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Dein Beitrag zählt

von Dr. Wiebke-Lena Laufer

Gemeinsam können wir Hindernisse überwinden - mithilfe einer neuen Kultur der Hingabe.

Es schneit. Zwei Tage und zwei Nächte lang fallen die zarten, leichten Flocken ununterbrochen vom Himmel herab. Ganz leise tun sie ihr Werk. Schicht für Schicht für Schicht legen sie sich aufeinander und mit jeder Flocke wird die Schneedecke dicker und dichter. Die gewaltige Anzahl dieser kleinen weißen Boten des Himmels verbringt ein Meisterwerk. Innerhalb dieser verhältnismäßig kurzen Zeit legen die Schneeflocken die ohnehin eingeschränkte Lockdown-Betriebsamkeit der Welt einfach still.

Hingabe und Zusammenhalt

Und diese Stille hat ihre ganz eigene Schönheit. Die Atmosphäre ist von Hingabe erfüllt. Die Menschen erkennen, was jetzt dran ist: mit den Kindern im Schnee spielen, sich – auf Abstand – mit einem Heißgetränk auf der Straße begegnen und einen Plausch halten, sich in eine Decke einhüllen und ein gutes Buch lesen, die Termine für morgen absagen … und abwarten, bis die Schneeflocken ihr Werk vollbracht haben. Dann schließlich kommt der Moment, in dem auf Hingabe Aktivität folgt. Die Ersten nehmen die Schneeschaufel in die Hand und fangen an, sich neue Wege zu bahnen, wo die alten bis zur Unkenntlichkeit verschüttet worden sind. Autos, die vollständig unter den Schneemassen begraben sind, werden Stück für Stück wieder freigelegt. Und inmitten dieser Tatkraft wandelt sich die Qualität der Aktivität in die Qualität der Liebe. Es ist, als wären auch die persönlichen Befindlichkeiten, die fehlenden Sympathien, gar die Streitigkeiten zwischen den Menschen unter den Schneebergen zur Ruhe gelegt worden. Es geht nicht mehr um die Frage, wer für den Schneedienst zuständig ist, sondern alle packen mit an, weil sie wissen: Wir schaffen das nur gemeinsam!

Der Geist der Gemeinschaft

Jede und jeder bringt sich nach ihren und seinen Kräften und Möglichkeiten ein und plötzlich wird nicht mehr unterschieden zwischen „mein“ und „dein“. Der Geist der Gemeinschaft ist erwacht. Es geht nicht mehr nur noch darum, den eigenen Weg, die eigene Hofeinfahrt, das eigene Auto freizulegen, sondern auch darum, dem anderen zu helfen, seinen Weg zu räumen, seine Hofeinfahrt wieder befahrbar zu machen und sein Auto von dem weißen Schneekleid zu befreien. Die Schneeschieber wandern von einer Hand in die andere. Während der eine schippt, wärmt sich der andere auf. Freundliche, aufmunternde, ermutigende Worte und die einfache Freude am Tun stärken den Gemeinschaftsgeist. Augen und Ohren öffnen sich für die Belange des anderen.

Eine Quelle der Inspiration

… Und dann gesellt sich noch ein älterer Herr zu den anderen Schneehelden. Langsam, Schritt für Schritt schiebt er seinen Gehwagen durch die weiße Pracht hindurch. Auf seinem rollenden Gefährt transportiert er eine Schaufel. Und dann packt er mit an. Er stellt seinen Gehwagen zur Seite und fängt an, Schippe für Schippe den Schnee zu räumen. Einer der Jüngeren spricht ihn an, um ihm seine Hilfe anzubieten. Dankend winkt er ab. „Endlich mal wieder Arbeit“, freut er sich und weiß, dass er gebraucht wird. Die Sitzfläche seines Gehwagens bietet ihm immer wieder die Gelegenheit, sich einen Moment auszuruhen, dann wieder aufzustehen und die nächste Schippe Schnee beiseite zu räumen. Dann und wann kommen Menschen dazu, um ihm zur Hand zu gehen. Gemeinsam wird die Schneise durch den Schnee weiter gebahnt. Dieser Mann wird zu einer Quelle der Inspiration. Die Tatsache, dass er seine eigene Kraft einsetzt, um mitzuhelfen, bringt auch in anderen das Beste zum Vorschein. Sie wollen auch helfen. Sie wollen auch einen Beitrag leisten, indem sie ihm zur Hand gehen. Letztlich wollen auch sie gebraucht werden und den Gemeinschaftsgeist unterstützen. Für jeden von ihnen hat er ein freundliches Wort, ein Lächeln übrig. Jeder geht von dem Kontakt mit ihm beschenkt wieder seines Weges. … Und dann, Stunden später, hat er sein Werk vollbracht: Unter Einsatz seiner eigenen Kräfte und mithilfe anderer, die er durch reine Präsenz zum Mitmachen angeregt hat, hat er für das Auto seiner Nachbarin die Zufahrt freigelegt. Sein eigenes steht daneben, noch immer in den dicken, weißen Schneemantel eingehüllt …

Der winterliche Lehrmeister

Was so zarte, feine, für sich allein genommen unscheinbare Schneeflocken doch alles bewirken können! Sie können uns Menschen dazu anregen, uns an die Qualität der Liebe zu erinnern, die in jeder und jedem von uns angelegt ist. Die kleinen weißen Boten des Himmels vermögen es, das Beste in uns zum Vorschein zu bringen. Sie können uns zu Lehrmeistern werden, auch und insbesondere in dieser Zeit, in der viele von uns noch geneigt sind, mit dem Finger auf andere zu zeigen, zu verurteilen und zu kritisieren. Mithilfe dieser winterlichen Lehrmeister können wir uns auch ganz konkret einer der bedeutsamsten Fragen dieser Zeit stellen, nämlich:

Wie können wir die derzeitigen Herausforderungen in Chancen verwandeln?

