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Die Magie der Trauer

Hochsensibilität neu erzählt, Staffelfinale

von Sabrina Görlitz

März 2021. Immer noch Pandemie. Für einen kurzen Moment war eine landesweite Osterruhe angesetzt. Einen Tag später wurde sie wieder zurückgenommen. Der Plan der verordneten Stille hatte den wütenden Protesten nicht standgehalten. Ich kenne mich zu wenig aus, um beurteilen zu können, ob der Plan im „Außen“ funktioniert hätte, ob er finanzierbar war oder die Umsetzung juristisch haltbar. Mich interessiert das Innen. Ich bin der Meinung, dass der äußere Lockdown die kleinere Rolle spielt, solange es nicht gelingt, den inneren Lockdown, in dem sich so viele Menschen befinden, endlich zu beenden. Dafür braucht es eine Öffnungsstrategie, die sich nicht mit Hygienekonzepten und Abstandsregelungen befasst, sondern eine, die sich dem zuwendet, um was es in der Tiefe wirklich geht. Hoch intuitive Menschen können dabei helfen, diese Strategie zu entwerfen.

Um meinen Ansatz zu veranschaulichen, möchte ich mit einer kurzen Exkursion auf den Meeresgrund beginnen. Seesterne sind eine sogenannte „Schlüsselspezies“, eine Art, die im Vergleich zu ihrer geringen Häufigkeit einen unverhältnismäßig großen Einfluss auf die Artenvielfalt einer Lebensgemeinschaft ausübt. Wenn Seesterne aus dem Ökosystem verschwinden, wäre keine andere Art in der Lage, ihre ökologische Nische zu besetzen. Das Ökosystem würde sich dramatisch verändern oder sogar kollabieren. Und wenn die Meeresumwelt aus der Balance gerät, beginnen auch die Seesterne zu sterben – tatsächlich sterben sie bereits in Massen. Ein trauriger Indikator für das bedrohliche Ungleichgewicht, in dem sich unsere Natur befindet.
Ich halte hochsensible Menschen, beziehungsweise diejenigen unter ihnen, die sich von meiner Sicht auf Hochsensibilität angesprochen fühlen – eine „Untergattung“ sozusagen, deren Hauptmerkmal eine hohe Intuition ist – als eine Schlüsselspezies für unsere menschliche Welt. Weil sie über eine Gabe verfügen, die wie die Seesterne vom Aussterben bedroht ist, und die wir meiner Meinung nach aber gerade mehr brauchen als alles andere. Eine Fähigkeit, die wir in der westlichen Welt nahezu flächendeckend verlernt haben, und an deren Stelle stattdessen eine erschreckende Zunahme an Depressionen getreten ist, die diese dringend benötigte Gabe in Schach hält und sie der Chance beraubt, sich wieder zu regenerieren, auszubreiten und zu entfalten. Ich rede von der Kunst zu trauern.

Inspiration, Reframing und ein omnipräsenter Hoffnungsschimmer

In den vergangenen Monaten gab es unzählige Artikel und Beiträge darüber, was die Botschaft dieser Pandemie sein könnte. Was wir daraus lernen können, wie wir mit dieser „neuen Normalität“ umgehen und sie zu unserem Vorteil nutzen können. Meistens ging es dabei um Inspiration, um „Reframing“ und um einen omnipräsenten Hoffnungsschimmer. Beinahe zwanghaft, so erschien es mir mitunter, wurde mit neuen Perspektiven gedealt und immer wieder versucht, das Positive in der Krise zu sehen. Ich weiß, dass alle diese Vorschläge gut gemeint sind, aber inzwischen ermüden sie mich eher, anstatt dass sie mich wirklich inspirieren. Weil ich das Gefühl habe, dass jeder dieser „Fühl dich gut“- beziehungsweise „Fühl dich besser"-Texte wie ein Ohrstöpsel ist, der ein ums andere Mal dafür sorgt, dass wir immer wieder überhören, was uns die Erde mit schwindender Kraft eigentlich zuflüstern will.
Mich erinnern diese Beiträge an die „Geschichten der Ein-Prozent“. Die Geschichten, die Menschen erzählen, wenn jemand aus ihrer Mitte unheilbar erkrankt ist, an Krebs zum Beispiel. Da gibt es immer jemanden, der jemanden kennt, der wiederum jemanden kennt, der trotz niederschmetternder Diagnose (noch) nicht gestorben ist und entgegen aller Wahrscheinlichkeit „gut damit lebt“. Das sind die Geschichten, die Hoffnung machen sollen, dass es einem selbst auch so ergehen wird. Dass man der eine von 100 ist, dessen Geschichte es wert ist, erzählt zu werden – und nicht einer von den 99 anderen, die den „Kampf verloren haben“. Als ob es jemals einen Kampf mit gleichberechtigter Ausgangslage für alle Beteiligten gegeben hätte. Mir sind diese Geschichten sehr vertraut – zum einen, weil ich auf einer Palliativstation arbeite, zum anderen, weil mein Vater einer von den 99 Unauserwählten war, die es nicht geschafft haben. Ein paar Monate lang war seine Story eine Geschichte der Hoffnung, und dann, innerhalb von ein paar Tagen, nur noch eine traurige Geschichte, die nach westlichen Standards betrachtet nicht mehr erzählenswert war. Dabei war sie so viel mehr. Und vor allem war sie noch nicht zu Ende.

