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Die Vermittlerin zwischen den Welten

Hochsensibilität neu erzählt, Episode 14

Claudia Mertinger

In einer Zeit, in der Menschen zunehmend in Positionen verharren und die Fronten verschiedener Meinungsgruppen sich immer weiter verhärten, brauchen wir Menschen wie Claudia Mertinger mehr denn je: feinfühlige Vermittler*innen, die nicht nur gelernt haben, zwischen sich und dem anderen eine Brücke zu schlagen, sondern auch wissen, wie sich die scheinbar unüberwindbare Kluft zwischen den eigenen inneren Bedürfnissen und den Anforderungen im Außen schließen lässt. Claudia gehört zu einer neuen Generation junger hochsensibler Menschen, die entschieden haben, sich ganz bewusst in den Dienst dieses Persönlichkeitsmerkmals zu stellen, anstatt immer wieder dagegen anzuarbeiten.

Mein Vater ist gestorben, als ich fünf Jahre alt war, und nach seinem Tod litt meine Mutter lange unter starken Depressionen. Sie verbrachte viel Zeit in ihrer eigenen Welt, und das hat meinem Bruder und mir natürlich zu schaffen gemacht. Ein paar Jahre nach dem Tod meines Vaters organisierte meine Mutter für uns beide separat eine Gesprächstherapie. Meine Therapeutin war toll, bei ihr habe ich mich zum ersten Mal verstanden gefühlt. Ich konnte ihr zum Beispiel sagen, dass ich spüre, wenn es meiner Mutter schlecht geht, obwohl sie sagt, es geht ihr gut. Sie erklärte mir auf eine kindgerechte Art und Weise, dass es so etwas wie Hochsensibilität gibt, wo man mehr wahrnimmt als andere Menschen und leichter verletzt ist. „Na toll,“, dachte ich, „jetzt bin ich so verletzlich wie meine Mutter! Das heißt, mein Schicksal ist, auch traurig zu sein.“
Meine Mutter ging regelmäßig zu einem Psychiater, der ihr ihre Antidepressiva verschrieb. Der hat immer zu ihr gesagt: „Sie dürfen sich nicht stressen lassen, vermeiden Sie jeglichen Stress in ihrem Leben!“ Das übertrug sie zuhause auf meinen Bruder und mich, zum Beispiel, wenn wir uns gestritten haben. „Hört auf, ihr wisst doch, ich darf keinen Stress haben!“ Für mich bedeutete das, ich musste härter werden, und wenn mein Bruder sich in meinen Augen unfair verhielt, musste ich da drüber stehen. Und so fing ich an, meine Laufbahn möglichst fernab von Verletzlichkeit zu gestalten. Ich habe zum Beispiel Fußball gespielt, „weil Mädchen das ja eigentlich nicht machen“, bis hin zu meiner Ausbildung in der IT-Branche. Ich wollte mir immer beweisen, dass ich auch „hart“ sein kann. Paradoxerweise wurde ich dann eines Tages ausgerechnet von einem Kollegen aus der IT angesprochen: „Kann es sein, dass du hochsensibel bist?“ Zuerst habe ich mich angegriffen gefühlt, aber dann habe ich mich an die Therapeutin aus meiner Kindheit erinnert. „Moment, das hat doch schon einmal zu jemand mir gesagt?“ Ich hatte in der ganzen Zeit nie wieder mit jemandem über das Thema gesprochen. So war ich groß geworden, meine Mutter wollte auch immer ihre Depressionen verstecken, machte nach außen hin auf „heile Welt“. Das war ein Muster, das ich übernommen und überall mit hingenommen hatte. Doch jetzt war ich erwachsen, und ich entschied mich, dieses Muster zu durchbrechen. Ich begann, mich in das Thema einzulesen, und es folgte eine Erkenntnis nach der nächsten.

