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Erkenntnis

Einfach "nur" Mensch sein

von Dr. Wiebke-Lena Laufer

Weihnachten wird dieses Jahr anders sein. Aber vielleicht können wir dieses außergewöhnliche Weihnachtsfest dazu nutzen, uns auf das zu besinnen, was wirklich zählt.

Feiern Sie Weihnachten? Welche Bedeutung hat das Fest für Sie persönlich? Bereiten Ihnen die Weihnachtstage für gewöhnlich eher Stress oder überwiegt die Vorfreude? Hat Weihnachten für Sie eine religiöse Bedeutung oder sind es Tage, die sich für Sie nicht besonders von anderen unterscheiden? Haben Sie Kindheitserinnerungen an zauberhafte Weihnachtsmoment? Gibt es heute noch Traditionen, die Sie selbst pflegen, um das Fest der Liebe zu zelebrieren?

Das etwas andere Weihnachten

Wenn ich selbst über diese Fragen nachdenke, dann kommt mir eine Situation in den Sinn, die ich vor wenigen Wochen erlebt habe. Ich unterhielt mich mit einer Frau darüber, wie das Weihnachtsfest wohl in diesem Jahr aussehen würde. Ratlosigkeit zeichnete sich auf ihrem Gesicht ab. Sie wusste nicht, was von ihren „traditionellen Weihnachtlichkeiten“ überhaupt möglich wäre. Was würde sie selbst verantworten können und wollen, und was nicht? Es wurde still zwischen uns und nach einer Weile zeichnete sich ein zartes Lächeln auf ihrem Gesicht ab. Dieses Lächeln hatte etwas durch und durch Gelassenes. Es lag eine Hingabe darin; die Bereitschaft, anzunehmen, wie es kommen würde. Ich konnte zusehen, wie sich ihr ganzer Körper entspannte und das Nachgrübeln darüber, wie das Fest auszurichten wäre, verstummte. Nicht der Kopf sprach jetzt, sondern ihr Herz: „Weißt du“, sagte sie nach einer Weile, „ich denke in dieser Zeit so oft an deinen Weihnachtstext. Geht es nicht vielleicht in diesem Jahr ganz besonders darum, zur Einfachheit zurückzukehren?“

Rückkehr zur Einfachheit

Lange bevor der Text „Einfache Weihnacht“ als einer von zwölf Inspirationstexte im Buch „Wege zum Ich“ veröffentlicht wurde, hatte ich ihn bereits einigen Menschen als Weihnachtsgruß zukommen lassen. So auch ihr. In diesem Jahr lade ich uns alle ein, uns auf Einfachheit zu besinnen. Lassen wir uns dazu von dem Text an die Hand nehmen:

„… Und dann kam es, das Fest. Es war ein einfacher Tag. Sie gingen einfach in der Natur spazieren. Sie ließen sich einfach von einem Baby anlächeln. Sie aßen einfach ein Abendessen. Sie setzten sich einfach in ein Gotteshaus. Sie ließen sich einfach umbeten und umsingen von vielen unbekannten Menschen, deren Sprache sie nicht sprachen. Sie ließen einfach zu, was um sie herum geschah, ohne es zu verstehen.

War es nicht gerade eine einfache Einfachheit, in die derjenige hineingeboren wurde, dessen Geburt die Welt heute feierte? Und wurde nicht diese Einfachheit zu etwas Kostbarem, gerade weil sie einfach einfach sein durfte? War nicht diese Einfachheit heilig, weil sie Gott einfach näher war, als aller Schein?

Und während sie sich einfach umbeten und umsingen ließen, legten sie – ohne es bewusst zu tun – sich selbst und alles Eigene nieder vor der Krippe. Das war ihr Weihnachtsgeschenk. Sie standen da mit leeren Händen, offen dafür, zu empfangen, widerstandslos anzunehmen, was der Moment ihnen schenkte. Das war Weihnacht, eine einfache Weihnacht.

Und wie wäre es, wenn es jeden Tag weihnachtete? Wie wäre es, wenn wir jeden Tag vor die Krippe träten und niederlegten, was wir mit unseren Händen festzuhalten versuchen? Wie wäre es, wenn wir nicht eiferten, um allen Selbst- und Fremdansprüchen zu genügen? Wie wäre es, wenn wir nicht darauf bestünden, dass sich alles Erleben nach unseren Plänen vollzieht? Wie wäre es, wenn wir uns selbst und einander annähmen, wie Christus uns willkommen geheißen und angenommen hat, mit leeren Händen? Wie wäre es, wenn wir auch für Schmerzen dankten in dem Wissen, dass sie uns anzeigen, dass das Leben etwas Neues gebiert? Und wie wäre es, wenn wir das Geschenk des Lebens jeden Tag feierten? Wie sähe unser Leben dann aus?

