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Trennungskind

Muttersein als Heilung?

von Zela Sol

Dürfen wir unsere eigene Mutterschaft als Heilung für uns selbst nutzen?

Meine Trennungskindgeschichte hat viele Aspekte und Komplexitäten, die im Dunkeln schlummern. Zum Beispiel bieten sich mir zahlreiche Kompensationen um mein Gefühl des Alleinseins auszugleichen. Eine davon, und das ist wohl die Natürlichste, liegt in dem eigenen Muttersein. 

Kann in dieser Fortpflanzungsregulierung Heilung geschehen?

Nietzsche hat dazu eine ganz klare Haltung »Alles am Weibe ist ein Rätsel, und alles am Weibe hat eine Lösung: Sie heißt Schwangerschaft.« Ist das so?
Der »andere Umstand« kann ein wirkungsvoller Problemlöser sein, um meine schmerzhaften Empfindungen des Getrenntseins zu befriedigen. Zugegeben, eine ungewöhnliche Motivation für eine Schwangerschaft. Zugegeben, es gibt schlimmere Motive. Sogar unmotivierte Motive. Trotzdem: Wie groß wäre die Bürde für das Neugeborene, als Versöhner und Wiedergutmacher zu fungieren? Schon der Gedanke an einen therapeutisch formulierten Anreiz erzeugte Widerstand in mir. Klingt es sehr romantisch naiv, wenn ich zugebe, dass mein Beweggrund für eine Schwangerschaft Liebe sein soll? Ein natürlicher Grundimpuls. Bin ich mit zu viel ethischem Vorbehalt geschlagen? Zu streng mit mir selbst? Könnte ich meinem Kind eine freie Entfaltung gewährleisten, wenn es schon in meinem Mutterbauch als Mediator zwischen mir und meinen Seelennarben vermitteln müsste? Wie groß wäre sein erster Prägerucksack und auf welche Größe würde im Gegenzug mein Seelennnarbenpaket schrumpfen?

Kann man hier von einem natürlichen Gleichgewicht sprechen?

Relativierung der Gewichte zum Wohle aller Beteiligten? Nein. Meine Seele wehrt sich, dieses potenziell heilsame »Geschenk« auch nur optional in Betracht zu ziehen. Ich bin nicht imstande, das Haar in meiner Seelensuppe zu finden, da erwartete ich doch nicht den Heilimpuls eines Embryos. Oder doch? Das kann nicht die Lösung sein!  Gleichzeitig blockiert meine Ansicht eine offene und unvoreingenommene Fruchtbarkeit. Die Situation ist raffiniert. Vielleicht stimmt beides. Kann ich meine Liebesabsicht mit therapeutischer Entwicklung verbinden? Funktioniert das? Ich habe Angst. Viel davon. Ich habe Angst, mich mit diesen Gedanken zu offenbaren. Angst, die falsche Entscheidung zu treffen. Und die größte: Angst, ein Trennungskind zu haben.
Analytisch kleinkariert und tot gedacht. Ich weiß. Sag nichts. Aber die Angst treibt ihr Unwesen in meinem Kopf. Wie gerne würde ich die stoische Gelassenheit mancher Mütter mein Eigen nennen. Viele scheinen sich der Vergangenheit entledigt zu haben, um die Gegenwart erwartungsfrei zu genießen. Von einem traumatischen Angstkraken, in jedem Fangarm einen guten Grund aus der Kiste der Vorbehalte, wie er in meinem Hirn schwamm, berichteten die wenigsten. »Lass dich einfach darauf ein.« »Du musst loslassen können.« »Du brauchst wirklich keine Angst zu haben.« Ihre Empfehlungen erreichen mich nicht. Ich sehne mich nach der Geborgenheit eines funktionierenden familiären Systems, doch die Tatsache, dass ich es als Kind nicht hatte, lässt mich pingelig daran zweifeln. Meine Angst verhinderte jegliche Entwicklung von Vertrauen in diesen Fortpflanzungsprozess. Keine gesunde Voraussetzung, um mich auf den mütterlichen Weg zu machen.