Der Samen fing an zu keimen

Rückblickend betrachtend, war meine Therapeutin ihrer Zeit weit voraus gewesen. Die Forschungen zum Thema Hochsensibilität standen damals noch ganz am Anfang. Da denke ich oft, was hat sie mir für einen Schlüssel an die Hand gegeben! Allein dadurch, dass ich es als Kind schon einmal gehört hatte, war es, als hätte sie einen Samen in mir gesät, der an dem Tag, an dem ich es wieder hörte, anfing zu keimen. All die Jahre hatte ich vermeintlich gegen die Hochsensibilität angearbeitet, und bin dadurch aber genau an dem Ort gelandet, wo ich sie heute auf ganz besondere Weise einsetzen kann.
Viele Menschen, die in die Informatik gehen, sind tendenziell eher introvertiert. Sie brauchen sehr viel Zeit für sich, um aufzutanken, und sie benötigen ihren Freiraum, wo sie der Mensch sein können, der sie sind. Das ist das eine, in der IT kannst du sehr selbstständig arbeiten. Das andere ist, wenn du ein komplex und vernetzt denkender Mensch bist, dann ist das IT-Umfeld eines, wo du dich diesbezüglich austoben kannst. Du musst kreativ sein, oft über den Tellerrand hinausblicken und ein vorausschauendes Gespür dafür haben, wie sich die Dinge entwickeln – denn die IT verändert sich ständig. Oft kommen Dinge zusammen, die thematisch auf den ersten Blick gar nichts miteinander zu tun haben. Es gibt also diesen Freiraum, erst einmal allein zu denken, aber auch die Möglichkeit, diese Idee später mit Gleichgesinnten zu teilen und in dem Rahmen aufzublühen. Ich denke, das ist das, was ganz viele introvertierte Menschen – und unter denen sind naturgemäß auch viele hochsensible – dorthin zieht, ohne dass sie es merken. Zumindest ist es das, was mich persönlich dort hält.

Der Umgangston in der IT ist aber nicht immer der sanfteste. Das ist etwas, das für mich immer unverständlich war. Warum muss ich jemanden respektlos behandeln, damit ich bekomme, was ich will? Das muss doch auch anders gehen. Ich hatte einen Kollegen, der erkannt hatte, dass ich dieses „über den Tellerrand hinausblicken“ richtig gut kann und welchen Wert das für unsere Firma hat. Der hat zu den anderen immer gesagt: „Fragt die Claudia, die weiß das, die kann euch das vorhersagen, die weiß immer, was passiert.“
Er hat mir aber auch einen wichtigen Rat gegeben: „Du musst einen Weg finden, dass du nicht so hart wirst wie die anderen – und gleichzeitig nicht von ihrer Härte zerstört wirst.“
Da habe ich lange darüber nachgedacht und überlegt, wie ich das schaffen kann.
Auf dem Weg zu einer Antwort kam mir ein Gespräch mit einem Taxifahrer zugute. Er erzählte mir von einer Dokumentation des japanischen Parawissenschaftlers Masaru Emoto, der Wasserkristalle fotografierte und zu der Auffassung gekommen war, dass sie ihre Form verändern – und zwar abhängig davon, ob man vorher freundlich oder abweisend mit dem Wasser gesprochen hatte. Im letzteren Fall waren die Kristalle zerstört und nicht mehr symmetrisch. Der Taxifahrer meinte, es würde zwar verrückt klingen, aber irgendwie doch Sinn machen, wenn man bedenkt, dass der Mond die Meere bewegt und der Körper zu 70 Prozent aus Wasser besteht. Wasser ist beeinflussbar und beeinflusst wiederum seine Umwelt. Daraus habe ich für mich den Gedanken gezogen, dass ich wie ein Fluss bin, der im Flussbett die Steine formt, und dass ich das auch mit den Menschen machen kann.