Wie bei vielen Hochsensiblen, ist mein Hörsinn am stärksten ausgeprägt. Die Geschichte des Sterbens meines Vaters, und wie sie sich für mich angefühlt hat, kann ich daher am besten in Tönen erzählen. Der erste Akt beginnt mit dem Klingeln des Festnetzes an einem Morgen im Februar, an dem nicht wie sonst mein Vater am anderen Ende war, sondern mein Bruder. Die Geräusche der Beatmungsmaschine und das ewige Piepen der Monitore – der zweite Akt. Das Rasseln seiner Lungen kurz vom Ende des dritten Aktes. Im Epilog das Läuten der Kirchenglocken im Juli, als ich auf den Altar zugehe, vor dem Papas Urne steht. Die Ruhe, als ich mich aus dem Gewusel der Trauerfeier schleiche und allein zurück zum Friedhof gehe, mich auf den noch unbeschrifteten Grabstein setze und dem Friedhofsgärtner dabei zuschaue, wie er in stiller Geschäftigkeit die Kränze arrangiert.

Wenn wir geboren werden, fallen wir aus dem Takt

Der Autor und Pädagoge Martin Prechtel schreibt in seinem großen kleinen Buch The Smell of Rain and Dust, dass der erste schwerste Verlust, wenn wir den Uterus verlassen und geboren werden, das Verlieren des Herzschlags unserer Mutter ist. Darüber hatte ich noch nie nachgedacht. Es wird viel davon gesprochen, dass das erste Trauma unseres Lebens das Erlebens der Schwerkraft ist, zu spüren, dass wir einen Körper zu haben. Aber das ein buchstäblich urvertrautes Geräusch auf einmal verschwindet, ein bislang fester Bestandteil meines Lebensliedes, und ich nur mit dem einsamen Rhythmus meines eigenen Herzschlags zurückbleibe, in dieser fremden lauten Welt – das war ein völlig neuer, wenn auch komplett schlüssiger Gedanke. In dem Moment, wo unser eigenes kleines Herz im Uterus angefangen hat zu schlagen, beginnen wir dieses Gebärmutterleben in zwei getrennten aber dynamisch miteinander verflochtenen und voneinander abhängigen Kadenzen – dem stetigen Puls unserer Mutter und unserem eigenen, viel schnelleren Herzschlag. Es ist kein einheitlicher Rhythmus, eher eine Synkope, in jedem Fall unser erster persönlicher Groove. Und dann, wenn wir geboren werden, fallen wir im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Takt, und irgendwann können wir uns nicht einmal mehr an ihn erinnern – zumindest nicht bewusst.
In Zeiten der Trauer jedoch, wenn wir uns offen halten und wirklich lauschen, dann verbindet sich unser Unterbewusstsein mit dem Puls der Erde, und wir können ihn wieder hören: diesen heiligen Rhythmus, der im Zusammenspiel mit unserem Herzschlag unser ureigenes Lied wieder zum Leben erweckt. Das gilt auch für den geliebten Menschen, um den wir trauern – denn auch sein Lied ist noch nicht zu Ende. So wie früher im Radio, als die Übergänge noch nicht nahtlos waren und ein paar stille Sekunden verstrichen, bevor der nächste Song gespielt wurde. Diese Stille ist nicht die Annullierung des Liedes oder das Verschwinden des Liedes. Es ist der Rest des Liedes, auf das der Sänger allein nicht kommen konnte. Die Stille nach dem letzten Atemzug ist der Teil der Geschichte, den der Verstorbene nicht mehr selbst erzählen konnte.