Gedanken sind so machtvoll

Die Projektionen meiner Angst hat die Kraft, diese auch real herbeizuführen. Siegessicher würde ich dann behaupten können: Ich habe es doch gewusst. Ich habe recht gehabt: Trennungseltern bringen immer Trennungskinder hervor. In Stein gemeißelt. Ja, so schwarz ist meine Angst. Hundsmiserabel ist mir zumute mit diesem Thema. Es gibt ja keine Kompromisse in dieser Sache: Kind oder nicht Kind. Bitteschön kein halbes. Ich sehne mich nach Statistiken und Tabellen, die mir das Gegenteil vorgaukeln. Danke für deinen gut gemeinten Einwand. Ich weiß selbst, dass das Quatsch ist. Dann lass ich es lieber gleich bleiben. »Unsere Kinder sind nicht unsere Kinder.« Recht hat er, der Khalil Gibran. Ich folge im Herzen seiner höheren Weisheit und lehne es ab, mein ungeborenes Kind als Heilsbringer meines Traumas zu benutzen. »Benutzen« ist an dieser Stelle die freundliche Begrifflichkeit, und diese lässt schon den mütterlichen Atem stocken. Ich meine es ernst: Kann ich meinem eigenen Kind die Verantwortung für meine Verlustängste und meine zerflickte Seele übertragen? Öfter als mir Selbst lieb ist, habe ich auf die Frage an werdende Mütter, warum sie sich ein Kind wünschen, die Antwort gehört: „Damit ich etwas habe, das nur mir gehört.“ Jesus und Maria..

Sind Kinder eigentlich der Besitz von irgendjemanden?

Ich glaube nicht. Sag Du es mir. Verstehe bitte die Absicht hinter meinen anklagenden Worten. Es geht mir um das Kindeswohl. Das Kindeswohl. Kindeswohl. Ich kann es nicht oft genug betonen, weil es dringlich ist. Denn noch viel zu oft, geht es nicht um das Wohl des Kindes, sondern um die bewusst oder unbewusste Heilungsidee des verletzten Kindes im Erwachsenen. Ein Kind ist doch kein kuschelweicher Schmusebär und Heftpflaster für Deine nach Liebe schreiende Seele. Oder doch? Wenn das irgendwer verstehen kann, dann ich. Du darfst Dich gerne angesprochen und angegriffen fühlen. Nachdem Deine Empörung verrauscht ist und Du Dich wieder beruhigt hast, kannst Du die Zeit sinnvoll nutzen und schauen, ob Du mit diesem Thema in Resonanz gehst, und noch viel wichtiger, aus Deinen eigenen Wahrheiten und Erkenntnissen wirklich heilsame Lösungen und neue Wege findest.

Wie kannst Du einem neuen Menschenkind einen geborgenen Schutzraum, in dem es sich frei entfalten kann, gewährleisten, wenn Du selbst schutzbedürftig bist?

Wie willst Du Deinem Kind die notwendige Liebe geben, wenn Deine Liebesspeicher im Innen selber leer sind? Welcher thematische Brocken liegt noch vor Deinem Gebärmutterhals? Kannst Du Verantwortung übernehmen, ohne Deine Traumaanhängsel, ohne destruktive Dauerschleifen an die nächste Generation, Dein Kind, weiterzugeben? Traust Du Dich, diesen alten ausgedienten Verhaltensmustern einmal kräftig in den Hintern zu treten? Ja? Nein?
Du darfst fühlen, was du willst. Alles ist richtig. Du bist richtig. Du darfst. Du darfst das. Du darfst deiner inneliegenden Sehnsucht und Wahrheit folgen, ohne die Bedürfnisse der Gesellschaft,  der Großeltern und sonst wem zu bedienen.
Du entscheidest.
Deine Verantwortung. Eigenverantwortung.
In dem Wort „Eigenverantwortung“ ist die „Antwort“ schon enthalten.

Zwei Fragen schenke ich Dir noch:
Wie geht es eigentlich Deinem Mann mit diesem Thema? Was will und fühlt er?
Was ist Dein Antrieb? Angst? Oder Liebe?
Danke für Dich.


Zela Sol, Jahrgang 78, lebt verheiratet, kinderlos und als Teilzeitstiefmutter. In den letzten sieben Jahren hat sie ihre Erlebnisse als Trennungskind in einem Buch verarbeitet und damit zwei Geschenke entdeckt: das Schreiben und sich SELBST. Mit der Seele als Federführer trifft sie gerne des „Pudels Kern“. Die kollektive Entwicklung aus einer traumatisierten Gesellschaft ist ihr Antrieb.

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