Wenn du das jetzt nicht schaffst, dann hast du gelogen

An dieses Gleichnis erinnerte ich mich, als ich mich in einer Situation mit meinem damaligen Chef wiederfand, in der er mich nicht richtig ernst zu nehmen schien. Er gab mir zu verstehen, dass ich in seinen Augen bloß eine junge Frau war, die mit seiner jahrelangen Berufserfahrung nicht mithalten konnte. Da habe ich mich etwas getraut und ihm eine Antwort gegeben, die wir beide nicht mehr vergessen haben: „Ja, ich bin wie das Wasser. Ich bin ganz weich, du kannst durch mich hindurchschlagen, und ich werde immer nachgeben. Es wird aber der Tag kommen, an dem du merken wirst, dass ich dich geformt habe. Und auf den Tag warte ich.“
Ein halbes Jahr später war es soweit. Wir waren beide in einem großen Meeting, in dem es darum ging, als Unternehmen einen nächsten großen Schritt im Bereich Cloud Computing zu machen. Meine Aufgabe war es, meinem Chef die dazugehörige Strategie vorzustellen. Es fiel ihm schwer, zu vertrauen, und noch schwerer, diesen Umstand zuzugeben. Er war jemand, der die Dinge erst einmal komplett durchdringen musste, um sich eine Meinung bilden zu können. Und so sagte er zu allen meinen Vorschlägen nein. Jedoch nicht, weil sie ihm nicht gefielen, sondern weil er sie nicht richtig verstand, das spürte ich. Ich kam nicht zu ihm durch. Da dachte ich wieder an das Wasser. „Jetzt ist der Moment, wo du beweisen kannst, dass du wie das Wasser bist“, sagte ich mir, „wenn du das jetzt nicht schaffst, dann hast du gelogen.“
Ich habe mir dann eine Woche Zeit genommen und habe die Präsentation noch einmal ganz anders aufgebaut. Ich habe mir überlegt, was seine Zusatzfragen zu der übergeordneten Frage sein werden und entsprechende Antworten skizziert. Genauso war es dann auch. Beim nächsten Termin stellte er genau die Fragen, die ich antizipiert hatte, und ich konnte ihm verschiedene Möglichkeiten anbieten, mit diesen Fragestellungen umzugehen. So haben wir uns Frage für Frage durch die Strategie gehangelt. Heute bin ich für das gesamte Thema allein verantwortlich und er hat mich dazu nie wieder befragt. Das war eine große Herausforderung, die im Nachgang aber auch mit einem großen Erfolg verbunden war. Tatsächlich hat er später einmal zu mir gesagt, dass er inzwischen sehen kann, welch positiven Einfluss ich auf die gesamte Abteilung habe. „Weil du so bist, wie du immer sagst, wie das Wasser.“

Es hatte also funktioniert, und die Wasser-Metapher wurde zu meinem persönlichen Mantra. Immer dann, wenn ich dachte, ich muss meinem Gesprächspartner gegenüber härter werden, damit wir die gleiche Sprache sprechen, habe ich mich an sie erinnert. Hochsensible versuchen oft, so zu sprechen, dass der andere sie versteht, und zu gern versetzt man sich zuerst in den anderen hinein. Ich versuche erst, mich in mich hineinzuversetzen, und mich erst dann zu fragen, was der andere erreichen will. In der Mitte finden wir uns dann. Ich habe auch gelernt, dass ich meine Meinung haben und auch sagen darf, und dass es in Ordnung ist, wenn andere in manchen Situationen stärker sind, ich aber gleichzeitig ihre Schwächen anerkennen kann. Viele hochsensible Menschen haben hohe moralische Wertevorstellungen, an denen sie festhalten, und es ist auch mir schwergefallen, das eine oder andere etwas lockerer zu sehen, zum Beispiel den Umgangston bei Meinungsverschiedenheiten. Da gilt es, zwischen dem eigenen Innenleben und dem Außen eine Balance zu finden. Wo kann ich den anderen sein lassen, wie er ist, aber meine Werte trotzdem nicht aufgeben? Wo finde ich da den Kompromiss? Nicht nur zwischen mir und einer anderen Partei, sondern auch zwischen mir und dem Außen an sich.  

