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Zerbrechlichkeit als Kraftquelle

Bedeutungsrahmen und ihre Tücken im Zeitalter der Pandemie

von Mechthild Rex-Najuch

Können wir gerade aufgrund unserer Fragilität stark sein?

Vor einem Monat habe ich den ersten Text zu diesem Blog geschrieben, und nur vier Wochen später kündigt sich bereits der Frühling an. Derweil geht meine Suche nach Mitstreitern für ein positives Narrativ nach der Pandemie weiter. Mir geistern Fragen durch den Kopf – über Euch, über Dich. Wo bist Du? Wer bist Du? Und vor allem: Was denkst Du? Welche Beschaffenheit hast Du? Bist Du vielleicht jemand, der gegen den Strom denkt, oder weißt Du nicht, was Du denken sollst? Also fordere ich Dich auf: Sei mutig und wage den gedanklichen Schritt in eine unbekannte Zukunft.

Heute möchte ich der Frage nachgehen, was uns dabei helfen kann, in eine unbekannte Zukunft zu schauen, ohne unnötigen Ballast mitzuschleppen. Ich bin fest davon überzeugt, dass die einfachste Form der Veränderung in der Art liegt, wie wir unsere Sprache gebrauchen. Dabei ist eine bewusste Um- oder Neubewertung von Worten eine naheliegende Möglichkeit – und eine gute Vorbereitung auf den vor uns liegenden Prozess.

Hindernis Bedeutungsrahmen

Worte haben eine Bedeutung. Oft ist es eine, die über das hinausgeht, was uns bewusst ist. „Pandemie“ zum Beispiel macht in jedem Fall Angst, manchmal sogar Panik. Der Begriff steht für drohenden Verlust und existenzielle Bedrohung. Im Wort sind Gefühle wie Verunsicherung und Aussichtslosigkeit, Enge oder Verzweiflung gleich mit enthalten. Ohne alle diese berechtigten Empfindungen zu schmälern oder gar eine schlimme Situation schönzureden, könnten wir auch einen anderen Rahmen erschaffen. Pandemie geht uns alle an, betrifft jeden von uns. Wir sitzen also im selben Boot und müssen gemeinsam agieren. Was wäre, wenn wir den Bedeutungsrahmen von „Pandemie“ auf die Aufforderung zu Neuorganisation und Umdenken, Mut und inneres Wachstum erweitern würden?

Krisen als Wachstumsreiz

Gleiches gilt für das Wort „Krise“. Unter einer Krise verstehen wir herkömmlich den Höhe- oder Wendepunkt einer gefährlichen Lage. Andere Definitionen bezeichnen sie als entscheidenden Abschnitt einer schwierigen Situation. Zugleich sind Krisen immer auch ein Wachstumsreiz – unfreiwillig zwar, aber eben doch ein Reiz. Meiner Erfahrung nach werden schwierige Situationen immer dann zur Krise, wenn das, was geboren werden will, nicht geboren werden kann. Wenn ich also erkenne, dass der bevorstehende Engpass keine Krise, sondern ein unfreiwilliger Wachstumsreiz ist, dann könnte ich die Situation begrüßen, statt unter ihr zu leiden. Herausfordernd genug bleibt sie dann immer noch.

Bewertung als Lösungsimpuls

Also kann man „Krise“ auch anders bewerten? Ja klar. Lass uns auf die Wort-Herkunft schauen. Das Wort „Krise“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet Meinung, Beurteilung, Entscheidung oder Zuspitzung. Ist das etwas Schlimmes? Wohl nicht. Nur, wenn ich keine Entscheidung treffen will oder kann, sieht alles anders aus. Unsere Schwierigkeit mit Entscheidungen hat damit zu tun, dass wir sie anhand vergangener Erfahrungen treffen müssen. Schließlich stehen uns keine Daten aus der Zukunft zur Verfügung. Da wir quasi rückwärts blickend vorwärts denken, erschaffen wir zwar eine vorhersehbare Zukunft, aber vermutlich wird diese immer schlechter ausfallen, als sie sein könnte. Warum überhaupt treffen wir dann auf diese Weise Entscheidungen? Nun, weil sich dieses Verfahren in der Evolution bewährt hat. Lass mich dazu ein wenig ausholen.

Entscheidende 90 Sekunden

Den meisten Menschen ist nicht bewusst, wie sehr Bedeutungsrahmen von Worten unsere Gedanken gestalten. In den ersten 90 Sekunden im Angesicht neuer Informationen schaltet unser Gehirn auf Abwehr. Das ist neurowissenschaftlich bewiesen. Dazu produziert das Gehirn autonom einen Botenstoff-Cocktail, der Gefahr signalisiert und uns in Alarmbereitschaft versetzt. Lange 90 Sekunden sind wir diesem Cocktail ausgeliefert, bevor unsere eigenen Gedanken wieder die Führung übernehmen. Eine Supermethode für das Überleben in der Natur. Doch in unsere heutige Gesellschaft passt sie nicht mehr – oder nicht allein.