Diese Gedanken über die Stille nach dem Song, sie sind nicht von mir – sie stammen von Stephen Jenkinson, einem kanadischen Autor, Musiker und Philosophen, der lange als Seelsorger in der Palliative Care gearbeitet hat. Er hat ein grandioses Buch für unsere Zeit geschrieben: Die Wise, Stirb weise. Stephen Jenkinsons Werk ist eine Schatztruhe, die ich nach dem Tod meines Vaters auf einer weit entfernten Insel fand. In dieser ganz besonderen Zeit der Trauer, als mein Herz das Signal von „Radio Grief“ empfing. Was ich damit meine: Die Sehnsucht nach dem verklungenen Herzschlag meines Vaters hatte meinen inneren Sendersuchlauf gestartet nach einer Station, die mir Antworten sendet. Und ich hatte eine frische offene Wunde, die es möglich machte, diese Antworten auch zu empfangen.

Wir brauchen eine Schatzkarte, die uns den Weg weist

Viele Menschen haben Angst, dass ihre Trauer nicht beantwortet wird, aber ich habe eine andere Erfahrung gemacht. Trauer ist ein sicherer Ort, ein Ort, der uns Gefühle bringt, die lebendig und wahr sind, und uns wertvolle Erkenntnisse darüber bringen können, wie man glücklich sein kann. Doch um die Schätze der Trauer zu heben, brauchen wir auch eine Schatzkarte, die uns den Weg weist. Um sie lesen zu können, müssen wir uns offen halten für die Sprache unserer Herzen, anstatt im Trauer-Analphabetismus und im inneren Lockdown zu verweilen.

Der Ausgangspunkt meiner persönlichen Schatzkarte liegt in Irland. Als ich Ende Zwanzig war, arbeitete ich in Dublin. Ich hatte eine kanadische Arbeitskollegin, und sie sagte mir zum Abschied, dass ich, sollte ich jemals Kanada bereisen, eine Insel namens Salt Spring Island besuchen sollte. Sie wäre zwar selbst noch nie dagewesen, aber sie hätte das starke Gefühl, da wurde irgendetwas auf mich warten. Nun, es dauerte fast zehn Jahre, bis ich tatsächlich nach Kanada flog – im Herbst 2019, wenige Monate nachdem die Kirchenglocken in meiner Heimatstadt auf eine Art und Weise geläutet hatten, wie ich sie nie zuvor gehört hatte. Ich wollte nach Papas Tod das Momentum nutzen und mir etwas gönnen, was ich mir nicht leisten, aber ohne Hemmungen auf meine Kreditkarte setzen konnte: Eine Reise nach Kanada.
Ich hatte eine Woche in einem Schreib-Retreat in Vancouver verbracht und dort April getroffen. Ihr Vater war ebenfalls im Sommer gestorben und der Status der verwaisten Töchter machte unmittelbar Freundinnen aus uns. Für die zweite Woche hatte ich ein Airbnb auf Salt Spring Island gebucht – die Insel war von Vancouver aus gut zu erreichen, und ich hatte mich an den Hinweis meiner ehemaligen Kollegin erinnert. Vielleicht war die Zeit jetzt reif. Tatsächlich wies alles darauf hin, dass dem genauso war, denn das Schicksal wollte es, dass auch April in der Woche auf Salt Spring sein würde, da ihre Mutter dort wohnte. Sie hatte mir von einer Dokumentation über Stephen Jenkinson erzählt, The Griefwalker, der Trauerwandler, den sie mit mir gemeinsam schauen wollte, wenn ich auf Salt Spring ankam. Und so saßen wir eines Abends auf dieser märchenhaft schönen Insel im salisischen Meer, tausende Kilometer von zuhause entfernt und endlich hörte ich das Echo auf meine Trauer. Es war, als hätte ich den fehlenden Herzschlag wiedergefunden – als wäre ich wieder in tune mit dem Leben. Den Worten Stephen Jenkinsons zu lauschen, bedeutete für mich, einer tiefen Wahrheit zuzuhören. Und Wahrheit ist dynamisch – wenn wir bei der Wahrheit dessen bleiben, was wir in einem bestimmten Moment erfahren, dann transformiert sie sich und offenbart weitere Wahrheiten. Deshalb müssen wir offen dafür bleiben, das zu erfahren, was Ausdruck finden will.