Der Graubereich zwischen schwarz und weiß ist unendlich groß

Es gab aber auch eine Zeit, da war ich noch nicht so geübt darin, zwischen meinem Innenleben und den Anforderungen der äußeren Welt zu vermitteln. Ich stand kurz vor einem Burn Out, war ständig krank, schlecht gelaunt, und die kleinsten Sachen haben immer leichter dazu geführt, dass mein ganzer Tag hinüber war. Irgendwann habe ich mich gefragt, was ich bloß falsch mache. Mir wurde klar, dass ich über einen viel zu langen Zeitraum meine Bedürfnisse ignoriert hatte. Ich versuchte, wieder ganz bewusst auf mein Gefühl zu hören: "Will ich das gerade wirklich?" Zum Beispiel eine Diskussion weiterführen oder noch zwei Stunden Arbeit anhängen, obwohl ich eigentlich schon „durch“ bin. Da habe ich mich Stück für Stück der Erkenntnis genähert, dass, wenn es in der inneren Welt nicht passt, es in der äußeren auch nicht passen wird. Dein Körper und deine Psyche signalisieren dir das hundertfach, du kriegst so viele Chancen, das zu realisieren, aber irgendwann musst du auch darauf hören. Dafür musst du nicht hochsensibel sein, denn jeder Mensch hat das Bedürfnis, sein Naturell auszuleben, und das muss nicht so sein, wie es die Gesellschaft von einem verlangt. Das heißt nicht, dass man komplett abdrehen oder buddhistischer Mönch werden muss, der nur noch meditiert. Es gilt, die goldene Mitte für sich finden, und das ist möglich, weil der Graubereich zwischen schwarz und weiß unendlich groß ist. Irgendwo darin können wir immer wieder neu unseren Platz finden, an dem wir immer noch unsere Werte einhalten und trotzdem in dieser äußeren Welt funktionieren können. Auf diese Weise vermittelt man auch zwischen der äußeren und der inneren Welt.

Nachdem zu meinem beruflichen Stress auch noch eine persönliche Krise dazugekommen war, habe ich schließlich zu meinem Chef gesagt: „Ich brauche dringend ein paar Wochen Urlaub, bitte genehmige mir das. Ich weiß, es ist doof, wenn die Arbeit kein anderer macht, aber ich brauche das jetzt!“ Ich bin dann mit meiner Freundin mit dem Rucksack nach Bali geflogen. Und dort gab es einen Moment, von dem ich immer sage, das ist der Moment meines „Erwachens“.  Ich saß allein am Strand, und auf einmal wurde mir klar, dass all der Mist, der mir in den Monaten zuvor passiert war, mich dorthin geführt hatte. An diesen wunderschönen Ort, wo ich auf's Meer schaute und eine Wahnsinnsdankbarkeit verspürte. Das war es alles wert, das hat alles Sinn gemacht, und dieser Moment hat mein Leben verändert.

