenn ich an meinen Vater denke, ist meine früheste Erinnerung die seiner Hände. Seine rauen Arbeiterhände, mit denen er so vieles geschaffen hat.
Wie mögen seine Hände zuerst mich und dann später meine Geschwister als Babys gehalten haben. Und später als er uns die Hände hielt, bei unseren ersten wackeligen Schritten ins Leben.
Als wir Kinder größer waren, wollte jeder von uns gern an seiner Hand gehen, beim Spaziergang oder für den Gang über die Straße. Seine Hände waren immer für uns da.
In der Zeit des Erwachsenwerdens und der Abgrenzung, schlugen wir seine Hand ein ums andere Mal weg. Er ertrug es, denn er hatte wohl so eine elterliche Zuversicht und Weisheit in sich, dass wir ihn schon wieder um seine Hand bitten würden. Wie es dann ja auch tatsächlich geschah. 
Diese Hand, die sich auch im Erwachsenenalter noch zu jeder Begrüßung stets an meine Wange oder die meiner Schwestern lehnte, rau auf meiner Haut. Wie er dabei sagte: „Hallo Schätzchen, Mäuschen oder Püppi“, ein bisschen zu machohaft, aber ganz liebevoll, eben auf seine Art. 
In meinem Ohr klingt auch immer noch das trockene: „Tach, Chef!“, kombiniert mit einem kräftigen Händedruck, welches er für die männlichen Vertreter in der Familie übrig hatte. Seine große raue Hand, die er zu Hilfe reichte, wann immer wir Kinder ihn darum baten.
An seinem Arm geleitete er mich an meinem Hochzeitstag in die Kirche und übergab mich mit seinen Händen an meinen Mann. Und auch seine vier Enkelkinder hielt er in seinen Händen. 
Diese Hände haben so vieles gesagt, was ihm vielleicht schwer fiel, verbal auszudrücken. Und da war so viel Liebe drin. Sie haben schwer gearbeitet, aber auch geherzt, geliebt, gehalten – verlässlich, immer da.
Und so steht im Angesicht des Unfassbaren und der riesigen Trauer unheimlich viel Liebe, die uns niemand nehmen kann. Denn du wirst unsere Herzen beschützen, so wie du es immer getan hast.
Den Weg, den Du vor Dir hast, kennt keiner. Nie ist ihn einer gegangen, wie DU ihn gehen wirst.  Es ist dein Weg…“

Die letzten drei Sätze sind nicht von mir. Es ist ein Zitat des Schriftstellers Ulrich Schaffer. Ich hatte es damals irgendwo gelesen, es hatte mich angesprochen, und so hatte ich es in meine Trauerrede gewoben. Jetzt gerade tippe ich die Worte von einem handgeschriebenen Zettel ab, denn bis heute hatte ich die Rede nicht digitalisiert. Bis zu diesem Beitrag gab es keinen Grund dafür. Jetzt will ich wissen, aus welchem Kontext das Zitat eigentlich stammt. Ich kann mich nicht mehr erinnern, in welchem Zusammenhang ich einst drauf gestoßen war. Google gibt mir die Antwort. Das Zitat ist nur der Anfang eines längeren Stückes. Das wusste ich damals nicht. Ich fange an zu lesen, und etwas Magisches passiert. Ich habe das Gefühl, dass mein Vater zu mir spricht. Als würde er heute, fast sechs Jahre später, auf die Rede antworten, die ich für ihn schrieb, als würde er mir in den Worten Ulrich Schaffers noch etwas für mein Leben mitgeben. Ich muss aus ganzem Herzen lächeln. Denn auch, wenn ich diese Worte heute zum ersten Mal lese – gespürt habe ich ihre Botschaft eigentlich damals schon, in den Tagen nach seinem Tod. Und ich bin mir sicher, dass mein Vater stolz darauf wäre, dass ich mein Leben seither danach ausgerichtet habe.

„… Du kannst Dir Rat holen, aber entscheiden musst DU.
Höre auf die Stimme Deines inneren Lehrers. Nimm Dich an.
Sei du die, die du bist.
Erst dann fängst DU an zu werden, was Du sein möchtest.
Versteh Deine Schwächen, erst dann kannst Du mit ihnen arbeiten und sie zu Deinen Stärken machen.
Achte auf Deine Unsicherheiten, sie öffnen Dir Wege in ein neues Land.
Nimm Dich an.
Glaub, dass Du einen Beitrag zu geben hast,
da wo Du bist, wirst Du gebraucht.
Niemand hat Deine Stimme, niemand glaubt wie Du.
Niemand hat Deine Geschichte – niemand sagt so,
Ich liebe Dich.
Niemand ist wie DU.
Niemand in Deinem Land, weil Du einmalig bist.
Einmalig zu sein bringt Einsamkeit mit sich.
Du spürst, dass niemand Dich versteht.
Doch in Einsamkeit bist Du sicher. In den Stunden allein mit Dir,
wirst du reicher, entdeckst Du wer Du bist.
Sei dir treu. Setze Dich für das ein, was Du glaubst.
Glaubst Du an Deine Einmaligkeit?
Gehst Du dem nach, was Du in Dir als richtig empfindest?
Hast Du die Energie, Dich zu behaupten, ohne dabei andere zu unterdrücken?
Bleib bei Dir,
bei Deiner Schönheit und Herbheit,
bei deiner Freiheit und Deinen Grenzen.
Glaub an dich!

Das ist meine (Trauer-)Story. Durch den integrierten Abschied von meinem Vater und das intensive Trauern um ihn bin ich immer näher an mich selbst herangerückt. Inzwischen spüre ich das Leben in aller Intensität und nehme viel klarer an, wer ich bin und was meine Geschichte ist. Dafür bin ich unendlich dankbar. Es ist ein Abschiedsgeschenk von unschätzbarem Wert. Und heute ist noch eins dazugekommen. Das Leben ist voller Wunder. Der Tod auch.


Bianca Skibbe lebt mit ihrer Familie in Bremen. Sie ist gelernte Erzieherin, hat eine Kindertagesstätte geleitet und ist heute selbstständig als Coach tätig.
Mehr über Bianca auf: via-cuore.de.

Dieser Artikel ist Teil des Blogs What's your Story - Hochsensibilität neu erzählt
Hier gibt Autorin und Story Coach Sabrina Görlitz hochsensiblen Menschen die Möglichkeit, ihre ganz persönliche Geschichte zu erzählen und endlich gehört zu werden.

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