Beyond hope – Wandeln auf dem Pfad der Hingabe

Stephen Jenkinson ist voller Weis- und Wahrheit, jenseits von Religion und Esoterik, und vor allem wandelt er auf einem Pfad, der beyond hope, jenseits der Hoffnung liegt – dem Pfad der Hingabe. Eine seiner wertvollsten Aussagen, die ich mit nach Hause nahm, war, dass Trauern eine Fähigkeit ist. Eine Fähigkeit, die bereichert. Ich hatte eine wunder-volle Zeit in Kanada. Ich habe eine fantastische Natur kennengelernt, großartige Leute getroffen und die Arbeit eines Menschen entdeckt, die mich persönlich und beruflich weit über diese Reise hinaus prägen würde. Dazwischen habe ich viel geweint. Nichts davon war den Tod meines Vaters wert. Aber sein Tod war auch kein bisschen weniger wert als das. Das ist die Alchemie der Trauer. Das ist der Teil seiner Geschichte, den er selbst nicht mehr erzählen konnte. Die Stille nach dem Song.

Nur wenige Monate später kam die große Stille über die Welt, zumindest für ein paar Wochen. Auch wenn wir uns in Deutschland heute, ein Jahr später, mittlerweile im dritten Lockdown befinden, nie wieder war es so still wie in diesen ersten Wochen im März 2020. Es war wie eine Zeitreise, und für mich fühlte es sich so an, als hätte endlich jemand das Karussell angehalten, aus dem mein Vater im Jahr zuvor heraus gefallen war. Als hätten endlich alle mitbekommen, dass einer fehlt. Für ein paar Wochen hatte ich wirklich geglaubt, dass wir jetzt kollektiv anfangen würden zu trauern – um meinen Vater, und um all die verstorbenen Menschen vor ihm. Um all die, die in kommenden Monaten zu tausenden an Covid-19 sterben werden. Um die Welt, die wir als Menschheit so böse zugerichtet haben. Darüber habe ich vor ziemlich genau einem Jahr diesen Artikel geschrieben: Wenn die Welt für alle still steht und mittendrin die Kirschblüten blühen. Da ich ihn noch immer auf bittersüße Art passend finde, freue ich mich über jeden, der nachlesen möchte. In diesem Beitrag habe ich auch ein paar Fragen gestellt:

 Was wird man sich in hundert Jahren über den Corona-Frühling 2020 erzählen?
Was wird in den Geschichtsbüchern zu lesen sein, wenn man uns nicht mehr fragen kann? Was möchten wir, was in Erinnerung bleibt, von dem Moment, der das Davor in das Danach teilte, und wie hat das Danach sich eigentlich angefühlt?“

Ein Jahr später sind wir in diesem vermeintlichen Danach noch lange nicht angekommen. Vielleicht existiert es auch gar nicht. Mir scheint, als steckten wir fest in der Zwischenwelt – weil wir immer wieder versuchen, eine Abkürzung zu wählen, und uns immer wieder für die falsche entscheiden. Damit meine ich nicht den Jo-Jo-Effekt von Lockerungen und Kontaktbeschränkungen. Damit meine ich, dass wir immer wieder nach einem alternativen Weg suchen, der es uns erspart, den Weg zu beschreiten, an dem eben kein anderer Weg vorbei führt. Viele Menschen entscheiden sich für den Weg der Wut, bewusst oder unbewusst. Wut ist ein guter Wegbereiter, er bringt dich zum Handeln in der Misere, und du kannst dich über etwas aufregen. Andere Menschen sind voller Angst. Die Angst ist nicht so verleumderisch oder kriegerisch wie die Stimme der Wut, wie Stephen Jenkinson in Die Wise schreibt, die Angst ist maßregelnder, besorgt, und sie weiß mit gut begründeten Argumenten zu überzeugen. Doch die Angst lebt in dem „noch nicht“ und dem „nicht jetzt“. Wer sich für die Hoffnung entscheidet, ist wiederum in der Zukunft und nicht in der Gegenwart. Wer sich von der Hoffnung verführen lässt, dem heiligen Gral unserer Zeit, schenkt der Gegenwart keine Aufmerksamkeit. Denn du hoffst nicht auf etwas, das schon ist, und das macht die Hoffnung zu einer ziemlich passiven Angelegenheit. Genau wie die Depression, und da spreche ich aus eigener Erfahrung – sie lässt dich erstarren, weil sie alle Energien dafür aufbringen muss, die Gefühle zu unterdrücken, die ins Licht wollen. Da bleibt keine Kraft mehr für irgendetwas anderes. Und so verlaufen wir uns ein ums andere Mal in diesem Labyrinth der Zwischenwelt, und wissen inzwischen buchstäblich nicht mehr ein noch aus. Doch wie können wir den Weg hinaus finden?

