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Spiritualität als Warteschleife

Ihre Verbindung wird gehalten

von Dr. Wiebke-Lena Laufer

Warteschleifen sind in der Regel lästig und zeitraubend. Aber können wir die Warterei nicht auch ganz bewusst und sinnvoll für uns nutzen?

Wie ist es um Ihre Erfahrung mit Warteschleifen bestellt? Kennen Sie das? Sie möchten eine Störung melden, haben ein Reparaturanliegen, möchten eine Information von einem Dienstleister, haben eine Reklamation vorzunehmen oder möchten Ihren Urlaub umbuchen. Sie wählen die Ihnen für das entsprechende Anliegen bekannte Nummer und landen erst einmal in einer Warteschleife.

Da ist Geduld gefragt

Vielleicht begrüßt Sie eine freundliche Computerstimme und bittet sie darum, mit einer achtzehnstelligen Zahlenkombination zuerst einmal Ihr Anliegen zu spezifizieren. Vielleicht wird Ihnen auch in Aussicht gestellt, dass Sie der Anrufer auf der Position 35 sind oder dass die geschätzte Wartezeit für Sie etwa 44 Minuten dauert. Möglicherweise wird es dann still oder die immer gleiche Bandansage wiederholt sich in regelmäßigen Abständen. Vielleicht hat sich der Gesprächspartner Ihrer Wahl aber auch die Mühe bereitet, Ihnen etwas Musik einzuspielen oder er nutzt die Zeit, um sie noch auf dieses oder jenes seiner auch sehr interessanten Produkte und Angebote hinzuweisen. Vielleicht wird Ihnen freundlich durch die Blume die Frage gestellt, ob Sie Ihr Anliegen nicht auch über die Internetseite klären könnten, auf der bereits die wichtigsten FAQs zusammengestellt sind. So oder so ähnlich könnte eine Ihrer Erfahrungen mit solchen Warteschleifen bereits ausgesehen haben oder sich noch ereignen, wenn Sie das nächste Mal zum Hörer greifen, um ein Anliegen zu klären, das von aktueller Bedeutsamkeit für Sie ist.

Überbrückung von Warteschleifen

Nun mal ehrlich: Sind diese Warteschleifen nicht außerordentlich nervig? So sehr mancher Anbieter auch den Aufwand betreibt, die Wartezeit möglichst kurzweilig zu gestalten, wir wünschen uns doch, möglichst schnell durchzukommen. Wir wollen mit jemandem sprechen, dem wir unser Anliegen vortragen können und von dem wir uns erhoffen, dass er es entweder für uns löst oder aber uns jene Beratung zuteilwerden lässt, die wir brauchen, um unser Anliegen aus der Welt zu schaffen. Die Expertise, die Kompetenz und damit der Mensch hinter der Warteschleife sind unser Ziel. Und jetzt fragen Sie sich bitte einmal: Was tue ich eigentlich, während ich darauf warte, an diesem Ziel anzukommen? Schreiben Sie nebenbei eine E-Mail? Bereiten Sie das Mittagessen vor? Lesen Sie etwas? Spielen Sie mit Ihren Kindern? Führen Sie zeitgleich ein anderes Telefonat? Schauen Sie mal kurz in Ihren Social-Media-Kanälen vorbei, um zu erfahren, was sich dort getan hat? Gießen Sie die Blumen?

Wartezeit ist Lebenszeit

Was es auch sei, die meisten von uns versuchen diese ungewollte Wartezeit vermutlich mit irgendetwas zu füllen, das ihnen in diesem Moment sinnvoller erscheint, als sich die immer wiederkehrende Bandansage anzuhören, die aus dem Telefon erschallt. Und vielleicht kommt auch dann und wann der Gedanke auf, aufzulegen und es morgen noch einmal zu versuchen. Vielleicht kommen Sie dann ja schneller durch. Was haben Warteschleifen nun mit Spiritualität zu tun? Immerhin haben Sie – ähnlich wie bei einer Warteschleife – nun schon einiges Ihrer Lebenszeit investiert, um diesen Artikel bis hierher zu lesen. Also wollen Sie sicher und auch ganz zu Recht zu dem Ziel hinter der „Warteschleife“ vordringen, statt sich nun weiterhin mit dem Sinn und dem Unsinn der Strukturen von Callcentern zu befassen. Um es auf den Punkt zu bringen: Die Warteschleife ist ein Sinnbild für unser Leben und Spiritualität ist das Wissen darum, dass unsere Verbindung zum Namenlosen gehalten wird, unabhängig davon, wie wir unsere „Wartezeit“ füllen. Kommen wir diesem Sinnbild noch genauer auf die Spur.

