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Man weiß es ja nicht…

von Dr. Wiebke-Lena Laufer

Vielleicht sollten wir uns wieder an Träume aus vergangenen (Kinder-)Tagen erinnern, die eine Vision für uns und unsere Welt bereithalten.

Ich laufe durch den Winterwald. Das Knirschen unter meinen Füßen und die weiße Landschaft sind ein seltenes Erlebnis in diesen Gefilden, das ich sehr genieße. Es liegt eine Ruhe, eine besondere Stille in der Atmosphäre. Von Ferne mischen sich Kinderstimmen darunter und als ich näher herankomme, sehe ich einen älteren Herrn, vielleicht einen Großvater, mit zwei kleinen Mädchen.

Die Mädchen, das eine mag vielleicht 3 sein und das andere 5 Jahre alt, sind eifrig damit beschäftigt, Schnee von einer Bank herunterzuschieben. Ich habe die drei bereits passiert, als ich mich einem inneren Impuls folgend noch einmal zu ihnen umdrehe und ihnen ein frohes neues Jahr mit vor allem auch Gesundheit wünsche. Dann wende ich mich direkt an die beiden kleinen Zaubermenschen und sage: „Und euch wünsche ich ganz besonders, dass es euch in diesem Jahr richtig gut gehen wird.“

Da schauen mich die beiden wachen, klaren Augen des größeren Mädchens an. „Wir brauchen den Schnee hier, weil wir ein Iglo für ein Elfe, also ein Elfenhaus, bauen“, gibt sie mir zur Antwort auf meine Neujahrswünsche. „Aha“, sage ich, „vielleicht bin ich ja morgen wieder hier und wenn ich es mir dann ansehen wollte, wo müsste ich es suchen?“ „Wir wissen noch nicht, wo wir es hinbauen.“ „Naja“, sage ich, „es ist ja auch nicht so wichtig, dass ich es finde. Wichtiger ist ja, dass die Elfe es findet.“

Mit aller Seelenruhe schiebt das Mädchen weiterhin Schnee von hier nach dort, macht mal einen kleinen Klumpen daraus, um ihn dann wieder zu zerdrücken. „Ich habe noch nie eine Elfe gesehen“, gestehe ich ihr. „Die können auch nur ihre Besitzer sehen“, lässt mich die Elfenexpertin wissen. „Und was heißt das jetzt?“, frage ich nach. „Bedeutet das, dass ich keine Elfe habe oder einfach nur, dass sie sich mir noch nicht gezeigt hat?“ „Die Elfe ist hinter deinem Schrank“, bekomme ich zur Antwort.

Ich muss laut auflachen und erkläre mich dann: „Oh je, mein Schrank ist wirklich groß und schwer. Kann ich die Elfe irgendwie anders dahinter hervorlocken als dadurch, dass ich meinen Schrank verrücke?“ „Mit Milch und Keksen“, sagt sie, um mich dann wohl für vertrauenswürdig genug zu halten, um mich doch in ihre Pläne für das Elfenhaus einzuweihen: „Wir wissen doch schon, wo wir das Haus hinbauen.“ „Und verrätst du es mir?“, frage ich neugierig nach. „Ja, aber nur, wenn du es keinem weiterverrätst.“ „Natürlich nicht“, gebe ich mein Versprechen. Sie hält einen Moment inne, als überlegte sie noch etwas. Dann streckt sie ihren Finger aus, zeigt einige Zentimeter vor ihre Füße und sagt: „Hier bauen wir es hin.“ „Danke“, sage ich, „dann schaue ich mal, ob ich es sehen kann, wenn ich das nächste Mal hier vorbeikomme.“

„Hast du eigentlich eine Elfe?“, möchte ich noch wissen, bevor ich weiter meines Weges gehen werde. „Ich habe ein ganzes Volk“, erwähnt sie ganz beiläufig, ohne ihren Blick von de nächsten Schneeklumpen abzuwenden, die sie gerade zusammenträgt. „Wow“, drücke ich mein Erstaunen aus und viel mehr weiß ich darauf auch gar nicht zu sagen. Sie aber übernimmt es gern, mir meine nicht gestellte Frage zu beantworten: „Das Elfenvolk ist aber nicht hinterm Schrank. Da ist nur die Königin. Das Volk ist im Schrank. Da musst du in den Schrank schauen.“ „Ok“, drücke ich meinen Dank aus und fühle mich jetzt gut ausgestattet mit allen wesentlichen Informationen, die ich brauche, wenn ich den Elfen hinter und in meinem Schrank begegnen möchte.