Wir können nicht sofort in den „Fix it-Modus“ gehen

Es gibt keinen Geheimgang, keine magische Wand, die sich wendet, wenn wir nur inspiriert und zuversichtlich und hoffnungsvoll genug sind. Der einzige Weg ins Danach führt durch das Tal der Tränen. Doch für diese unvermeidliche Reise müssen wir uns unserer verkümmerten Fähigkeit zu trauern zuwenden. Mehr noch, wir müssen uns ihr hingeben. Vor einiger Zeit hörte ich einen Podcast, in dem Joachim Kamphausen gefragt wurde, was die Welt seiner Meinung nach bräuchte. Ohne zu zögern antwortete er: Hingabe. Ja, dachte ich, genau! Hingabe ist das Gegenstück zur Hoffnung, nicht die Hoffnungslosigkeit, die Hingabe ist es! Das bedeutet auch, sich dem hinzuwenden, was ist und vor allem, was uns hierhin geführt hat.
Es wurde hinlänglich darüber geschrieben, wie es zu der Ausbreitung des Virus und den verheerenden Auswirkungen gekommen ist, dazu möchte ich auch gar nichts mehr sagen. Fest steht, wir haben uns als Menschheit selbst in diese Sackgasse geführt, in der wir uns jetzt befinden. Einen Weg zurück in die Normalität kann es daher auch bitte nicht gebe, denn normal war auch vor Corona schon lange nichts mehr. Darüber sind sich viele einig. Nur, die Erkenntnis allein reicht nicht aus. Wir dürfen nicht sofort in den „Fix it"-Modus gehen, den wir uns in unserer westlichen Kultur zu eigen gemacht haben. In dem Moment, wo jemand ein Problem anspricht, denken wir schon über die Lösung nach. Das ist gut gemeint, aber verhindert, dass wir an den Kern der Dinge kommen: An unsere Trauer.
Nur Trauer ist in der Lage, wirklich und in der Tiefe zu transformieren. Sie versetzt uns in die Lage, Schatzkarten als solche überhaupt erst zu identifizieren und zu entziffern. Sie lässt uns hören, was andere nicht hören können. Sie lässt uns unser persönliches Signal aus unserer gemeinsamen Quelle empfangen, das uns den Weg weist. Sie lässt uns lernen und wachsen – wenn wir es zulassen. Der Haken: Damit wir aus der Trauer lernen können, müssen wir erst wieder lernen zu trauern. Vielen von uns wurde diese Fähigkeit jedoch aberzogen oder gar nicht erst mehr vorgelebt. Sie ist verkümmert. Und langsam, aber sicher scheint sie auszusterben. Wie die Seesterne.

Inspiration, die sich aus positivem Denken speist, hat eine geringe Halbwertszeit