Die Warteschleife als Sinnbild

Es ist tief in unserem Menschsein angelegt, sich an irgendeinem Punkt zu fragen, ob es noch etwas Größeres als uns selbst gibt. Die Auslöser für ein solches Fragen können so unterschiedlich sein, wie wir Menschen selbst. Viele von uns stellen die großen Fragen des Lebens aus Situationen von Not und Bedrängnis heraus. Das ist ähnlich wie der Anruf beim Callcenter, den die meisten Menschen eher deshalb tätigen, weil sie ein Problem lösen möchten und weniger häufig deshalb, weil sie sich für die fantastische Arbeit bedanken möchten, die das Unternehmen ihres Vertrauens leistet.

In Kontakt kommen mit dem Namenlosen

Ob aus Frustration oder aus Dank heraus, es gibt ein Drängen im eigenen Inneren, über sich selbst hinauszugehen und sich an das Namenlose zu wenden, dem Menschen bereits viele Namen gegeben haben: „Universum“, „Gott“, „Allah“, „JHWH“, „Brahman“, „Reines Bewusstsein“ etc. Ist die Nummer einmal gewählt, wird ein Prozess in Gang gesetzt, der uns letztendlich zu unserem Ziel führen wird, nämlich dahin, mit dem in Kontakt zu kommen, was sich hinter der Barriere der Warteschleife verbirgt. Nun ist es an uns, zu wählen, wie wir die Zeit in der Warteschleife verbringen. Wir können sie mit vielfältigen vermeintlich sinnvollen Aktivitäten füllen, weil wir hoffen, dass dadurch die Zeit schneller vergeht. Das machen viele Menschen, indem sie ihr Leben mit allerhand Betätigungen verbringen, die spätestens im Moment ihres physischen Todes vollkommen belanglos sein werden. Das ist „normal“, aber nicht spirituell.

Wartezeit als kostbare Gelegenheit

Sich bewusst auf das spirituelle Abenteuer des Lebens einzulassen, bedeutet, die offensichtlich nervige Wartezeit als das zu erkennen, was sie tatsächlich ist: eine kostbare Gelegenheit, um die eigene Rückverbindung zum Namenlosen zu erforschen. Dazu müssen wir bereit sein, hinter das Offensichtliche zu schauen. Es gibt so vieles, das wir für selbstverständlich und damit für offensichtlich halten in einer Welt, in der Menschen vornehmlich nach materiellem Wohlstand, nach Komfort, nach Macht und Prestige, nach körperlicher Optimierung, dem „perfekten Lebenslauf“ und weiteren nur zeitweiligen Habseligkeiten streben. Aber wie machen wir das? Wie können wir unser Leben mehr und mehr zu einer Demonstration unserer niemals abbrechenden Verbindung zum Namenlosen machen?

Verbindung herstellen - auch in der Warteschleife

Wenn wir es als unser Ziel wählen, uns bewusst mit dem Namenlosen zu verbinden, das hinter all dem Offensichtlichen des Lebens liegt, dürfen wir genau das üben: Wir dürfen üben, unsere Bewusstheit zu vertiefen. Das gelingt, indem wir unsere spirituelle Praxis nicht allein auf das Mediationskissen oder den Rahmen unserer Gebetspraxis begrenzen, sondern indem wir nach und nach unser ganzes Leben zu einem Ausdruck unserer eigenen bewussten Rückverbindung zum Namenlosen werden lassen.

Alles eine Frage der Herangehensweise!