Ich versuche, die Flughöhe zu verändern

Mir war aber auch klar, dass der Urlaub wieder vorbeigehen und der Alltag wiederkommen wird. Wenn man 16.000 Kilometer von zu Hause entfernt ist, schauen die Probleme viel kleiner aus. Sie sind nicht weg, aber manchmal tut es gut, die Flughöhe zu verändern. Ich habe mir dann einen kleinen Vogel auf das Handgelenk tätowiert, als Erinnerung. Wenn es wieder mal doof läuft, dann versuche ich, die Flughöhe zu verändern und zu schauen: Was ist eigentlich alles gut? Das kann nicht immer der weiße Traumstrand sein, manchmal sind es auch vermeintliche Basics wie warmes fließendes Wasser. Man kann nicht immer in den Sphären schweben, in denen man im Urlaub unterwegs war, aber man kann sich Kraftquellen im Alltag suchen. Ich habe mich dem Schreiben gewidmet, bin häufiger in die Natur gegangen und habe gelernt, mit mir allein zu sein, ohne mich einsam zu fühlen, sondern sogar Kraft daraus zu schöpfen. Ich habe mich mit Menschen umgeben, die mir guttun, sowohl spirituelle Menschen, als auch welche, die damit gar nichts anfangen können. Die große Veränderung ist, dass ich auch heute noch manchmal traurig bin und manchmal wütend, aber nicht mehr so lange wie früher. Weil ich nicht versuche, es wegzudrängen oder mit einer forcierten Positivität in etwas umzuwandeln, was es nicht ist. Stattdessen sage ich, es ist jetzt da, und ich lasse es jetzt zwei Stunden da sein oder bis morgen, aber dann entscheide ich, mich wieder auf etwas Neues zu fokussieren.
Letztendlich sind wir für unser Glück ganz allein verantwortlich. Äußere Faktoren führen höchstens dazu, uns daran zu erinnern, dass unser inneres Licht aufflackert oder auch mal lichterloh brennt, aber es kann nie ausgehen, das Licht. Wir können es vielleicht verdecken oder uns davon wegdrehen, denn viele Menschen schauen viel zu sehr auf den Schatten. Sie suchen die Verantwortlichkeit im Außen, dafür, dass sie sich schlecht fühlen. Ich könnte meinen Fokus auch darauf ausrichten, dass ich ohne meinen Vater und auf gewisse Art auch ohne meine Mutter aufgewachsen bin, aber ich bin auch alles, was ich jetzt bin, weil es so war. Ich trage dieses Licht in mir, weil dieser Schatten da war, und den Schatten gibt es nicht ohne das Licht. Sicher gibt es auch Momente, in denen wir traurig sind, weil es mit dem Partner nicht geklappt hat oder mit dem Jobangebot, aber wir dürfen nie unser inneres Selbstvertrauen verlieren oder unser inneres Licht, bloß, weil sich im Außen irgendwas verändert. Das ist das Wichtigste, egal ob hochsensibel oder nicht.

Mich interessiert das natürliche Licht im Menschen

Es gibt Menschen, die unbedingt auffallen wollen, die durchschaut man leicht, zum Beispiel Narzissten. Die machen eine Riesenshow, aber eigentlich steckt ein ganz kleines Ego dahinter. Ich glaube, gerade Hochsensible erkennen das ganz schnell, dass die, die nicht so eine große Show um sich selbst machen, eigentlich das authentischere Licht haben. Als Weinliebhaberin vergleiche ich das gerne mit Wein: Wenn du Wein ins künstliche Licht hältst, dann erkennst du seine Farbe nicht so gut, als wenn du ihn in natürlichem Licht betrachtest. Mich interessiert das natürliche Licht in Menschen. Das kann mal ein Kerzenlicht oder auch mal ein Lagerfeuer sein. Das ist vielleicht unterschiedlich groß, aber die Glühbirne, die man künstlich anmacht, die interessiert mich überhaupt nicht, das ist wie ein Scheinwerferlicht im Außen, das man auf seine vermeintlich besten Seiten leuchtet. Mich interessiert, was im Innern los ist. Menschen, die nicht so eine Show um sich selbst machen, die haben ganz oft eine spannende Geschichte zu erzählen. Mit denen setze ich mich gern zusammen, und Schritt für Schritt kommt man dem Licht näher, wenn du einfach mal nur da bist und nichts in Frage stellst. Menschen öffnen sich, wenn sie merken, dass sie sie selbst sein können, und dann profitieren in einem Gespräch beide – derjenige, der tiefe Gespräche liebt und die Möglichkeit, hinter die Fassade zu blicken, aber auch derjenige, der einfach nur erzählen darf. Mich erfüllt es, wenn mir jemand seine Geschichte anvertraut und aus sich herauskommt. Ich habe schon ein paar Mal gehört, dass Menschen Dinge gemacht haben, die sie ohne mich nicht gemacht hätten, zum Beispiel, dass sie sich irgendwo beworben haben. Später bedanken sie sich dann bei mir, dabei bin ich mindestens genauso dankbar dafür, dass ich diese Menschen auf eine Weise kennenlernen durfte, wie andere sie vielleicht (noch) nicht kennengelernt haben.
Wenn immer mehr Menschen anfangen, ihr eigenes authentisches Licht zu sehen – was könnte das für den Weg der Welt zurück ins Licht bedeuten? Werbung, Erziehung und all die Dinge im Außen, mit denen wir so groß werden, die verhindern viel zu oft, dass unser natürliches Licht leuchten darf. Ich habe mich auch sehr lange mit meinem Glühbirnenlicht identifiziert. Es muss nicht immer ein Stromausfall sein, es könnte auch bloß ein Flackern sein, dass einen Menschen daran erinnert, dass es an der Zeit ist, eine Kerze anzuzünden. Früher oder später kommt jeder an den Punkt, dass das künstliche Licht mal ausfällt, und dann brauche ich etwas, das in mir leuchtet. Da bekommt auch der Begriff Burn Out eine ganz andere Qualität.