Ich habe diesen Blog im Sommer 2020 ins Leben gerufen, weil ich an die Kraft der Sensitivität glaube. Nicht alle hochsensiblen Menschen haben die gleichen Fähigkeiten, und ich bin schon lange auf der Suche nach einem Wort, die die Sensitivität der Menschen, die in den vergangenen Monaten auf dieser Plattform ihre Geschichte geteilt haben, noch treffender beschreibt als der Sammelbegriff der Hochsensibilität. Eine Freundin schenkte mir gestern den Begriff der „hochintuitiven Menschen“, und ich ging mit diesem Begriff sofort in Resonanz. Ja, dachte ich, dass sind die „Seesterne“, die ich meine, die Schlüsselspezies, die wir brauchen, damit wir uns in diesem Labyrinth aus Wut, Angst, Depressionen und passiver Hoffnung nicht endgültig verlaufen. Sie können die anderen von uns lehren, wie man trauert, denn dafür braucht es eine tiefe Intuition für die Welt, wie sie ist – und nicht nur dafür, wie sie sein sollte.
Alle Erzählungen, denen ich in den vergangenen Monaten lauschen durfte und für diesen Blog aufgeschrieben habe, sind keine Erfolgsgeschichten, die mit der bloßen Hilfe von Inspiration, Reframing oder Hoffnung allein geschrieben wurden. Denn Inspiration, die sich allein aus positivem Denken speist, hat eine geringe Halbwertszeit. Allen Geschichten ist vielmehr gemein, dass die Erzählerinnen zunächst tiefe Trauerprozesse durchgemacht haben – manchmal um einen geliebten Menschen, manchmal um die Natur, manchmal um den drohenden Verlust der eigenen Identität. Sie hatten nicht nur den Mut, sich ihrer Trauer zu stellen, sondern auch die Courage, anderen davon erzählen.
Ich selbst habe mein Leben lang immer wieder unter Depressionen gelitten. Bis mein Vater starb. Dass er mir in der physischen Welt genommen wurde, ist heute mein wertvollster Besitz. Ich habe wieder gelernt zu trauern. Aber dafür brauchte es Zeit. Und Stille, um dem heiligen Rhythmus wahrzunehmen, dessen Spur mich nach Kanada führte.
So viele Menschen sehnen sich dieser Tage nach „laut“ zurück. Ich nicht. Und deswegen gehe ich vorübergehend in den Blogdown. Ich feile an einer Idee, wie ich die Themen Trauer und Hochsensibilität miteinander verbinden kann. Vielleicht als eine Art Limited Edition auf diesem Blog: „What’s your Story? Trauer neu erzählt.“ In jedem Fall plädiere ich dafür, dass wir uns mehr Trauergeschichten erzählen. Das klingt zunächst kontraintuitiv – noch mehr traurige Geschichten in einer traurigen Zeit? Ich möchte mit einer zweiten kurzen Exkursion in die Natur abschließen, auf die mich Stephen Jenkinson gebracht hat. Diesmal geht es unter die Erde.

Wenn du schon mal einen Samen gepflanzt hast, ist dir aufgefallen, dass fast jeder Samen auf die ein oder andere Weise aussieht wie ein Herz? In der Regel haben sogar die ganz kleinen eine Naht in der Mitte. Das ist der Ort, an dem sie brechen, nachdem wir sie in einem dunklen Loch in der feuchten Erde vergraben haben. Wenn der Samen bricht, beginnt sich ein grüner Faden zu lösen, wie die Feder einer kaputten Uhr, und er wendet seinen gehorsamen Weg zunächst hinunter ins Dunkle, und dann hoch in Richtung Oberfläche und in die Richtung des Lichts.
Das ist, was ich meine. Wahre Inspiration speist sich aus erlebter Verletzlichkeit, aus gebrochenen Herzen, und wahre Transformation geschieht in der „dunklen Nacht der Seele“, wie sie in dem archetypischen Erzählmuster der Heldenreise beschrieben wird. Und dabei möchte ich es für den Moment belassen, auch wenn es noch so viel zu sagen gäbe. Ich möchte erst noch ein bisschen lauschen, um meinen individuellen Beat zu finden, der mich aus der Zwischenwelt hinausträgt – und die Magie der Trauer wird mir dabei helfen. Auch ohne offiziell verordnete Osterruhe „von oben“. Wir alle haben die Wahl, uns gegen das Grundrauschen aus Wut, Verzweiflung und Besserwisserei und für die Stille zu entscheiden. Aus der Tiefe des Innern heraus. Denn wenn wir nahtlos zum nächsten Lied wechseln, kann es passieren, dass wir doch bloß wieder die gleiche Platte auflegen.


Sabrina Görlitz ist freie Autorin und Palliativbegleiterin in einer Hamburger Klinik. Dort lauscht sie wie auf diesem Blog den Lebensgeschichten sterbender Menschen und zeichnet sie für Familie und Freunde auf. Mehr auf: https://sabrinagoerlitz.de/  

Informationen über die Arbeit von Stephen Jenkinson: https://orphanwisdom.com/

Dieser Artikel ist Teil des Blogs What's your Story - Hochsensibilität neu erzählt
Hier gibt Autorin und Story Coach Sabrina Görlitz hochsensiblen Menschen die Möglichkeit, ihre ganz persönliche Geschichte zu erzählen und endlich gehört zu werden.

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