Während ich noch damit beschäftigt war, die wertvollen Informationen zu sortieren, die ich soeben von meiner persönlichen Elfenspezialistin erhalten habe, scheint diese gedanklich in ihrem Kleiderschrank spazieren gegangen zu sein. Immer noch in ihre Vorbereitungen für das Elfenhaus vertieft sagt sie mit einem leichten Schulterzucken noch: „Wer weiß, vielleicht kann ein Rock ja Corona vertreiben … Man weiß es ja nicht.“ Dann schaut sie noch einmal auf und sieht mir mit einem Blick in die Augen, der sich an Selbstverständlichkeit und Klarheit kaum überbieten lässt, als wolle sie diese Weisheit noch einmal bekräftigen: … Man weiß es ja nicht…

Und da ist er wieder, einer dieser Moment, in denen ich mich innerlich und auch äußerlich vor der Weisheit des Kindes verneige. „Man weiß es ja nicht.“ Wie recht dieses „kleine“ Wesen doch hat. Und wir „Großen“? Wie oft meinen wir, sehr genau zu wissen, wie die Dinge liegen. Mehr noch, wir streiten sogar darum, wer recht hat. Wir verraten die höchste Qualität unseres Menschseins, die Liebe, indem wir Meinungsgefechte austragen, unsere eigenen Themen, Ängste und Unsicherheiten auf andere projizieren und einander auf vielfältige Weise angreifen. Wir vergessen unbewusst oder ignorieren sogar bewusst, dass hinter allen äußerlichen Verschiedenheiten, wie Meinungen und Ansichten, Herkunft und Kultur, Weltanschauung und religiös-spirituelle Zugehörigkeit, ja hinter all dem, was wir allzu schnell allzu wichtig nehmen, doch jene Aspekte liegen, die uns als Menschen zutiefst miteinander verbinden und uns einen. Hinter allen aufwallenden Wogen von Emotionen, die sich leicht negativ entladen können, liegt doch der Wunsch danach, ein friedvolles Leben in Würde zu führen, sich gut versorgt und in Sicherheit zu wissen, geachtet zu sein und Liebe zu spüren.

Um diese und weitere Qualitäten von (Mit-) Menschlichkeit in dieser Welt zu erfahren, ist es wenig hilfreich, mit dem Finger auf andere zu zeigen und von ihnen zu erwarten, uns das zu geben, wonach wir uns sehnen. Zuerst dürfen wir bei uns selbst beginnen. Jede und jeder von uns verfügt über die Macht, den ersten Schritt zu tun und genau das in die Welt hinaus zu verschenken, was wir hier zu erfahren wünschen. Wer sich konsequent dazu entscheidet, selbst aktiv zu sein, kommt nicht umhin, sich auch darüber bewusst zu werden, dass er nun einmal nicht alles weiß, ja auch gar nicht wissen kann. Und wer sich erst einmal mit seinem Nichtwissen aussöhnt, wird sehr viel freier darin sein, sich mit mehr Offenheit, Solidarität, Entdeckungsgeist, Fantasie, Zuversicht, Achtsamkeit, Einsatzbereitschaft und auch Spaß(!) auf die Entwicklungsprozesse einzulassen, die uns diese bewegten Zeiten bescheren, und mit aller Kraft das Beste daraus zu machen.

Ganz in diesem Sinne lassen wir uns das vergangene Jahr vielleicht zu einem Lehrmeister in Sachen Nichtwissen werden. Vielleicht bringen wir den Mut und die Konsequenz auf, uns in 2021 bestmöglich mit unserem Nichtwissen auszusöhnen und darin eine wunderbare Gelegenheit für Innovation zu entdecken. Vielleicht schauen wir verstärkt darauf, was wir gemeinsam tun können, um aus dieser kollektiven Herausforderung eine Chance zu erschaffen, die uns allen dient. Vielleicht halten wir nicht mehr so sehr unsere Verschiedenheiten hoch, sondern vereinen unsere Kräfte, um zu kreativen Lösungen zu gelangen, die wir uns bisher vielleicht nicht einmal zu träumen gewagt hätten. Vielleicht hören wir unseren Kindern aufmerksamer zu, um zu ergründen, wie wir uns von ihrer Sicht auf die Dinge bereichern lassen können. Vielleicht erinnern wir uns sogar an den ein oder anderen Traum, den wir selbst in längst vergangenen (Kinder-) Tagen geträumt haben. Und vielleicht finden wir in diesem Traum, dieser Vision für uns selbst und für die Welt etwas – mag es klein oder groß sein –, das sich verwirklichen lässt, allen Widerständen zum Trotz. Vielleicht kommen wir wieder mehr in unsere Tatenlust, in die Lust, unseren ganz eigenen, einzigartigen Beitrag zu leisten, damit diese Welt (wieder) zu einem Ort werden kann, an dem jede und jeder ihren und seinen Platz finden darf, um einfach, in Frieden und Würde zu leben.

… Und vielleicht bauen wir ab und an ja sogar auch mal ein sprichwörtliches oder gar tatsächliches „Elfenhaus“. Denn, wer weiß, vielleicht kann es ja Corona vertreiben … Man weiß es ja nicht.


 

Dr. Wiebke-Lena Laufer: Wege zum Ich. Klar, selbstbestimmt und kraftvoll leben, jkamphausen, Bielefeld 2019.

Weitere Informationen zum Buch: wegezumich.com

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