Warteschleifen sind dafür ein sehr geeignetes Übungsfeld. Offensichtlich sind sie nervig und stehlen Zeit. Was aber liegt hinter dem Offensichtlichen? Vielleicht mögen Sie es einmal ausprobieren: Wenn Sie das nächste Mal in einer Warteschleife geparkt werden, dann lassen Sie sich vielleicht davon faszinieren, dass Menschen zu so etwas Großartigem im Stande sind, wie eine Computerstimme zu entwickeln. Wenn Sie dann Ihre Zahlenkombination eingeben, staunen Sie vielleicht über das Phänomen, dass diese Zahlen Sie durch das Tippen Ihrer Finger Ihren gewünschten Weg durch die Tiefen des Callcenters direkt zu Ihrer Wunschperson vorzeichnen. Wenn Sie dann Ihre Warteposition hören, dann denken Sie vielleicht an die anderen Menschen, die ebenfalls mit Ihnen auf dem Weg sind. Obwohl sie gerade niemanden am Apparat hören, sind sie nicht allein. Was dort wohl hinter den Kulissen alles vor sich geht, während Sie der Bandansage lauschen.

Während des Wartens im Hier und Jetzt sein

Und die geschenkte Zeit? Sie können sie als ein willkommenes Geschenk verstehen, um sich in diesem Moment, im Jetzt, zu versenken. Vielleicht atmen Sie dazu ein paar Mal tief durch und konzentrieren sich auf das Innere Ihres Körpers. Nehmen Sie die Lebensenergie wahr, die in Ihnen pulsiert. Es ist doch erstaunlich, welches Wunderwerk Ihr Körper ist, welches Wunder Sie selbst sind! Nehmen Sie diesen Moment einfach genauso wahr, wie er jetzt ist. Wertschätzen Sie ihn und haben Sie den Mut, ihn ganz bewusst nicht durch ablenkendes, wenn auch noch so sinnvoll wirkendes Tun zu verwässern.

Hinter das Offensichtliche treten und erkennen

Wie Sie sich auch entscheiden mögen, es liegt ganz bei Ihnen, inwieweit Sie die vermeintlich unwichtigen, selbstverständlichen und offensichtlichen Momente des Alltags in Ihrer Tiefe zu durchdringen und sich dessen immer bewusster werden möchten, was hinter dem Offensichtlichen liegt. Der Verstand wird natürlich dagegen aufbegehren, wenn Sie dem weniger Offensichtlichen mehr Bedeutung beimessen als dem Offensichtlichen. Aber darin liegt schon die nächste Gelegenheit zur mehr Bewusstheit: Was liegt eigentlich hinter den offensichtlichen Gedanken, die Sie tagtäglich denken? Vielleicht haben Sie Lust, dem noch genauer nachzuspüren. Und während Sie damit befasst sind, immer mehr Gelegenheiten für persönliches und damit auch für spirituelles Wachstum zu entdecken, dürfen Sie darauf vertrauen, dass das „Callcenter“ immer für Sie bereitsteht. Unabhängig davon, ob Sie jetzt oder später den Hörer zur Hand nehmen, selbst dann, wenn Sie vergessen, dass sich hinter der Nummer kostbare Expertise verbirgt, unabhängig also von dem, was Sie tun oder unterlassen, Sie dürfen darauf vertrauen: … Ihre Verbindung zum Namenlosen wird gehalten …


 

Dr. Wiebke-Lena Laufer: Wege zum Ich. Klar, selbstbestimmt und kraftvoll leben, jkamphausen, Bielefeld 2019.

Weitere Informationen zum Buch: wegezumich.com

Sieben Verlage unter einem Dach - Kamphausen.Media aus Bielefeld mit den Imprints jkamphausen, Aurum, fischer&gann, Theseus, Lüchow, LebensBaum sowie der Tao.Cinemathek verlegt seit über 35 Jahren Bücher in den Themenbereichen Persönlichkeitsentwicklung, ganzheitliche Gesundheit, Meditation, Spiritualität und Psychologie. Unser Ziel ist es, mit unseren Produkten jeden Menschen auf seinem Entwicklungsweg in seinen Talenten und seinem Bewusstsein, seinem Glück und seiner Essenz bestmöglich zu unterstützen.
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