Was möchte ich bei dem anderen säen?

Als ich aus Bali wiederkam, haben viele gesagt, „du bist so verändert und wie schön für dich, aber bei mir geht das nicht. Wenn du wüsstest, was ich in meinem Leben alles erlebt habe!“ Sie waren in diesem Jammermodus, in dem ich selbst früher war. Es gab auch Menschen, die sagten, „Ich wäre gern wie du, ich weiß, dass du vorher nichts spirituell warst, und auf einmal glaubst du an diese Sachen, aber ich schaffe das nicht, an irgendetwas zu glauben. Ich glaube nicht ans Universum oder an Gott, und ich will auch kein Yoga machen.“ Diesen Menschen, die sagen, „das ist nix für mich, aber ich wäre auch gern glücklich“, die möchte ich ermutigen und auf den Boden der Tatsachen zurückholen. Spiritualität heißt nicht, den ganzen Tag lang zu meditieren, alles Negative auszublenden und dann passiert dir auch nichts mehr. Es heißt, damit stimmig umzugehen, was auch immer das für dich ganz persönlich bedeutet. Im Grunde bist du dein eigener Gott, egal an was du glaubst - Schicksal, Zufall, ganz egal!  
Nur eines sollten wir uns bewusst machen: Mit allem, was wir tun, überall säen wir einen Samen. Irgendwann keimt er oder er keimt nicht, und wenn er keimt, kann es sein, dass wir es nicht mitkriegen. Den Anspruch müssen wir loslassen, dass wir unbedingt sehen wollen, wie unser Keimling in einer anderen Person wächst. Aber überall können wir anderen Menschen etwas von uns mitgeben. Wie meine Therapeuten in meiner Kindheit mit ihrem frühen Wissen über Hochsensibilität einen Samen gesetzt hat oder der Taxifahrer mit seiner Erkenntnis über das Wasser. Wenn ich mit dem Bewusstsein lebe, dass ich überall etwas säe, sowohl positiv als auch negativ, dann frage ich mich vielleicht auch ganz bewusst: Was möchte ich bei dem anderen säen? Wenn ich damit achtsamer umgehe, ohne den Anspruch, selbst davon zu profitieren, dann kann sich viel ändern in der Welt. In jedem Fall wird sie ein Stück mehr leuchten – von innen.


Claudia Mertinger, Jahrgang 1990, ist in Wien aufgewachsen. Nach einem längeren Aufenthalt in Italien, lebt und arbeitet sie heute in München.

Dieser Artikel ist Teil des Blogs What's your Story - Hochsensibilität neu erzählt
Hier gibt Autorin und Story Coach Sabrina Görlitz hochsensiblen Menschen die Möglichkeit, ihre ganz persönliche Geschichte zu erzählen und endlich gehört zu werden.

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