Vielleicht sähen wir unsere Kraft in unserer Schwachheit. Vielleicht hörten wir die Stille hinter dem Lärm des Alltags. Vielleicht nähmen wir die Fülle in unseren leeren Händen wahr. Vielleicht erkennten wir im Fremden uns selbst. Vielleicht wäre unser Leben dann einfach etwas anders, als bisher, weil wir einfach etwas mehr Mensch wären.“ (Quelle: Wiebke-Lena Laufer: Wege zum Ich. Klar, selbstbestimmt und kraftvoll leben, jkamphausen, Bielefeld 2019, S. 216-217)

Vielleicht gelingt es uns, in diesem Weihnachtsfest eine Chance dafür zu sehen, uns darüber bewusst zu werden, wie kostbar unser „einfaches Menschsein“ ist. Insbesondere zu Weihnachten versuchen so viele von uns, es „perfekt“ zu machen. Die Abläufe sollen perfekt sein, die Dekoration soll perfekt sein, das Essen soll perfekt sein, das Miteinander soll perfekt sein usw. Und dafür strengen wir uns mächtig an. Wir versuchen mit aller Kraft, die äußeren Umstände so zu gestalten, wie wir sie gern hätten.

Wahre Perfektion erkennen

Was sich in dieser Anstrengung widerspielt ist jedoch die Annahme, dass es so, wie es ist, eben (noch) nicht perfekt ist, ja, dass wir, so wie wir sind (noch) nicht perfekt sind. Gewiss haben wir alle unsere Ecken und Kanten. Wir sind auf dem Weg unserer persönlichen Entwicklung und wir haben unser wunderbares Potenzial vermutlich noch längst nicht vollständig ausgeschöpft und zum Ausdruck gebracht. Und doch liegt etwas in uns, ein Funke Gottes, der so ehrfurchtgebietend, so wunderschön, so über alle Äußerlichkeiten erhaben und so „perfekt“ ist, dass nichts, aber auch nichts daran verbessert werden kann und muss. Diesen Funken können wir nicht erfahren, wenn wir unsere Aufmerksamkeit zu sehr auf Äußerlichkeiten richten. Es liegt in ihrem Wesen, dass sie unseren Wünschen mal mehr und mal weniger entsprechen. Wenn wir uns nicht von der Gunst der Äußerlichkeiten abhängig machen wollen, müssen wir unseren Aktionismus pausieren, still werden und nach innen gehen. Wenn wir auf unser Inneres lauschen, dann können wir uns neu auf uns selbst besinnen und auf das Wunder der Schöpfung, aus dessen Schoß auch wir selbst hervorgegangen sind. Dazu können wir uns inspirieren lassen von dem „einfachen Menschsein“ dieses kleinen Kindes, dessen wir an Weihnachten gedenken. Einst kam es wehrlos und schutzbedürftig in einem Stall zur Welt. Wie jedes Kind, das darauf angewiesen ist, umsorgt zu werden, hat sich auch dieses Kind einfach in seiner ganzen Menschlichkeit offenbart. Und diese Menschlichkeit, dieses „einfache Menschsein“, hat etwas Wunderschönes in sich, etwas, das nicht von dieser Welt zu sein scheint.

Worauf wir uns dieses Jahr besinnen sollten 

Vielleicht also besinnen wir uns gerade in diesem Jahr auf unser „einfaches Menschsein“. Vielleicht legen wir die Ansprüche und Erwartungen, die wir uns selbst und anderen entgegenbringen, für eine Weile nieder. Vielleicht verzichten einen Moment darauf, etwas aus uns selbst zu machen. Vielleicht erinnern wir uns an ein traditionsreiches Weihnachtslied, das viele Generationen bereits gesungen haben, wenn wir das Leben selbst fragen: „Wie soll ich dich empfangen?“ Und vielleicht lassen wir wahrhaftig zu, dass das Leben uns antwortet. Vielleicht hören wir dann wirklich hin, in diesen Weihnachtstagen. Vielleicht hören wir auf die Stimme der Liebe, die uns erkennen lässt, wie wir unser „einfaches Menschsein“ so leben können, dass es uns selbst und anderen dient. Und vielleicht feiern wir dann ein wahres Fest der Liebe. Vielleicht feiern wir ein Fest der Menschlichkeit, weil wir erkannt haben, dass es nicht darum geht, etwas vermeintlich Unperfektes durch Anstrengung perfekt zu machen, sondern dass es einfach darum geht, „nur“ Mensch zu sein.

Wie mache ich das Beste aus allem, sodass es mir und anderen dient?

Diesem „einfachen Menschsein“ liegt eine Qualität inne, die wir uns wieder bewusst vor Augen führen dürfen: Es liegt in unserer Hand, das Beste aus allem zu machen! Die Umstände müssen dafür nicht genauso sein, wie wir sie gern sähen. Vielmehr geht es um unsere eigene Entscheidung, bereitwillig anzunehmen, was sich uns zeigt, und es für unsere eigenen Zwecke zu nutzen. Fragen wir uns also: Wie kann ich gerade in diesem Jahr die Umstände dafür nutzen, um mich selbst als einen Menschen zu erfahren, der einfach das Beste aus allem zu machen vermag? Und das könnte doch auch unser Credo für 2021 sein: Wie mache ich das Beste aus allem, sodass es mir und anderen dient?

Mögen Sie dieses Jahr friedvoll und einfach verabschieden und sich dafür öffnen können, sich selbst als einen „einfachen Menschen“ zu erkennen, der über die Fähigkeit verfügt, sich alles zum Besten dienen zu lassen.


Zur Vertiefung des Lebensthemas „Erkenntnis“, zur eigenen Weiterarbeit und praktischen Anwendung:

Dr. Wiebke-Lena Laufer: Wege zum Ich. Klar, selbstbestimmt und kraftvoll leben, jkamphausen, Bielefeld 2019, S. 204-211.

Weitere Informationen zum Buch: wegezumich.com

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