Die Freiheit der Selbstbeobachtung

Ich selbst beobachte diese ersten 90 Sekunden inzwischen mit einer gewissen Ironie und versuche wahrzunehmen, welche Gedankenbilder in mir während dieses Zeitraums entstehen. Das habe ich mir zur Angewohnheit gemacht, wann immer ich mit neuen, unbekannten Informationen umzugehen habe. Denn Üben kann ich am besten, wenn es nicht drauf ankommt. Eine nüchterne neurowissenschaftliche Erkenntnis verschafft mir einen Spielraum im Denken. Ich weiß ja, dass meine Gedanken an das Unmögliche oder Gefährliche ein evolutionärer Impuls sind, der meinem Überleben dient. Dieses Überbleibsel einer über Jahrtausende dauernden Entwicklung ist in der heutigen Zeit aber eben nicht hilfreich. Es braucht eine Evolution meines Bewusstseins, einen neuen Automatismus. Und wie soll das nun wieder gehen?

Neues zu denken braucht Übung

Neues braucht immer Übung, bis es zur Meisterschaft werden kann. Davor gibt es die Stufen von Gewohnheit und Geschicklichkeit. Ganz konkret: Was könnte passieren, wenn auch Du diese ersten 90 Sekunden nur beobachten würdest, anstatt Dich mit den alarmierenden Gefühlen zu identifizieren, die in dieser Zeit entstehen? Was, wenn Du in Deinem Alltag darauf achten würdest, wer gerade regiert – Du oder Dein Gehirn? Eine gute Kooperation mit dem Organ ist sicher eine gute Grundlage. Und nun stell Dir vor, Du würdest Dir auch antrainieren, die erste Zeit nach den 90 Sekunden weiterhin nur beobachten, welche Gedanken und Fragen auftauchen. Was wäre dann möglich? Meine Antwort: Ungefähr alles. Und genau darum geht es – dass wir eine Zukunft denken, dass wir eine Zukunft erschaffen, in der alles möglich sein könnte. Denn die wichtigste aller Fragen ist doch: Was, wenn es möglich ist? – Eine Frage, die in einem Umfeld, das von Denkverboten regiert wird, verloren geht. Was aber könnte das passendere Gegenstück sein als ausdrückliche Denkerlaubnisse? Derlei Erlaubnisse erteilen wir uns zum Beispiel in unseren Träumen, weil wir dort immer auf der Suche nach Lösungen sind. Daraus schlussfolgere ich: Manchmal muss man die Zukunft erst einmal träumen, damit sie Wirklichkeit werden kann.

Dieses Motiv findest Du auch in meiner Fabel: Violetta und der Storch

Fragilität als Kraftquelle

Beim letzten Mal hat mein Text damit begonnen, wie zerbrechlich wir sind. Auch dieses Wort verdient eine Bedeutungserweiterung. Ich glaube nämlich, dass wir gerade durch unsere Fragilität sehr stark sein können. Nicolas Taleb hat dafür den Begriff der Antifragilität eingeführt. Damit komme ich zu kleineren Worten: Es ist kein „obwohl“, das uns starkmacht, sondern ein „weil“. Weil wir zerbrechlich sind, können wir unglaublich stark werden. Lass diesen Bedeutungsrahmen wirken und verwende ihn. Ich bin sicher, es wird nicht lange dauern, bis Du andere Ideen bezüglich der Zukunft entwickeln kannst oder auch nur ein wenig entspannter durch die Gegenwart kommst. Diesen Spannungsbogen zwischen einem Wort, seinem herkömmlichen Bedeutungsrahmen und einer Melodie habe ich in einem Video von Pili Cugat gefunden, das den Titel Fràgil trägt. Mein Freund Ignasi hatte dazu eine Illustration gemacht und sie mir geschickt. Ich stieß dabei auf diese Hymne an das Leben.

Vielleicht kann es auch durch Musik gelingen, den Appell zu hören, der uns alle angeht. Für die kleinen Dinge und Momente im Leben, die alle in Wahrheit groß sind. Für Freiheit, Mut, Freude, Hoffnung und das Leben – weil wir so stark sind in unserer Zerbrechlichkeit.


Hier findest Du sowohl das spanische Original zu Fràgil, als auch die deutsche und englische Übersetzung.

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Über die Autorin

©Jochen Quast

Mechthild Rex-Najuch schreibt seit ihrem 15. Lebensjahr. Ihr Interesse an Menschen lebt sie nicht nur als Therapeutin aus, sondern sie beobachtet und hört auch privat genau zu. Zwischen Patienten, Fachbüchern, Romanen und Kurzgeschichten verfolgt sie das Ziel, Inspiration und Kreativität als selbstverständliche Einflüsse zur Problemlösung zu nutzen. Diesem Aspekt will sie mit diesem Blog ein eigenes Gesicht geben.
An dem Fachbuch Hochsensibilität, das 2018 bei Fischer & Gann erschienen ist, hat sie maßgeblich mitgewirkt. 

Mechthild Rex-Najuch ist auch in den sozialen Netzwerken vertreten:

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