Öffnen wir uns mithilfe der Schneeflocken für eine Antwort, können wir uns zuallererst vergegenwärtigen, dass es darum geht, die Dinge Stück für Stück, Schritt für Schritt zu verwandeln. Die Flocken fallen auch nicht alle gemeinsam und zeitgleich vom Himmel, sondern eine nach der anderen. Ähnlich verhält es sich auch mit dem, was wir als Einzelne ausrichten können. Wir müssen nicht gleich die ganze Welt aus der momentanen Krise retten, sondern wir dürfen ganz klein, ganz zart und unscheinbar Schritt für Schritt tun, was wir tun können. Vielleicht können wir selbst tatsächlich oder im übertragenen Sinn die Schneeschaufel zur Hand nehmen und das, was die Wege versperrt, zur Seite räumen. Vielleicht reichen die eigenen körperlichen Kräfte dafür aber nicht aus, dann können wir denjenigen, die Schnee schippen, vielleicht einen Tee aufbrühen, sie mit Worten ermutigen und etwas für sie tun, das ihnen guttut. Jede und jeder von uns kann irgendetwas einbringen. Und wenn die vielen kleinen Liebestaten zusammenkommen, ergibt sich daraus eine gewaltige Liebeskraft, die unaufhaltsam alles ausräumt, was noch nicht in der Liebe ist.

Einfach das "Richtige" tun!

Denn – auch dieses können wir durch die Schneeflocken lernen – wir können wieder für unsere höchsten Werte aufstehen. Trotz aller Bequemlichkeit, trotz aller Vorbehalte und trotz aller Hoffnungslosigkeit aufgrund der vermeintlich fehlenden Perspektive haben wir die Kraft, das „Richtige“ zu tun. Und was ist dieses „Richtige“? Das „Richtige“ ist das, was unser Inneres uns im Namen der Liebe zu tun und zu unterlassen gebietet. Ist es einfach, diesem Ruf zu folgen und das „Richtige“ zu tun? Einfach schon, aber nicht immer leicht. Es ist nicht immer leicht, die eigene Trägheit zu überwinden. Es ist nicht immer leicht, die Argumente im Kopf zu wandeln, die uns zu plausibilisieren versuchen, dass es ausreicht, erst morgen das „Richtige“ zu tun und dass wir allen Grund dazu haben, uns heute noch auszuruhen. Es ist nicht immer leicht, trotz Traurigkeit, Verletzungen und Enttäuschungen selbst das zu tun, was wir uns wünschen, dass andere es stattdessen täten. Es ist nicht immer leicht, eine helfende Hand zu reichen, statt mit dem Finder auf das vermeintliche Fehlverhalten anderer zu zeigen und zu verurteilen. Es ist auch nicht immer leicht, Verschiedenheit zu akzeptieren und ihren Reichtum wertzuschätzen, statt zu versuchen, andere vom eigenen Standpunkt zu überzeugen.

Liebe als Kompass

Ja, was die Liebe vorgibt, mag nicht immer leicht umzusetzen sein, aber es ist lohnenswert, ihrem Rat zu folgen. Die Liebe lässt uns wissen, was zu tun jetzt – genau jetzt (!) – das „Richtige“ ist. Folgen wir ihrem Rat, erleben wir wieder, wie schön und wie effektiv es sein kann, gemeinsam Hindernisse zu überwinden, selbst wenn es erst einmal „nur“ darum zu gehen scheint, etwas Schnee von hier nach dort zu schieben. Doch liegt hinter diesen Kleinigkeiten so viel mehr. Jeder noch so kleine Akt der Gemeinschaft ist wie eine der Schneeflocken, die jede für sich vielleicht kaum etwas ausrichten kann. Zusammen aber können die weißen Boten des Himmels eine bewegende Kraft in Gang setzen. Sie haben bewirkt, dass der ältere Herr und alle anderen Schneehelden in diesen Tagen aufgestanden sind, um in der Kälte draußen das „Richtige“ zu tun. Wenn wir also fragen, wie wir die derzeitigen Herausforderungen in Chancen verwandeln können, liegt hierin eine wichtige Spur für die Antwort: Wir können aufstehen, um das „Richtige“ zu tun. Liebestat für Liebestat können wir gemeinsam neue Wege bahnen in eine neue Zukunft auf einer neuen Erde, die uns eine neue Art von Gemeinschaft verspricht.


 

Dr. Wiebke-Lena Laufer: Wege zum Ich. Klar, selbstbestimmt und kraftvoll leben, jkamphausen, Bielefeld 2019.

Weitere Informationen zum Buch: wegezumich.com

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